Bildung

Die Gruppen in Berliner Kitas sind oft zu groß

Viele Kindertagesstätten beschäftigen zu wenig Personal, wehren sich aber gegen Ersatzlösungen, besagt ein Senatsbericht.

Foto: Oliver Berg / dpa

Berlin. Viele Kita-Gruppen sind in Berlin deutlich größer als erlaubt. Das geht aus einer Vorlage der Senatsbildungsverwaltung an den Hauptausschuss hervor. Weil Erzieher fehlen, werden Gruppen zusammengelegt. In diesem Jahr wurden erstmals alle Einrichtungen durch die Senatsverwaltung für Bildung befragt. Bisher gab es nur Stichprobenerhebungen. Nun liegt ein umfassendes Bild der Betreuung in den Berliner Kindertagesstätten vor – und es fällt nicht gut aus.

Personalschlüssel variiert mit dem Alter der Kinder

Die Vorgaben sehen vor, dass im Durchschnitt ein Erzieher neun Kinder, die älter als drei Jahre sind, betreut. Dieser Wert variiert allerdings mit dem Alter der Kinder. So soll beispielsweise bei Kindern unter drei Jahren ein Erzieher maximal für fünf Kinder zuständig sein. Bei Kita-Gruppen, in denen die Kinder unterschiedlich alt sind, variiert dieser Personalschlüssel noch einmal.

Im März 2017 hat die Verwaltung alle Kitas nach ihrer Personalausstattung befragt. Die Bilanz ist ernüchternd: Knapp 38 Prozent der Kitas haben so wenig Erzieherinnen, dass die kurzfristig zulässige Toleranzgrenze von maximal fünf Prozent Unterbesetzung überschritten wird. Besonders in den öffentlichen Eigenbetrieben fehlen Erzieher: Hier überschreiten sogar 55 Prozent der Einrichtungen die erlaubte Toleranzgrenze.

Allein an den Kita-Eigenbetrieben der Bezirke sind 400 Vollzeit-Erzieher zu wenig eingesetzt, gemessen an der Anzahl der betreuten Kinder. Immerhin haben 21 Prozent der Kitas auch etwas mehr Erzieher in ihren Gruppen als der Personalschlüssel vorsieht. Kleine Kinderläden sparen dafür zum Beispiel an der Verwaltung. Dennoch liegt die Ausstattung bei allen Trägern im Durchschnitt bei 94,6 Prozent und damit knapp unter den zulässigen 95 Prozent.

Die Senatsverwaltung für Bildung droht mit Konsequenzen: „Wenn zu wenig Personal beschäftigt wird, hakt die Kita-Aufsicht nach und macht Druck, dass die Vorgaben eingehalten werden. Die Kita-Träger sind dazu verpflichtet, und wir unterstützen sie darin, möglichst schnell eine Lösung der Probleme zu finden“, sagte Senatorin Sandra Scheeres (SPD). Die Träger könnten zum Beispiel kurzfristig für Abhilfe sorgen, indem sie die Stunden von Teilzeitkräften aufstocken oder in Absprache mit den Eltern Betreuungszeiten verkürzen. Gelingt dies nicht, sei der Entzug der Betriebserlaubnis der letzte Schritt. Allerdings würden dann auch die Kita-Plätze fehlen.

Die Träger führen die Unterausstattung auf den Fachkräftemangel zurück: „Das tatsächliche Ausmaß des Personalmangels vor Ort ist noch viel größer, denn in der Abfrage werden auch jene Erzieher mitgezählt, die dauerkrank oder an zwei Tagen pro Woche in der berufsbegleitenden Ausbildung sind“, sagte Norbert Kapinos, Geschäftsführer des Kita-Trägers Vielfarb in Pankow. In der Praxis bedeute die Unterausstattung, dass Kinder einer Gruppe auf andere Gruppen aufgeteilt werden müssen. Für Kinder und Erzieher bedeute das mehr Stress.

Bessere Bezahlung von Erziehern gefordert

Vielfarb gehört zu der Arbeitsgemeinschaft, die kürzlich im Abgeordnetenhaus eine Petition eingereicht hat, in der unter anderem eine bessere Bezahlung für Erzieher gefordert wird. „Wir würden gern mehr einstellen, wenn die Bewerber da wären“, sagte Kapinos.

Auch die Vorsitzende des Landeselternausschusses, Katrin Molkentin, sieht das Land in der Pflicht: „Angesichts des Fachkräftemangels kann die Senatsverwaltung nicht einfach den Druck an die Träger über Sanktionen weitergeben“, sagte Molkentin. „Berlin leistet es sich immer noch, die Erzieher schlechter zu bezahlen als andere Bundesländer“, sagte die Elternvertreterin.

Scheeres hatte im Mai wegen des Fachkräftemangels den Einsatz von Sozialassistenten befristet für zwei Jahre an Kitas zugelassen, wenn diese danach eine Ausbildung beginnen. Doch die Maßnahme ist umstritten und viele Träger schrecken davor offenbar zurück. In einem Brief hat sich die Senatsverwaltung im Oktober an die Bezirksbürgermeister gewandt, mit der Aufforderung, in den Eigenbetrieben stärker von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen: „Obwohl laut Auskunft der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg der Bundesagentur für Arbeit über 600 Sozialassistenten zur Verfügung stehen, sind in Berliner Kitas leider nur 87 Verträge geschlossen worden“, heißt es in dem Schreiben der Bildungsverwaltung, das der Berliner Morgenpost vorliegt. Auch die zulässige Quote von 33 Prozent für Quereinsteiger werde von den Eigenbetrieben bei Weitem nicht ausgeschöpft.

Mit einer neuen Software, die 2018 eingeführt wird, soll der tatsächliche Personalbestand an den Kitas künftig im Frühjahr und im Herbst kontrolliert werden. Das hatte auch der Landesrechnungshof angemahnt, denn das Land bezahlt Personalkostenzuschüsse für die belegten Kita-Plätze unabhängig von dem tatsächlich vorhandenen Personal vor Ort. Durch eine dauerhafte Unterausstattung könnten die Träger so theoretisch Gewinne machen.

Mehr zum Thema:

Weniger Kinder in Berlin von der Einschulung zurückgestellt

Drei-Religionen-Kindergarten in Berlin geplant

Vater des reanimierten Kinds: „Ein unmenschliches Verhalten“