Wohnungsnot in Berlin

Berliner Firmen wollen expandieren - und können es nicht

Viele Firmen wollen nach Berlin. Für kleinere Gewerbe werden die Flächen knapp. Wer sich vergrößert, muss tief in die Tasche greifen.

Okan Akyildiz sucht ein größeres Geschäft – sein Laden in Charlottenburg ist schon viel zu voll

Okan Akyildiz sucht ein größeres Geschäft – sein Laden in Charlottenburg ist schon viel zu voll

Foto: jörg Krauthöfer

Berlin. Wenn Okan Akyildiz morgens sein Geschäft an der Tauroggener Straße in Charlottenburg öffnet, beginnt für ihn eine Art Tetris. Bei diesem Computerspiel muss der Spieler verschieden große Rechtecke, Quadrate und andere geometrische Figuren per Tastendruck auf dem Computerbildschirm drehen und so anordnen, dass sie möglichst platzsparend gerade Linien auf dem Monitor bilden. Bei Akyildiz sind es Haushaltsgeräte, die er optimal in seinem kleinen Laden platzieren muss, sodass ihm von der Ladentür bis zu seinem Schreibtisch vor der Werkstatt ein schmaler Durchgang zwischen Waschmaschinen, Geschirrspülern, Kühlschränken, Öfen, Mikrowellengeräten und Herden bleibt.

Gleich am Morgen muss ein Mitarbeiter bei trockenem Wetter bis zu zehn Waschmaschinen mit einer Sackkarre aus dem Ladengeschäft bringen. Er reiht sie außen an der Ladenfront auf – aus Platzmangel und natürlich auch aus Werbegründen.

"Wir holen die defekten Geräte von Kunden ab und reparieren sie in unserer Werkstatt", sagt Akyildiz. Oftmals würden sie nach der Reparatur bis zur Auslieferung noch einige Tage im Laden stehen. "Hin und wieder kaufen wir auch Geräte an, überarbeiten sie und verkaufen sie dann wieder." Immer öfter würde es passieren, dass er Altgeräte eben nicht ankaufen kann, da ihm der Platz fehle. "Wenn ich ein größeres Geschäft mit mehr Fläche hätte, könnte ich auch mehr Aufträge annehmen", sagt Akyildiz. "Ich würde gern expandieren, aber unbezahlbare Gewerbemieten machen mir einen Strich durch die Rechnung."

Suche läuft schon eineinhalb Jahre

Seit ungefähr anderthalb Jahren sucht er ein größeres und bezahlbares Geschäft. "Ich kann mich über diesen Standort nicht beschweren. Für 75 Quadratmeter zahle ich 605 Euro Warmmiete", sagt er. "Das ist eine Summe, die ich auch in einem schlechten Monat erarbeiten kann." In dieser Branche würde es aber die Menge der Aufträge machen, um ausreichend Geld zu verdienen. "Am liebsten möchte ich natürlich hier in Charlottenburg bleiben, Spandau und Wedding wären aber auch in Ordnung." Akyildiz sucht auf entsprechenden Plattformen im Internet nach geeigneten Gewerbeimmobilien. "Entweder werden schöne, aber kleinere Läden zum gleichen Preis angeboten, den ich jetzt zahle, oder aber größere Läden und gleich deutlich teurer", berichtet er von seiner Suche.

In Spandau wurde etwa ein 160 Quadratmeter großes Ladengeschäft angeboten. "Das sollte 2050 Euro monatlich kosten, zuzüglich 19 Prozent Mehrwertsteuer", sagt Akyildiz. "Mit einer Mindestlaufzeit von drei Jahren. Ich wäre dazu verdammt gewesen, knapp 90.000 Euro zu zahlen, egal, ob der Laden läuft oder nicht." Hoffnung macht sich der Geschäftsmann auf einen zweiten Laden hier an der Tauroggener Straße. "Nur zwei Häuser weiter könnte ich vielleicht ein Ladengeschäft für 850 Euro Warmmiete bekommen", sagt er. "Den würde ich zusätzlich anmieten. Das wäre eine traumhafte Lösung."

Berlin ist für viele Firmen und Unternehmen attraktiv

Nach Meinung der Experten der Industrie- und Handelskammer Berlin (IHK) habe die starke Nachfrage nach Gewerbeimmobilien und das zu geringe Angebot die Mieten stark steigen lassen. Die sogenannte Flächenkonkurrenz gelte für Büro- und Einzelhandelsflächen sowie für Werkstätten, Fabrik- und Hallenflächen. "Berlin ist für viele Firmen und Unternehmen eine attraktive Stadt", sagt Jochen Brückmann, Bereichsleiter Stadtentwicklung bei der IHK. Berlin befinde sich im Fokus des internationalen Einzelhandels. Dementsprechend hoch sei auch die Nachfrage. Zusätzlich würden die Nachfrage nach Flächen für den boomenden Wohnungsmarkt und für Gewerbeimmobilien miteinander konkurrieren.

"Der Wettbewerb darum, welche Fläche für welche Nutzung in Anspruch genommen werden kann, ist voll entbrannt", sagt Brückmann. "Sowohl die starke Fokussierung der Politik auf das Thema Wohnen als auch die sehr unterschiedlichen Erlöse auf den verschiedenen Teilmärkten Wohnen, Büro, Gewerbe und Industrie erfordern höhere Anforderungen an das Stadtentwicklungs-management." Planungs- und Wirtschaftsämter müssten umdenken und offener für neue Ideen sein, fordert Brückmann und nennt als ein Beispiel die Schaffung von Wohnraum über Supermärkten.

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Erfolgreicher Kampf gegen Kündigung des Mietvertrages

Neben der Konkurrenz und der steigenden Nachfrage nach Flächen für Wohn- und Gewerberaum treiben auch Hausbesitzer und Investoren die Gewerbemieten in die Höhe. Dass es sich lohnen kann, dagegen anzugehen, zeigt ein prominentes Beispiel aus Kreuzberg: Seit 2001 haben Nadja Wagner und Daniel Spülbeck ihr Café "Filou" an der Reichenberger Straße. Ausgestattet mit einem Fünf-Jahres-Vertrag mit automatischer Verlängerung haben sie monatlich ungefähr 1250 Euro Miete bezahlt. Als zwei Engländer das Haus, ein Nachbarhaus und eine Baulücke kauften, sei noch alles gut gelaufen. "Die neuen Eigentümer wollten nie über die Miete das Geld verdienen, sondern über das Objekt", sagt Spülbeck. Das sei ihm immer wieder versichert worden. "Wir sind aus allen Wolken gefallen, als wir Ende 2016 die fristlose Kündigung bekommen haben", sagt seine Frau. Bis Ende Juli sollte das Paar das Geschäft räumen.

"Wir haben mehrere Wochen intensiv nach einem neuen Laden in der Gegend gesucht", sagen sie. Dies habe sich aber als äußerst schwierig gestaltet. "Läden in schlechten Lagen waren teuer, in guten Lagen nicht bezahlbar", ziehen sie Bilanz. Zeitgleich begannen Solidaritätskundgebungen für den Erhalt des Cafés. Eine Bürgerinitiative und Gentrifizierungsgegner aus anderen Kiezen demonstrierten mehrere Wochen an der Reichenberger Straße.

Die Grünen, die Linke und die CDU brachten eine Resolution in der Bezirksverordnetenversammlung ein, um das Café "Filou" zu retten. Auf Initiative des ehemaligen Bundestagsabgeordneten Hans-Christian Ströbele (Grüne) trafen sich alle Beteiligten. Schließlich zogen die Hausbesitzer die Kündigung zurück, und die Cafébetreiber erhielten einen Mietvertrag ohne Mieterhöhung. "Wir hatten immer einen guten Draht zu den Besitzern", sagt Spülbeck. "In der gesamten Debatte gab es auch viele Missverständnisse und Kleinigkeiten wurden aufgebauscht."

Experten-Telefon:

Muss ich das Sanierungsvorhaben meines Vermieters dulden? Was ist beim Kauf einer vermieteten Eigentumswohnung zu beachten? Am Dienstag, 21. November, von 17 bis 19 Uhr beantworten Dieter Blümmel vom Eigentümerverband Haus und Grund, Reiner Wild vom Berliner Mieterverein und Dirk Wohltorf vom Immobilienverband IVD Ihre Fragen. Sie erreichen sie unter: 030/8872-778 - 46 (Blümmel), 030/8872-778 - 47 (Wild) oder 030/8872-778 - 48 (Wohltorf).

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