Handwerk

Berliner Fenster für die Thomas-Mann-Villa in L.A.

Ein Familienunternehmen aus Marienfelde bekam den Auftrag für das Haus in Los Angeles.

Bastian Timm ist der Juniorchef der Firma

Bastian Timm ist der Juniorchef der Firma

Foto: Massimo Rodari

Berlin/Los Angeles.  Ohne „made in Berlin“ geht es selbst in der Metropole Los Angeles manchmal nicht. Die neuen Fenster für die einstige Villa des Schriftstellers Thomas Mann im kalifornischen Exil werden in Marienfelde produziert. Von der Firma „Hans Timm Fensterbau“ mit Sitz an der Motzener Straße 10. „Immer dann, wenn hohe Anforderungen an Sicherheit, Architektur und Bauphysik gestellt werden, arbeiten Architekten gern mit uns zusammen“, sagt Bastian Timm, Juniorchef der Firma.

Durch seine Arbeiten hat sich das Familienunternehmen Timm längst einen Namen gemacht – es stellte die Fenster in neun Bundesministerien her, in der Staatsbibliothek Unter den Linden, im Soho-Haus in Mitte, in der Hufeisensiedlung in Britz und im Museum Berggruen gegenüber dem Schloss Charlottenburg. Darüber hinaus hat Firmengründer Hans Timm mit einer Methode, die Berliner Kastenfenster zu sanieren, Maßstäbe gesetzt. Sein Konzept sorgt seit Jahrzehnten dafür, dass die stadtbildprägenden Kastenfenster erhalten und modernen Anforderungen von Schall- und Wärmeschutz gerecht werden. Etwa 10.000 solcher Flügel arbeitet die Firma jährlich auf. Meist in zwei Schritten, damit der Kunde immer eine Ebene zum Verschließen behält. Bei der Runderneuerung werden die Fenster entlackt, Risse gefüllt, Ecken stabilisiert, neue Scheiben werden eingebaut, auf Wunsch auch Isolierglas, zudem werden wie bei modernen Fenstern Dichtungen eingefräst.

Im zweigeschossigen Gebäude werden Stahlfenster eingebaut

Für die zweigeschossige Villa in Kalifornien wird die Firma keine Holzfenster, sondern wärmegedämmte Stahlfensterkonstruktionen fertigen. Die Profile werden automatisiert zugeschnitten und bearbeitet. Anschließend werden sie zusammengeschweißt, die Beschläge und die Schließmechanismen eingebaut, die Fenster verglast und dann ausgeliefert. „Auch in Los Angeles geht es um schöne, schlanke Profile, denn die sind architektonisch gefragt und auch im Denkmalschutz und in der Herstellung anspruchsvoller“, erläutert Bastian Timm. Der 33-Jährige ist 2010 in dritter Generation ins Familienunternehmen eingestiegen, nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann und einem Studium im Wirtschaftsingenieurwesen.

1957 gründeten die Großeltern, Hans und Christel Timm (beide 84) den Betrieb – als Tischlerei an der Ludwigkirchstraße 4 in Wilmersdorf. Inzwischen beschäftigt das Unternehmen 130 Mitarbeiter – Tischler, Glaser, Ingenieure, technische Zeichner. In drei Werken in Marienfelde werden die Fenster gefertigt. Rund 20.000 sind es pro Jahr. Der Umsatz beträgt nach Auskunft des Unternehmens 16 Millionen Euro jährlich. 2013 übergab Hans Timm die Geschäftsführung an seine Söhne Detlef und Bernd. Inzwischen arbeitet auch der Sohn von Detlef Timm, Jonas Swiatek, mit im Unternehmen.

Das Anwesen wird von Grund auf saniert

An Thomas Manns Villa müssen nicht nur die Fenster erneuert werden, das Anwesen wird gerade von Grund auf saniert. Das zweigeschossige Einfamilienhaus am 1550 San Remo Drive, in dem Thomas Mann von 1942 bis 1952 lebte, bietet rund 485 Quadratmeter Wohnfläche, das Grundstück ist 4000 Quadratmeter groß. Beste Wohnlage. Goldie Hawn und Kurt Russell sind gerade erst nebenan eingezogen. Steven Spielberg und Sylvester Stallone gehören ebenfalls zu den Nachbarn.

Bastian Timms Vater Bernd hat in Los Angeles Maß genommen für die 45 neuen Stahlfenster und mit den Architekten die Einzelheiten besprochen. Denn es ist Prinzip der Firma, von der Planung über die Herstellung und den Einbau bis zur Wartung alles selbst zu machen. Das gab neben dem günstigsten Angebot wohl auch den Ausschlag, den Berlinern den Auftrag zu geben.

Auftraggeber ist der Verein „Villa Aurora und Thomas Mann House“. Er organisiert im Auftrag des Auswärtigen Amts die Renovierung. Der Verein hat einen erfahrenen Generalunternehmer in Los Angeles mit dem Vorhaben beauftragt. Doch das, was die Berliner Firma Timm anbietet, war nach Auskunft des ehrenamtlichen Vereinsvorsitzenden Markus Klimmer in Amerika nicht zu bekommen: „Wir hätten natürlich Fenster erhalten, aber nicht in dem Stil, den das in der filigranen Bauhaus-Architektur von Julius Ralph Davidson 1940/41 entworfene Haus verlangt“, sagte Klimmer, der auch Vorsitzender des Bauhaus-Archivs ist, auf Anfrage der Berliner Morgenpost. Das Haus stehe nicht unter Denkmalschutz. Dennoch werde bei der Renovierung Wert darauf gelegt, möglichst den ursprünglichen Zustand zu erhalten oder wiederherzustellen. Die Familie, die bis zum Kauf des Hauses durch die Bundesregierung dort lebte, habe es 1952 von den Manns gekauft und Veränderungen nur sehr behutsam vorgenommen. Der Nachfolge-Eigentümer sei mit 97 Jahren verstorben, seine Kinder hätten es verkauft.

Auch der Blick auf den Pazifik wird wieder freigeschnitten

So ist die Küche der Familie Mann im Original vorhanden und soll auch erhalten bleiben. Das Arbeitszimmer von Thomas Mann, in dem er Werke wie „Doktor Faustus“, den letzten Teil von „Joseph und seine Brüder“ und manche Teile der „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ geschrieben hat, bot laut Klimmer früher einen Blick auf den Pazifik, den das üppige Grün im Garten inzwischen jedoch versperrt. Auch das soll sich wieder ändern. Bei den neuen Fenstern kommt es den Auftraggebern nicht nur auf die Optik an. Auch Lärmschutz und energetische Funktionen sollen den heutigen technischen Möglichkeiten entsprechen. „Man glaubt es nicht, aber auch in Los Angeles können die Nächte sehr kalt sein“, sagt Klimmer, der dort aufgewachsen ist.

Das Auswärtige Amt hatte das Thomas-Mann-Haus in Pacific Palisades am Westrand von Los Angeles im vergangenen November für umgerechnet rund 12,5 Millionen Euro erworben, um es als einen Ort des Nachdenkens und der Diskussion wiederzubeleben. Zugleich soll das Haus auch als Erinnerungsort an die Aspekte des Exils erhalten bleiben. Ab 2018 werden dort deshalb Stipendiaten aus Deutschland arbeiten, sich mit Fragen des Zeitgeschehens beschäftigen und den Dialog mit den USA vertiefen. Zu den ersten fünf Stipendiaten sollte auch die renommierte Politikwissenschaftlerin und Journalistin Sylke Tempel, Chefredakteurin der Zeitschrift „Internationale Politik“, gehören. Doch sie kam beim Orkan „Xavier“ am 5. Oktober in Tegel ums Leben. Sie wurde auf dem Heimweg von einer Veranstaltung des Auswärtigen Amtes in der Villa Borsig von einem Baum erschlagen. Ihr Platz soll nicht nachbesetzt werden.

Im Frühjahr sollen die Fenster aus dem Werk an der Motzener Straße per Luftfracht von Tegel über Frankfurt nach Kalifornien gebracht und montiert werden. „Wir werden vier Wochen mit fünf Mann vor Ort sein“, sagt Bastian Timm, der dann auf jeden Fall dabei sein will. Auch in Washington D. C. hat er 2012 mit montiert, als sich die Timms in der denkmalgeschützten Residenz des deutschen Botschafters um die Fenster kümmerten. Im Mai soll das generalüberholte Thomas-Mann-Haus oberhalb von Santa Monica dann den Stipendiaten übergeben werden.

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