Air Berlin

Wie Berlin und seine Airline voneinander Abschied nahmen

Zum Abschied gab’s Sekt und ein Fest, Tränen und große Bilder. Die Reportage vom letzten Air-Berlin-Flug.

Der letzte Air-Berlin-Flug wird bei seiner Ankunft in Tegel mit Wasserstrahlen begrüßt

Der letzte Air-Berlin-Flug wird bei seiner Ankunft in Tegel mit Wasserstrahlen begrüßt

Foto: HANNIBAL HANSCHKE / REUTERS

Berlin.  Am Ende ist da nur noch ein winziger Punkt. Er schwebt langsam über den samtschwarzen Himmel über Berlin, ein rotweißes Leuchten, das am Freitagnacht um kurz vor Mitternacht signalisiert: Es ist vorbei. Zum letzten Mal setzt eine Maschine der insolventen Air Berlin zur Landung an. Flug AB6210 von München nach Berlin-Tegel ist voll besetzt. 178 Passagiere und acht Besatzungsmitglieder schauen aus der seit Wochen ausgebuchten Maschine auf die Stadt, die unter ihnen vorbeizieht wie ein goldschimmernder Teppich. Als die Lotsen die Sondergenehmigung für den Abschiedsflug durchgeben, fließen selbst auf dem Funk Tränen. Die Abschiedsrunde über der Stadt soll die Form eines Herzens haben.

Auch der letzte Flug hat Verspätung

Mit der Landung am Freitagabend, 27. Oktober, 23.45 Uhr, mit ziemlich genau einer Stunde Verspätung, wird der Flugbetrieb von Air Berlin eingestellt. Die spektakuläre Firmenpleite ist seit Wochen in den Schlagzeilen. Nicht nur, weil 8000 Angestellte die Arbeit verlieren. Sondern wohl auch wegen der Geschichte der Gesellschaft, die den Namen Berlins 38 Jahre um die Welt trug. Vorn im Abschiedsflieger sitzt auch der einstige Air-Berlin-Chef Joachim Hunold, 1991 kaufte er die Gesellschaft, machte sie zur Nummer zwei in Deutschland und zum Aushängeschild der Stadt, die fast zeitgleich zum Touristenmagnet wurde.

Der letzte Air Berlin-Flug

Der letzte Air Berlin-Flug. Abflug in München und Landung in Berlin-Tegel.
Der letzte Air Berlin-Flug

2011 gab er seinen Posten ab, die Gesellschaft steckte in Schulden und Schwierigkeiten. „Berlin verliert an diesem Abend seinen größten Werbeträger“, sagt Hunold vor dem Start. Doch eigentlich geht es um mehr. Die rot-weiße Airline war ja längst selbst ein Teil von Berlin. Der Aufstieg der Airline, die 1978 in den USA gegründet wurde und in der einst geteilten Stadt unter den Alliierten nur mit Sonderrechten starten durfte – sie sind eng miteinander verbunden.

Als der A320 sein Herz in die Nacht von Berlin malt, in nur tausend Metern Höhe, der rote Flugzeugbauch hell beleuchtet, verfolgen den Flug viele Berliner im Internet oder auf der Straße. Sie posten Videos und Fotos von dem Leuchtpunkt am Himmel, schreiben Erinnerungen an Flüge und Reisen. Und an die roten Schokoherzen, die bis zuletzt nach jedem Flug verteilt wurden. Aus dem Giveaway ist jetzt ein Symbol des Abschieds für immer geworden.

Allein 1600 Gäste drängeln sich auf der Besucherterrasse im Flughafen Tegel, Mitarbeiter von Air Berlin, Fluggäste, Fans. Viele Medien senden das Ereignis live. Gegen 22 Uhr wird die Terrasse wegen Überfüllung geschlossen.

"Air Berlin forever, Over and Out"

Der letzte Funkspruch von Air Berlin. "BER4EVR to Tegel Airport."
"Air Berlin forever, Over and Out"

Spät in der Nacht gehen die Bilder aus Berlin um die Welt. Wie das Abschiedsflugzeug in Tegel mit vier Wasserfontänen, viel Rot- und Blaulicht empfangen wird. Wie es dann auf das Vorfeld rollt, an Position 52, wo hunderte Air-Berlin-Mitarbeiter in gelben Westen und roten Herzchen-Ansteckern es mit Jubel und Sprechchören empfangen. Tausende verfolgen auch die Livebilder der Abschiedsparty bis spät in die Nacht, die auf den eigentlich traurigen Anlass folgt.

Kann das sein? Manchen Zuschauer irritiert die Nostalgie ebenso wie die scheinbare Ausgelassenheit, mit der zum Beispiel der Senior Purser des letzten Fluges von der Gangway in die Menge ruft: „Unsere Familie?“ – Die versammelten Kollegen brüllen im Chor zurück: „Air Berlin!“ Nur wer direkt daneben steht, sieht die Tränen.

Auch Joachim Hunold hat am Abend von der Verbundenheit vieler „Airberliner“ gesprochen, beim Abflug in München, wo zahlreiche Mitarbeiter mit Reden, Blumen und Geschenken Abschied nahmen. Pilot David McCaleb arbeitet seit 27 Jahren für Air Berlin, der Leiter der Crew, Stefan Berg, seit 25 Jahren. Die gesamte Crew von AB6210 bringe es auf 195 Dienstjahre, haben sie ausgerechnet. Einmal noch, sagt eine Flugbegleiterin später im Flugzeug, wollen sie an diesem Abend „das Air-Berlin-Gefühl genießen. Alles andere blenden wir aus“. Dann lächelt sie und schiebt den Wagen mit Getränken und Essen weiter durch den Gang.

Seit Tagen haben Piloten und Flugbegleiter auf den letzten Air-Berlin-Flügen in ihren Ansagen Abschied genommen. Es gab Tränen, Wutausbrüche, Frustration. Auch, weil niemand sich schuldig bekennen will an der Pleite, die nun in erster Linie die Angestellten trifft. Auch wenn es nun heißt, für 80 Prozent der Betroffenen würden neue Arbeitsplätze angeboten: Viele müssen sich erst darauf bewerben und im Zweifelsfall schlechtere Konditionen in Kauf nehmen. Wie es für sie konkret ab dem nächsten Tag weitergeht, sagt eine andere Flugbegleiterin später, wisse momentan niemand. Im Arm hält sie Blumen, in ihren Augen: Tränen.

Dabei haben der Flugkapitän und sein Team alles versucht, um die Stimmung in diesem allerletzten AB-Flug nicht kippen zu lassen. Aus den Sicherheitshinweisen wird eine Witzveranstaltung: „Wir verraten Ihnen heute ein großes Geheimnis – so öffnet und schließt sich ein Sicherheitsgurt!“ McCaleb erzählt über den Lautsprecher Anekdoten aus seinem Leben. „Ich habe meine Liebe in Deutschland gefunden – mehrmals“ (Gelächter). Als einem Flugbegleiter bei einer Durchsage die Worte im Hals stecken bleiben, meldet sich der Kapitän aus dem Cockpit mit einer lustig gemeinten Anweisung.

Statt der üblichen Snacks („Süß oder salzig?“) gibt es auf dem letzten Kurzstreckenflug Kanapees und Törtchen auf Porzellan und den Sekt gratis – eine Abschiedsgeschenk des Caterers. Statt des Verkaufs von Parfüm und Andenken bittet die Crew ihre Gäste, mit ihnen noch einmal die Air-Berlin-„Hymne“ von 2006 zu singen: „Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin“.

Den Song von 2006 kennen Stammgäste noch als Warteschleife, die jahrelang als Ohrwurm bei Air Berlin lief. Sie passte ganz gut zu dem damaligen Publikum, das die Fluglinie zum Feiern nach Mallorca flog. Nicht alle mochten das Lied, zuletzt klang es wie Ironie. „Immer pünktlich und schnell“, heißt es darin, „wir heben immer ab, aber abgehoben sind wir nie“. Der Ursprung des Scheiterns von Air Berlin, sagen Kritiker, lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Größenwahn.

Bei den Fluggästen überwiegt am letzten Tag Wehmut

Und pünktlich? Nun ja. Seit Bekanntwerden der Insolvenz im August häuften sich Flugausfälle und Verspätungen, ganz zu Schweigen vom Kofferchaos nach dem Wechsel des Bodendienstleisters in Berlin. Auch am letzten Tag fielen zahlreiche Flüge aus. Nicht nur der letzte Flieger hatte wegen der Abschiedsfeier in München deftige Verspätung. Am Terminal C in Tegel soll, so heißt es, ein Fluggast auch nach dem letzten Air-Berlin-Flug vergeblich auf seinen Koffer gewartet haben.

Doch bei den Fluggästen überwiegt am letzten Tag nicht Ärger, sondern Wehmut, als es ans Boarding geht. An Gate A16 in München steht über dem Eingang noch immer: „Exklusiver Wartebereich Air Berlin“. Auf den Bordkarten steht an diesem Abend: „Wir airberliner sagen Danke“ und „Take care, tschüss und bye bye“. Die Fluggäste fotografieren die Crew, die ihrerseits auf dem Rollfeld ein Abschiedsfoto macht.

Neben vielen Journalisten und Stammkunden warten auch Fluggäste auf das Boarding, die den Berlin-Flug ahnungslos im Voraus gebucht haben. Johannes (22) und Sören (28) zum Beispiel wollen Freunde in Berlin besuchen. „Wir haben den Flug nur gewählt, weil er preiswert war“. Als später um sie herum im Flugzeug Erinnerungen ausgetauscht werden, der Song-Text der Hymne verteilt und Sekt ausgeschenkt wird, versuchen sie zu verstehen, was die Legende hinter dieser Fluggesellschaft ist, mit der sie an diesem Abend zum ersten und letzten Mal fliegen.

Yannick (22) sitzt ein paar Reihen weiter, auch er kommt aus München und wird in Berlin Freunde besuchen. Mit 18 hat er seinen ersten Flug gebucht, „ganz allein und mit Air Berlin“ und damit die Liebe zum Fliegen entdeckt. Seitdem fliegt er oft. Air Berlin, sagt er, wurde für ihn ein bisschen zur Familie. „Bei ihnen zählt vor allem der Mensch, während man bei anderen Airlines eher nach seinem Status als Fluggast beurteilt wird.“ Dass er an diesem letzten Flug mit dabei ist, sei „auch eine Hommage an die Mitarbeiter“.

Auch Marc Heiden (30) und sein Mann Marcel (33) aus Berlin fliegen ausschließlich mit, um dabei zu sein. Zum besonders emotionalen Moment wird für die beiden der Überflug über ihre Heimatstadt. Die beiden waren schon einmal Gäste bei einem besonderen Berlin-Rundflug, der in die Geschichte einging: beim Sonderflug über den ehemaligen Mauerstreifen zum 25. Jahrestag des Mauerfalls 2014. Die Fluglinie war auch damals Air-Berlin.

Nach der Landung in Tegel perlen die Wasserströme der Begrüßungsfontänen noch lange über die Kabinenfenster. Was von außen aussieht wie ein großes Gemälde aus Wasser und Licht, wirkt von drinnen wie Tränen. In der Kabine bedankt sich die Crew wortreich bei den „besten Fluggästen“ und spielt zum Abschied „Time to say goodbye“. Am Rollfeld-Rand sieht man eine lange Reihe rot-weißer Flugzeuge auf einer Außenposition stehen. In dieser Lackierung werden sie nicht mehr starten.

Der letzte A320 der Air Berlin aber bleibt an Parkposition 52 stehen. Sie liegt vor dem Crewraum und der Aussichtsterrasse, wo Berlin und seine Airline an diesem Abend Abschied genommen haben. Was in der Nacht folgt, dürfte zumindest in die interne Historie des Flughafens Tegel eingehen. Die „Airberliner“ tun, was Berliner schon immer besser konnte als trauern – sie feiern.

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