Verkehr in Berlin

Der Kampf auf Berlins Straßen

Verkehrspsychologe Wolfgang Fastenmeier erklärt, warum viele Berliner so aggressiv unterwegs sind und was man dagegen tun kann.

Der Verkehr in Berlin kann schon mal aggressiv machen

Der Verkehr in Berlin kann schon mal aggressiv machen

Foto: Picture alliance

Berlin. Der Autofahrer, der Gas gibt, damit der Fahrer auf der Spur nebenan nicht einscheren kann. Der Radfahrer, der schon 100 Meter entfernt wild klingelt und den Fußgänger auf dem Radweg anpöbelt. Der Fußgänger, der den Radfahrer anschreit, weil der auf dem Radweg zu knapp am Fußgängerweg vorbeigefahren ist. Warum sind Berlins Verkehrsteilnehmer so aggressiv? Und was kann man dagegen tun? Wolfgang Fastenmeier ist Professor für Verkehrspsychologie an der Psychologischen Hochschule Berlin und rät zu einem Perspektivwechsel: "Es ist gut, sich in andere Verkehrsteilnehmer hineinzuversetzen."

Wie bewegen Sie sich durch Berlin?

Wolfgang Fastenmeier: Ich bin meist mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Den Autoverkehr in Berlin bekomme ich deshalb nicht aktiv mit.

Welche Erfahrungen machen Sie?

Es ist schon klar: Das Verkehrsgeschehen heutzutage ist nicht sehr erfreulich. Es ist viel los, es gibt Baustellen und Staus, man wird aufgehalten – das fördert natürlich nicht unbedingt das ruhige, besonnene Verhalten im Verkehr. Man darf nicht vergessen, dass es ein sogenanntes Primärmotiv der Verkehrsteilnahme gibt – und das heißt: Ich will von A nach B kommen. Wenn der Mobilitätszweck gestört wird, wenn man behindert wird, dann führt das zu Frustration. Und Frustration führt in der Regel dazu, dass man aggressiv fährt.

Die Berliner haben den Ruf, am Steuer besonders aggressiv zu sein. Sie leben teils in München, teils in Berlin. Ist es hier tatsächlich so viel schlimmer als in München?

Ich denke, der Unterschied ist gering. Die Frage, ob der Verkehr immer aggressiver wird, lässt sich so nicht beantworten, denn es gibt dazu keine seriösen Zahlen, das ist eine subjektive Wahrnehmung. Es gibt aggressives Verhalten, das liegt in der Natur des Verkehrsgeschehens, aber ob sich das Verhalten im Laufe der Zeit zum Guten oder zum Schlechten verändert, lässt sich nicht sagen.

Die Busfahrer in Berlin sind legendär schlecht gelaunt. Ist das typisch berlinerisch?

Auch da spielt die Subjektivität eine große Rolle. Natürlich hat ein Busfahrer in Berlin mitunter eine etwas rüde Art, aber das ist eben die typische Berliner Schnauze, das sehe ich als Lokalkolorit. In München äußert sich das ein bisschen anders, da gibt es den Grantler, der in sich hineinschimpft, wenn ihm etwas nicht passt. Seine Empörung laut nach außen zu tragen, ist eher berlinerisch.

Was kann jeder Verkehrsteilnehmer tun, um zur Deeskalation beizutragen?

Ganz pauschal gesagt: Umsicht, Vorsicht, Rücksicht. Das ist ein alter Spruch der Verkehrssicherheitswerbung, der immer noch gilt. Wir brauchen alle mehr Verständnis füreinander. Dort hakt es: Wenn ich als Autofahrer unterwegs bin, ist der Radfahrer – übertrieben gesagt – der Feind. Und umgekehrt. Das sollte natürlich nicht sein.

Was macht aggressiv?

Das ist sehr abhängig von Fahrertypen. Vor allem geht es ums Prestige – und das ist nicht nur eine Frage des Fahrzeugs, sondern auch des Fahrstils. Welche soziale Rolle möchte ich im Verkehr spielen? Wie sehr gehört es zu meinem Selbstverständnis, dass ich immer schnell unterwegs bin? Oder bin ich einer, dem es wichtig ist, regeltreues Verhalten zu demonstrieren? Das sind die in­strumentellen Aspekte des Autofahrens, die neben dem Mobilitätsaspekt eine Rolle spielen. Von ihnen hängt es sehr stark ab, ob ich bereit bin, aggressiv zu fahren, oder ob ich besonnener bin.

Was kann man denn machen, wenn die Wut so richtig hochkocht?

Man muss sich immer wieder klarmachen: Wenn der mich jetzt überholt und vor mir einschert, dann verliere ich vielleicht zwei Sekunden, aber was spielen die für eine Rolle? Und man muss mitdenken, beispielsweise nicht in eine Kreuzung einfahren, die noch nicht geräumt ist – sonst schaukelt sich das eben auf. Es ist gut, sich immer wieder in andere Verkehrsteilnehmer hineinzuversetzen. Darüber hinaus gibt es natürlich Methoden zur Stressbewältigung. Das ist allerdings im Fahren sehr schwierig. Atemübungen oder Muskelentspannung muss man dauerhaft machen, die kann

man nicht einfach mal schnell zwischendurch am Steuer anwenden.

Müssen Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger getrennt werden?

Was die beste Lösung ist, lässt sich pauschal nicht sagen, das muss für jede Straße empirisch untersucht werden, wie die Verkehrssituation ist, wie die bauliche Situation ist. Der Fußgänger ist das schwächste Glied in der Hierarchie. Er hat viele Konfliktpunkte mit dem Radfahrer, gerade wenn der Radweg auf dem Gehweg verläuft. Einen Radweg von der Auto-Fahrbahn zu trennen, ist gar nicht so sicher, wie man zunächst denkt, weil Auto- und Radfahrer an den Kreuzungen wieder aufeinandertreffen – und dann nicht aufeinander vorbereitet sind.

Ist die mangelnde Rücksichtnahme im Straßenverkehr Zeichen einer gesellschaftliche Entwicklung?

Die gesellschaftliche Entwicklung kann dabei natürlich eine Rolle spielen. Wir leben ja offenbar in Zeiten, in denen es, zugespitzt formuliert, eine gewisse moralische Verrohung gibt. Wenn man sieht, wie unmoralisch sich Staaten oder Unternehmen verhalten, wächst möglicherweise das Gefühl: Warum soll ich jetzt der moralische Saubermann sein? Und natürlich spielt die Verkehrsdichte eine Rolle. Je mehr Verkehr unterwegs ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zu ungünstigen Situationen kommt. Wenn ich im Stau bin, werde ich behindert, das frustriert mich, das macht mich aggressiv.

Muss man Vergehen im Verkehr stärker ahnden?

Strafe allein ist kein Mittel, um durchgreifende Verhaltensänderungen zu erzielen. Die Erfahrung im Verkehrsbereich zeigt, dass nur kurzfristig das Verhalten geändert wird. Die zugrundeliegenden Einstellungen werden nicht angegriffen. Das Verkehrssystem ist ja sehr fehlertolerant. Das heißt, ich kann Regeln übertreten, das hat keine Konsequenzen für mich. Der Autofahrer wird in seinem Leben vielleicht nie einen Unfall haben, obwohl er zu schnell fährt, dem Radfahrer passiert nichts, obwohl er bei Rot über die Ampel fährt. Und beide werden selten von der Polizei erwischt werden und eine Strafe zahlen müssen. Das ist kein so effektives Mittel.

Kann man gar nichts ändern?

Wichtiger wäre die Sensibilisierung, die Information, was kann passieren, wenn ich mich aggressiv verhalte. In der Schweiz zum Beispiel gibt es Berechnungen, die davon ausgehen, dass dort fünf bis zehn Prozent aller Autounfälle durch aggressive Fahrweise verursacht werden. Solche Dinge müsste man den Verkehrsteilnehmern näherbringen.

Und wie macht man das am besten?

Es gibt die Trias: Sensibilisierung, Information, Motivation. Die Kampagnen beispielsweise des Deutschen Verkehrssicherheitsrats können da viel bewegen. Das sieht man zum Beispiel bei der Kindersicherheit im Fahrzeug. Vor 20 Jahren hatten viel weniger Menschen passende Kindersitze, Kinder waren falsch gesichert oder sogar nicht angeschnallt. Dort sieht es heute viel besser aus. Warum sollte man den Verkehrsteilnehmern nicht auch näherbringen können, dass wir uns im Verkehr viel entspannter bewegen können, wenn wir alle mehr Rücksicht nehmen.

Die Unfälle in Berlin nehmen zu

Unfälle: Berliner Autofahrer fluchen nicht nur, sie krachen auch gerne mal mit ihren Wagen ineinander. Mehr als 140.000-mal ist das 2016 passiert, am häufigsten im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf (19.431), gefolgt von Mitte (19.341). Dagegen wirkt die Zahl von 7829 Unfällen in Potsdam-Mittelmark fast niedrig. In Brandenburg reicht sie dennoch für Platz 1.

Straßennetz: Dabei sind Berlins Straßen zusammen mehr als 5466 Kilometer lang. Platz genug, um sich aus dem Weg zu fahren, sollte man meinen. Doch bei mehr als 1,3 Millionen Fahrzeugen ist das manchmal wohl nicht so leicht, und so scheppert es heute fast 20.000-mal öfter im Jahr als noch vor zehn Jahren. Die Tendenz: deutlich steigend.

Unglücke: Dabei sollten die 17.392 Menschen, die allein im Jahr 2016 durch Autounfälle verunglückten, eine Warnung sein. In Brandenburg waren es im selben Jahr mit 11.447 Unfallopfern zwar weniger, dafür starben mit 121 Menschen aber deutlich mehr als in der Hauptstadt (56). Diese Zahlen gehen aus den Daten des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg hervor.

Mehr zum Thema:

An diesen Berliner Orten gibt es die meisten Verkehrunfälle

Polizist stoppt mit Schuss gefährlichen Chaos-Fahrer

Polizei beschlagnahmt sieben Autos nach illegalen Rennen

Mann will A100 überqueren, wird von Auto erfasst und stirbt

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.