Wohnungsnot in Berlin

Wo Wohnen in Berlin noch mehr kostet

Die Wohnungsnot macht sie für viele zum Feindbild: Makler. Elena Roth ist Maklerin und kämpft gegen den schlechten Ruf ihres Jobs.

Elena Roth in ihrem Büro in der 17. Etage eines Hochhauses in Mitte. Bevor die 28-Jährige Maklerin wurde, leitete sie den Vertrieb eines Verlages

Elena Roth in ihrem Büro in der 17. Etage eines Hochhauses in Mitte. Bevor die 28-Jährige Maklerin wurde, leitete sie den Vertrieb eines Verlages

Foto: Amin Akhtar

Berlin. Sie lebt ihren Traum im boomenden Immobiliengeschäft. Sie ist per Du mit Scheichs, Hollywoodstars und Fußballern von Hertha BSC und eine der erfolgreichsten Immobilienmaklerinnen weltweit. Mit 28 Jahren. Elena Roth arbeitet bei der global agierenden Maklerfirma Engel & Völkers. Zum Gespräch empfängt die Maklerin in der 17. Etage eines vollverglasten Hochhauses nahe der Friedrichstraße. Blick über Berlin, Ledersessel, alle paar Minuten blinkt ihr Smartphone. Roth, erst seit zwei Jahren im Geschäft, leitet seit Mai den Bereich Vermietung von Engel & Völkers für weite Teile Berlins. Ein Gespräch mit ihr zeigt die Welt des Jetsets, der Champagnertrinker und Bestverdiener. Eine Welt, weit entfernt von halbseidenen Immobilienanzeigen und Massenbesichtigungen.

Wie so viele Makler ist auch Elena Roth eine Quereinsteigerin. Wer in Deutschland diesen Beruf ausüben will, muss keine fachlichen Voraussetzungen vorweisen. Es gibt nur zwei Ausschlusskriterien: Man darf nicht wegen eines Eigentumsdelikts vorbestraft sein oder in zerrütteten wirtschaftlichen Verhältnissen leben. Roth beispielsweise hat eine Ausbildung zur Marketingkauffrau gemacht, eine Weile als solche gearbeitet und später den Vertrieb eines Verlages geleitet. „Ich bin dann an einen Punkt gekommen, wo ich gemerkt habe, dass ich zu jung bin, um die ganze Zeit in einer Branche zu bleiben, und habe mich noch mal umorientiert“, sagt sie.

2015 war das. Als es mit einer Ausbildung im Immobilienbereich nicht klappte, hat sie sich als Quereinsteigerin beworben und wurde genommen. In der Freizeit hat sie sich Immobilienrecht beigebracht, war immer drei oder vier Stunden länger im Büro, als sie musste. „Wir sind im Vertrieb, Fleiß ist alles“, sagt sie. Das zahlte sich aus: Roth war im ersten Jahr Top-Newcomerin des Unternehmens, erzählt sie stolz. Wie hoch genau ihre Erfolgsquote ist, möchte sie nicht sagen. Roth ist für den „Premium-Premium-Bereich“ in Berlin zuständig: Die Durchschnittsmiete der von ihr vermittelten Wohnungen liegt bei 16 Euro pro Quadratmeter. Ein Drittel der Immobilien geht an ausländische Interessenten, vorrangig Geschäftsleute. In letzter Zeit, so Roth, wird vermehrt auf „Kurzzeit und möbliert“ vermietet.

160 Quadratmeter für 3400 Euro Kaltmiete

Elena Roths Job ist es, die Wünsche ihrer Kunden zu kennen, bevor sie selbst davon wissen, und auch den extravagantesten zu erfüllen. Welchen wird sie nie vergessen? „Schwer zu sagen, die vielen besonderen Wünsche unserer Kunden sind für mich Normalität.“ Dann erzählt sie von Gewächshäusern in der Dachgeschosswohnung, dem eigenen Empfangsbereich mit Concierge innerhalb der Wohnung, einem allgemeinen Conciergeservice, der Mietern zum Beispiel Konzertkarten besorgt.

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Besichtigungstermin in Mitte. Eine 160 Quadratmeter große Maisonettewohnung nahe der Friedrichstraße. Vier Zimmer, 3400 Euro Nettokaltmiete. „Stilvoll vollendet – elegantes Penthouse der besonderen Art“, heißt es im Wohnungsexposé. Den Interessenten, Anfang 30 und Unternehmer, begrüßt Roth vor dem Haus. Verbindlicher Händedruck, man ist per Du. Vorher war sie in der Wohnung, hat das Licht angeschaltet, die Toilette noch mal gespült. Die Küche ist noch nicht aufgebaut. Roth ärgert das. Es soll perfekt sein.

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Ein halbe Stunde ist angesetzt für den Rundgang durch die Wohnung. Roth erklärt die Umgebung, zu Edeka und Alnatura sei es nicht weit, es gibt eine Fußbodenheizung im Bad, Eichenparkett, Südbalkon, der zugehörige Parkplatz koste „leider 250 Euro“ – im Monat. „Sportlich“, so kommentiert der Interessent. Der Blick in den Hinterhof: „Das ist Waschbetonplatte, typisch Berlin in den 90ern, nicht so sexy“, sagt Roth später. Wird sie etwas gefragt, weiß sie eine Antwort. Alles andere wird geprüft oder nachgereicht. „Wir sind in erster Linie Dienstleister“, sagt die 28-Jährige nach der Besichtigung. „Gegenüber dem Mieter und dem Vermieter.“ Doch wer braucht diese Dienstleistung heute noch?

Berlin wächst, Wohnraum wird knapp. Interessenten überschütten Vermieter mit Anfragen. Auch Roth sagt: „Für eine Dreizimmerwohnung für 500 Euro kalt wählt der Eigentümer meist den privaten Weg.“ Auf der anderen Seite wurde im Jahr 2015 das sogenannte Bestellerprinzip eingeführt: Nicht mehr der Mieter, sondern die Vermieter müssen die Maklerprovision zahlen. Viele Makler haben sich deshalb aus der Vermietung zurückgezogen, sagt Dirk Wohltorf vom Immobilienverband IVD. Maklerverbände fürchteten damals gar den Niedergang der ganzen Branche.

Nicht so Elena Roth. Die Kunden seien nach der Einführung des Bestellerprinzips schnell zurückgekommen. „Unsere Kunden haben gemerkt, was wir alles für sie übernehmen.“ Allerdings habe sich das Geschäft durch neue Gesetze wie die Mietpreisbremse verändert. „Wir haben plötzlich ein Überangebot an kleinen, möblierten Wohnungen im Portfolio.“ Für möblierte Wohnungen gilt die Mietpreisbremse nicht. Vermieter versuchen so, das Gesetz zu umgehen. Das Forschungsinstitut Empirica hatte bereits im Sommer 2016 festgestellt, dass in Berlin 35 Prozent aller zur Vermietung inserierten Wohnungen möbliert waren – Tendenz steigend.

„Das Angebot ist mittlerweile sehr groß in diesem Segment, sodass wir unseren Kunden diese Vorgehensweise aktuell nicht empfehlen würden“, sagt Roth. Außerdem sei diese Art der Vermietung nicht ohne Risiko. „Die Vermieter müssen sich überlegen, ob sie für kurze Zeiträume eine hohe Miete kassieren wollen und dafür dann ein halbes Jahr Leerstand haben.“ Dennoch: Es sind Vermietungspraktiken wie diese, die auch den Beruf des Maklers in ein schlechtes Licht rücken: als Preistreiber im Kampf um Wohnraum, als Abkassierer, die nicht mehr tun, als Schlösser zu öffnen. Roth, die aufstrebende Maklerin, lässt diese Kritik nicht gelten.

„Es ist nicht der Makler, der die Preise macht. Es gibt diese Preise, und wir vertreiben sie. Wir sind Dienstleister.“ Kein Makler, so Roth, nimmt jemandem den Wohnraum weg. „Manche Makler entscheiden sich dafür, ihr Wirtschaften anzupassen. Wenn es diese gesetzlichen Lücken gibt, werden sie natürlich genutzt.“ Sie zu schließen, dafür sei die Politik verantwortlich und nicht die Makler-Branche. „Auch der Autovermieter kann nichts für irgendwelche Abgas-Skandale und hört deshalb auch nicht auf, seine Autos zu vermieten – das ist halt so.“

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