Wagenkästen eingetroffen

Neue S-Bahn-Züge für Berlin werden montiert

Für die S-Bahn Berlin hat in Pankow die Montage der ersten neuen Züge begonnen, die von 2021 an auf die Gleise kommen sollen.

Berlin. Eine Sorge weniger werden die Nutzer der Berliner S-Bahn hoffentlich bald haben: Die Züge der nächsten S-Bahn-Generation sollen nicht nur hip und modern, sondern auch wintertauglich sein. Das zumindest haben die Hersteller, die Firmen Stadler und Siemens, am Montag beim offiziellen Montagestart für die neuen S-Bahn-Baureihe 483/484 fest versprochen. So betonte etwa Sabrina Soussan, Chefin der Mobilitätssparte von Siemens, dass bei den neuen Zügen eine erprobte und robuste Technik eingebaut werde, "die bereits in vielen Fahrzeugen auf der Welt eine hohe Zuverlässigkeit unter Beweis gestellt hat".

Als Beispiel nannte sie die Drehgestelle. Die wichtigen Bauteile, an denen die Achsen und Räder des Zuges befestigt sind, sollen denen entsprechen, die bereits bei Fahrzeugen der Osloer U-Bahn erfolgreich im Einsatz waren.

Allerdings werden sich die S-Bahn-Kunden noch eine erhebliche Zeit gedulden müssen, bis sie in den neuen Wagen auch tatsächlich Platz nehmen können. Zwar soll bereits im September 2018 auf der Schienenfahrzeugmesse Innotrans in Berlin der erste Neubauzug der Öffentlichkeit vorgestellt werden, doch in den regulären Einsatz gehen die Fahrzeuge erst in gut drei Jahren.

Erste Fahrt mit Fahrgästen ist für den 1. Januar 2021 geplant

S-Bahn-Chef Peter Buchner hat da sehr konkrete Vorstellungen: Demnach soll sich am 1. Januar 2021 gegen 4 Uhr am Bahnhof Südkreuz der erste Zug mit Fahrgästen an Bord in Bewegung setzen. Die vergleichsweise kurze S47 (Hermannstraße–Spindlersfeld) ist von der S-Bahn vor einiger Zeit zur Erprobungslinie erklärt worden. Anschließend sollen schrittweise alle neuen Züge geliefert und bis September 2023 in das Angebot der S-Bahn inte­griert werden.

Doch warum können die Züge erst ab 2021 fahren? "Klingt zunächst lange, ist es im Schienenfahrzeugbau aber nicht", sagte dazu S-Bahn-Sprecher Ingo Priegnitz. Er verweist darauf, dass es sich bei der Baureihe 483/484 um eine Neuentwicklung handelt, für die vor dem Alltagseinsatz umfangreiche Tests und Zulassungen etwa durch das Eisenbahn-Bundesamt vorgeschrieben sind. Laut Hersteller-Zeitplan wird 2018 der erste "rollfähige Triebzug" fertiggestellt, 2019 ist eine umfangreiche Erprobung im Prüfcenter von Siemens im nordrhein-westfälischen Wegberg-Wildenrath geplant. 2020 soll es dann Testfahrten vor allem aber auf dem Berliner S-Bahnring, dem künftigen Haupt-Einsatzort der neuen Baureihe, geben. Gebaut werden im Stadler-Werk in Pankow zunächst zehn sogenannte Vorserienfahrzeuge.

Konkret werden es fünf Doppelwagen, S-Bahn-intern auch Viertelzüge (Baureihe 483) genannt, und fünf Halbzüge (Baureihe 484). Letztere bestehen aus vier miteinander verbundenen und durchgehend begehbaren Wagen. Die Wagenkästen aus Aluminium werden in Ungarn geschweißt und lackiert, wo Stadler ein dafür spezialisiertes Werk hat. In Pankow erhalten sie "Herz, Gehirn und Seele", wie S-Bahn-Sprecher Priegnitz sagte. Konkret werden die Antriebscontainer mit den Fahrmotoren (das "Herz"), die Leit- und Steuerungstechnik (das "Gehirn") und die Innenausstattung (die "Seele") eingebaut.

Insgesamt hat die S-Bahn bei dem Herstellerkonsortium Siemens und Stadler 85 Halbzüge und 21 Viertelzüge geordert, umgerechnet sind das 383 Wagen. Zum Vergleich: Insgesamt verfügt die S-Bahn derzeit über 650 Zwei-Wagen-Einheiten in drei verschiedenen Baureihen. Der Auftrag hat inklusive der notwendigen Erweiterung der S-Bahn-Werkstatt in Grünau ein Volumen von 900 Millionen Euro.

Finanziert wird die Großinvestition über jährliche Zahlungen der Länder Berlin und Brandenburg, die den Auftrag nach einer europaweiten Ausschreibung Ende 2015 neu vergeben hatten. Als einziger Bewerber in dem mehrfach verzögerten Verfahren war damals die zum bundeseigenen Bahnkonzern gehörende S-Bahn Berlin GmbH übrig geblieben, die damit weiter das gesamte S-Bahn-Netz in der Hauptstadtregion betreibt.

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Wegen Zugmangels fahren Fahrten aus

Wie dringend die neuen Züge benötigt werden, bekommen die Fahrgäste beinahe täglich zu spüren. Weil von den 650 Doppelwagen der S-Bahn-Flotte aktuell nur etwa 510 einsatzfähig sind, fallen immer wieder Fahrten aus oder verspäten sich. Zudem fehlen Reserven, um auf kurzfristige Defekte an Fahrzeugen reagieren zu können. Weil sie nicht genügend Züge hat, bietet die S-Bahn bereits seit dem Sommer nicht die für den Berufsverkehr morgens und am Nachmittag zugesicherten Verstärkerfahrten auf den Linien S1 (Wannsee–Oranienburg) und S5 (Strausberg–Spandau) an. Eine Verbesserung war zunächst für Oktober angekündigt, wird aber nun erst Anfang kommenden Jahres erwartet.

Die neuen Triebwagen werden erstmals in der S-Bahn-Geschichte mit einer Klimaanlage und mit einer Videoüberwachung ausgerüstet. An jeder Wagenseite sollen Flachbild-Anzeigen über Fahrstrecke und Umsteigemöglichkeiten informieren. Die Züge werden in den Traditionsfarben Rot und Gelb lackiert, die Farbtöne fallen aber heller als bei den Vorgängern aus. Dies soll das moderne Design unterstreichen, für das einige Berliner bereits die Spitznamen "fahrendes iPad" geprägt haben.

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