R2G-Projekt

Zwei Standorte für Berliner Landesbibliothek im Rennen

Das Marx-Engels-Forum in Mitte und die Amerika-Gedenkbibliothek in Kreuzberg sind im Rennen. Die Grünen drängen auf eine Entscheidung.

Möglicher Standort für die neue Landesbibliothek: das Marx-Engels Forum

Möglicher Standort für die neue Landesbibliothek: das Marx-Engels Forum

Foto: imago stock / imago/Christian Ditsch

Berlin soll eine neue Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) bekommen, zu diesem Ziel bekennt sich die rot-rot-grüne Koalition. Dafür sind offensichtlich nur noch zwei mögliche Standorte im Gespräch: das Marx-Engels-Forum in Mitte und die Amerika-Gedenkbibliothek (AGB) in Kreuzberg. Nach Angaben der Kulturverwaltung soll in dieser Legislaturperiode eine Entscheidung getroffen werden, wo das Literaturzentrum gebaut wird. In der Koalition nimmt nun die Diskussion Fahrt auf, welche Variante geeignet ist.

Antje Kapek, Fraktionschefin und Stadtentwicklungsexpertin der Grünen im Abgeordnetenhaus, warnt insbesondere wegen des schwierigen Baugrunds vor dem Marx-Engels-Forum. Auch Daniel Buchholz, stadtentwicklungspolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, ist skeptisch. Zudem fordert Kapek eine Entscheidung bereits im kommenden Jahr. Die zuständige Senatskulturverwaltung betont, sie habe keine Präferenz für einen der beiden Standorte.

Grundlage der Vorentscheidung ist die "Wirtschaftlichkeitsuntersuchung für vier potenzielle Standorte der ZLB", die ein Beratungs- und Planungsunternehmen im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung vorgenommen hat. Neben den genannten Varianten wurden auch das Flughafengebäude Tempelhof und ein Grundstück der BSR am Bahnhof Südkreuz geprüft. Gegen den Flughafen Tempelhof spreche, dass das Raum- und Funktionsprogramm der Zentral- und Landesbibliothek nicht mit dem Flughafengebäude und den Vorstellungen des Landesdenkmalamtes in Einklang zu bringen sei, heißt es in der Dokumentation.

"Anteil an Grünflächen soll nicht verringert werden"

Der Standort am Südkreuz zeige "deutliche Schwächen" hinsichtlich der Lage, zudem sei die Genehmigungsfähigkeit fraglich. Die Prüfer gaben aber keine singuläre Empfehlung ab, sondern erklärten wegen der ausgewogenen Kosten-Nutzen-Relation sowohl die AGB als auch das Marx-Engels-Forum für plausible Standorte. Sie meinten allerdings, es seien "stadtentwicklungspolitische Diskurse notwendig", die über die reine Betrachtung der Wirtschaftlichkeit hinausgehen.

Bereits 2015 wurde eine große Stadtdebatte zur Berliner Mitte geführt, deren Ergebnis zehn Bürgerleitlinien waren. Diese Leitlinien übernahm das Abgeordnetenhaus im Juni 2016 durch einstimmigen Beschluss. Nun soll die Debatte in erweiterter Form fortgesetzt werden, dafür wird auch Geld im Landeshaushalt berücksichtigt. In den Leitlinien heißt es unter anderem: "Der heutige Anteil an Grünflächen soll nicht verringert werden." Insbesondere solle das Marx-Engels-Forum als grün geprägter Freiraum erhalten bleiben. Dennoch schlägt mit Ex-Kultursenator Thomas Flierl ein prominenter Linke-Politiker vor, die künftige Zentral- und Landesbibliothek dort zu bauen und der historischen Mitte damit eine in die Zukunft gerichtete Funktion für alle Stadtbürger zu geben.

Flierl bringt einen Baukörper entlang der Karl-Liebknecht-Straße ins Gespräch, der den Park zudem vor Lärm abschirmen würde. "Denkbar wäre aber auch, die Bibliothek gänzlich unterirdisch zu errichten und die Lesesäle zu Lichthöfen hin zu öffnen", schreibt der Linke-Politiker in einem Beitrag für die Publikation der Hermann Henselmann Stiftung.

Für einen Ergänzungsbau an der Amerika-Gedenkbibliothek

Die Gegenposition vertritt dort die Architektin Theresa Keilhacker: "Eine Versiegelung und Bebauung des Marx-Engels-Forums für eine neue ZLB mit geschätzter Nutzfläche von circa 50.000 Quadratmetern wäre ein eklatanter Verstoß gegenüber dem Parlamentsbeschluss und dem vorausgegangenen umfangreichen Bürgerbeteiligungsprozess", schreibt sie. Der Verlust an Grün wäre erheblich, die Gründungsprobleme würden den Bau sehr teuer und schwierig machen und dem Bereich erneut auf Jahre eine Großbaustelle wie derzeit für die U-Bahnlinie 5 bescheren. Thomas Flierl handelt das Problem eher lakonisch ab: "Der Baugrund ist nicht einfach. Wir müssten uns also anstrengen."

"Ich glaube nicht, dass das Marx-Engels-Forum der richtige Standort ist", sagte Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek der Berliner Morgenpost. Auch sie pocht darauf, dass sich in der Bürgerbeteiligung eine große Mehrheit für einen Freiraum ausgesprochen habe. Zudem sei der Baugrund für ein so großes Projekt nicht geeignet. "Das Letzte, was Berlin braucht, ist eine Staatsoper 2.0", warnte Kapek. Die Grünen machen sich für die Kreuzberger Variante stark, einen Ergänzungsbau an der Amerika-Gedenkbibliothek. Der Standort sei bereits etabliert, liege ebenfalls zentral und sei durch drei U-Bahnlinien perfekt erschlossen. Zudem fordert die Fraktionschefin mehr Tempo: "Ich wünsche mir, dass wir innerhalb des nächsten Jahres zu einer Standortentscheidung kommen, damit wir bis zum Ende der Legislaturperiode die nächsten Schritte vorbereiten können." Dazu gehörten etwa ein Architekten- und Realisierungswettbewerb.

Die SPD-Fraktion habe zur Standortfrage noch keinen Beschluss gefasst, erklärte der Abgeordnete Daniel Buchholz. Als Stadtentwicklungspolitiker habe er aber mehrere Zweifel beim Marx-Engels-Forum, auch wegen der Bürgerleitlinien. Zum ohnehin problematischen Baugrund im historischen Bereich komme die Nähe zum Wasser. Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) hält sich mit einer Präferenz bislang ebenso zurück wie Kultursenator Klaus Lederer (Linke). Die Texte von Thomas Flierl und Theresa Keilhacker seien "interessante Debattenbeiträge in dem gewünschten offenen und lebhaften Austausch von Argumenten", erklärte Lederers Sprecher Daniel Bartsch salomonisch.

"Wir legen uns nicht fest", sagte auch ZLB-Sprecherin Anna Jacobi. Vorrangig sei, die Bibliothek möglichst bald an einem einzigen Ort zu haben. Die Verantwortlichen verhehlen indes nicht, "dass die Amerika-Gedenkbibliothek ein sehr guter Standort wäre". Sie sei sehr beliebt, so Jacobi, 80 Prozent des Publikumsverkehrs der ZLB fänden dort statt, 2500 bis 3500 Besucher kämen pro Tag. Bei einer Standortentscheidung für Mitte müsste die Bibliothek am Halleschen Tor aufgegeben werden. Die Verfasser der Wirtschaftlichkeitsuntersuchung rechnen nach der Zusammenführung der Standorte in einem attraktiven Neubau oder der baulich erweiterten AGB mit 10- bis 15.000 Besuchern pro Tag. In dem Punkt hat Thomas Flierl recht: "Wir müssen uns anstrengen."

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.