Wohnen in Berlin

Keine Party-WG, nur ein Platz zum Schlafen

Nur für fünf Prozent der Studenten gibt es Wohnheimplätze. Eine junge Studentin erzählt über die schwierige Wohnungssuche.

Katharina Hübsch ist frustriert von der Wohnungssuche

Katharina Hübsch ist frustriert von der Wohnungssuche

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpos

Berlin. Katharina Hübsch, 24, sitzt auf dem Sofa ihres neues Zimmers in Friedenau und schenkt Kaffee ein. 400 Euro zahlt sie, für 19 Quadratmeter in einer Dreier-WG. Die Lehramtsstudentin zieht gerade ein, einige Umzugskisten stehen noch herum, ihre Bücher hat sie schon ordentlich im Regal verstaut.

Nach zwei Monaten der Wohnungssuche ist die FU-Studentin nun endlich irgendwo angekommen. Heute lacht sie , wenn sie von ihrer Suche nach einem Platz zum Schlafen erzählt. "Ich habe über 100 Bewerbungen geschrieben, saß jeden Tag ein bis zwei Stunden dran und das für zwei Monate", erzählt sie. "In der Zeit hätte ich für das halbe Semester lernen können." Zwischenzeitlich habe sie ihr Entscheidung, von Hamburg nach Berlin zu gehen, fast bereut. Dass sie nicht seit September im Hostel schlafen musste, verdankt sie ihrem Freund, in dessen WG sie bis vor kurzem schlief.

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Abstrakten Zahlen, reale Konsequenzen

Wie Katharina Hübsch geht es vielen der 183.000 Studenten in Berlin. Das Studierendenwerk ist völlig überlastet. 5000 Studierende stehen auf der Warteliste für die günstigen Wohnheimplätze, die Wartezeit beträgt mehrere Semester. "Da bin ich dann mit meinem Master fertig" sagt Hübsch. Sie hat sich deshalb gar nicht erst beworben. Ellen Krüger, Sprecherin des Berliner Studierendenwerks, bestätigt die prekäre Situation: "Die Zahl der Studierenden ist in den letzten Jahren stark gestiegen, die Anzahl der Wohnheimplätze ist aber zurückgegangen." Aktuell gibt es nur 9400 Plätze, vor 10 Jahren waren noch mehr als 10.000.

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"Damit liegt unsere Versorgungsquote mit Wohnheimplätzen nur bei knapp über fünf Prozent." Das sei deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von zehn Prozent, der letzte Platz im Ländervergleich. Für Studierende, wie Hübsch, haben diese abstrakten Zahlen ganz reale Konsequenzen: Die LandesAstenKonferenz – der Zusammenschluss der Verfassten Studierendenschaften - hatte den Berliner Senat deshalb zum Semesterstart gar aufgefordert, Notunterkünfte für Studierende einzurichten.

Absurde Besichtigungen und Anmachen

Wenn Hübsch von der Wohnungssuche erzählt, wird ein Kabinett der Absurditäten offenbar. Sie habe sich auf einigen Wohnungsportalen im Internet angemeldet, war diversen Facebook-Gruppen beigetreten, in denen WGs und Wohnungen angeboten werden. Auch auf der Seite "WGgesucht" gab sie Gesuche auf: "Da habe ich teilweise Antworten bekommen nach dem Motto 'Hallo ich bin Rainer, 57, und habe noch ein Zimmer, möchte das aber nur für Frauen unter 30 vermieten.'" Mehrmals habe man ihr Treffen vorgeschlagen in Häusern am Stadtrand. "Da kann man sich ausmalen in welche Richtung so etwas geht – das ist mir bestimmt vier, fünfmal passiert", sagt Hübsch.

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Von Freunden hört sie, dass ältere Männer junge Frauen anschreiben und sie fragen, ob sich diese für einen Schlafplatz erniedrigen lassen würden oder für eine niedrige Miete als Au-Pair-Mädchen arbeiten. Bei einer WG schrieb die Vermieterin, dass das Zimmer nun kleiner als beschrieben, aber deutlich teurer sei. Andere Vermieter hätten explizit zu verstehen gegeben, keine Studenten zu wollen oder horrende Bürgschaften gefordert. "Ich weiß nicht, was Vermieter für Vorstellungen haben, ich will keine Party-WG, ich will nur einen Platz zum Leben." Aber so sei es eben, Vermieter könnten sich fast alles erlauben, weil die Nachfrage viel größer sei, als das Angebot.

Wie in einer Casting-Show

Was sie bei den Besichtigungen selbst erlebte, beschreibt die angehende Lehrerin so: "Neben ein paar Massenbesichtigungen gab es diese eine Wohnung in Zehlendorf, da führte die Vermieterin eine Pro-Contra-Strichliste während wir uns unterhielten." Als sie erzählte, dass sie Vegetarierin sei, hätte das einen Pluspunkt gegeben, ebenso ihre Angabe, ordentlich zu sein. "Ich dachte erst, das wäre sinnbildlich gemeint, aber war wohl ihr voller ernst", so Hübsch. "Sie kritzelte dann auf ihrem Zettel herum." Später hätte sie dann von ihrem Freund erzählt, das sei dann wohl ein Minuspunkt gewesen, erzählt Hübsch und muss lachen. "Du kommst dir dann teilweise vor, wie in einer Casting-Show, in der die Kandidaten sich beweisen müssen – aber wenn man dringend eine Wohnung braucht, ist das nicht mehr so lustig."

Man stumpfe irgendwann ab, sagt die Studentin, irgendwann sei es ihr egal gewesen, wer mit ihr in der Wohnung wohnt. Für ihr Studium hat sie in den ersten Wochen kaum etwas getan, für Besichtigungen musste sie Seminare ausfallen lassen. "Die Zahl der Studierenden wächst, der Wohnraum nicht, dass das ein Problem ist, hätte man doch kommen sehen müssen?"

Senat will mehr Wohnungen für Studierende

Tatsächlich ist in der Berliner Landespolitik seit Jahren bekannt, dass mehr Wohnraum geschaffen werden muss. Bereits im Jahr 2013 wurde angekündigt, bis 2020 mindestens 5000 Wohnungen zu bauen. 2015 beschloss der Senat, dass nicht das Studierendenwerk bauen wird, sondern die städtischen Wohnungsbauunternehmen und die landeseigene Immobiliengesellschaft berlinovo. Passiert ist aber lange nichts. Erst in diesem Jahr sind nun die ersten Hundert Plätze eröffnet wurden.

Erst langsam scheint die prekäre Lage auch den Senat dazu zu bewegen, aktiv zu werden. Denn in den Markt drängen nun private Investoren, die für angebliche "Studentenwohnungen" bis zu 30 Euro pro Quadratmeter verlangen. Für die meisten Studierenden unbezahlbar – gerade für jene, die anders als Katharina Hübsch vom BAföG abhängig sind. Die 250 Euro Wohngeld, die im BAföG für Studierende vorgesehen sind, reichen bei weitem nicht.

In einige privaten "Studentenwohnheimen" liegt die günstigsten Miete bei fast 600 Euro

Laut einer Studie der Wohnungs-Börse "Studenten-WG.de" kosten selbst normale WG-Zimmer im Durchschnitt 407 Euro, in einige privaten "Studentenwohnheimen" liegt bereits die günstigsten Miete bei fast 600 Euro. Im Oktober hat der Regierende Bürgermeister Michael Müller deswegen eine Bundesratsinitiative gestartet: Länderübergreifend solle dafür gesorgt werden, dass die "Bundesregierung die BAföG-Wohnpauschale von derzeit 250 Euro möglichst schnell weiter erhöht", teilte Müller mit. Die Wohnsituation sei gerade für Studenten mit geringem Einkommen eine höhere Belastung.

Den Bau der 5000 versprochenen Wohnungen soll Steffen Krach, Michael Müllers Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung, ankurbeln. "Angesichts der steigenden Nachfrage ist völlig klar, dass wir uns alle gemeinsam noch mehr anstrengen müssen", sagt er auf Anfrage. In den kommenden Tagen will man sich nun im Roten Rathaus mit weiteren Akteuren zusammensetzen. Dort soll dann auch diskutiert werden, wie man mehr als die bereits beschlossenen 5000 Wohnungen bauen könne. Denn damit, sagt Katharina Hübsch, wären ja bis 2020 gerade einmal die Studierenden abgearbeitet, die sich bereits jetzt auf der Warteliste des Studierendenwerkes befänden.

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