Berlin

Nachts im Gefängnis: Hostelbetten in der Zelle

Ein neuer Besitzer baut ehemalige Haftanstalt für Frauen zu einem besonderen Ort für Kultur und Events um.

Foto: Sergej Glanze

Die Heckmann-Höfe an der Oranienburger Straße in Mitte waren sein erstes Projekt – sie sind heute eine stadtbekannte Adresse für Kultur und Kreative. Jetzt hat sich der Unternehmer Joachim Köhrich ein neues Projekt gesucht. Wieder ist es eine besondere Location, wieder will er sie zu einem festen Punkt im Veranstaltungskalender der Hauptstadt machen: Der 49-Jährige hat das ehemalige Frauengefängnis an der Lichterfelder Söthstraße gekauft – bereits bekannt in der Kulturszene als "Soeth7". Bis zum Frühjahr nächsten Jahres wird das Gebäude hinter dem Amtsgericht Lichterfelde umgebaut und deshalb zum großen Teil geschlossen bleiben.

Die 70 Zellentüren sind seit 2010 nicht mehr verriegelt. In den Jahren des Leerstandes wurde die alte Justizvollzugsanstalt oft als Filmkulisse genutzt. George Clooney, Til Schweiger und Moritz Bleibtreu haben dort gedreht, eine Serie des ZDF entstand hinter den Gefängnismauern. 2016 kaufte der Veranstaltungsmanager Jochen Hahn das Gebäude mit Verwaltungs- und Zellentrakt, vier Sälen und einem Nebengebäude.

Er nahm sofort den Kulturbetrieb auf: Konzerte im Lichthof, Theaterstücke im Kuppelsaal, Ausstellungen. Parallel dazu hatte er die Anträge für einige Umbauten in dem denkmalgeschützen Haus eingereicht. "Als ich die Genehmigung in den Händen hielt und die Auflagen, vor allem für den Brandschutz, sah, wusste ich, dass ich es allein nicht schaffen werde", begründet Hahn den Verkauf. Die Gefangenen müssten ja früher offenbar alle schwer entflammbar gewesen sein angesichts der neuen Bestimmungen, scherzt er. Für ihn als einzelnen Kulturunternehmer sei dieser Umbau nicht zu stemmen gewesen.

Der ehemalige Eigentümer bleibt Kulturmanager im Knast

Jochen Hahn wandte sich an eine Agentur, die sich um die Vermarktung von besonderen Immobilien kümmert. Innerhalb einer Woche meldeten sich zwei Interessenten. Einer der beiden fragte nach der Rendite, der andere war Joachim Köhrich. Er sei total begeistert gewesen. "Ich bin froh, jemanden gefunden zu haben, der ein Gespür für das Gebäude hat", sagt Hahn. Er hat das Frauengefängnis zwar verkauft, bleibt ihm aber erhalten: Jochen Hahn ist auch weiterhin als Kulturmanager für das Programm zuständig.

Das wird erst im kommenden Frühjahr wieder richtig anlaufen. Bis dahin laufen die Umbauarbeiten. "Wir wollen das Konzept mit Kunst, Events und Hostelbetrieb fortführen, müssen aber den Bau an diese Nutzung anpassen", sagt Janina Atmadi, Lebensgefährtin von Joachim Köhrich, Prokuristin und Managerin in seinem Unternehmen Places Prime GmbH. Dazu gehöre die Schaffung eines zweiten Fluchtweges, der Einbau von Rauchschutztüren und Notausgangsleuchten. Für Veranstaltungssäle mit mehr als 100 Plätzen sei ein behindertengerechter Zugang gefordert. Das bedeute für den Kuppelsaal, dass ein Fahrstuhl eingebaut werden muss. Zudem werde die Heizungsanlage erneuert und die Trinkwasserleitung saniert.

Joachim Köhrich habe das ehemalige Frauengefängnis "aus Liebe zu der besonderen Immobilie gekauft", erzählt Janina Atmadi. Er sei kein klassischer Investor, sondern habe einen Hang zur einzigartigen Immobilie. Die ehemalige Haftanstalt solle nun zu einem spannenden Ort für Besucher entwickelt werden.

Im Erdgeschoss wird ein Café entstehen

Als neuer Eröffnungstermin ist der 1. April angedacht – wenn der Winter mitspielt. Dann soll es auch wieder einen Hostelbetrieb geben. Der wurde bereits gut angenommen und musste aufgrund der Umbauarbeiten komplett geschlossen werden. Etwa zwölf Zellen könnten künftig wieder an Gäste, die schon immer in einer Gefängniszelle schlafen wollten, vermietet werden, vier weitere als Ateliers an Meisterschüler. Die Eigentümer könnten sich auch vorstellen, Ateliers im Rahmen des Programmes "Artist in residence" anzubieten, und somit internationalen Künstlern die Gelegenheit bieten, temporär in Berlin zu leben und zu arbeiten.

Im Erdgeschoss wird ein Café entstehen, das nicht nur für die Hostelgäste Frühstück anbietet, sondern öffentlich ist. Das Nebengebäude, die sogenannte Saalkirche, wird die nächsten zwei Jahre eine Künstlerin als Atelier nutzen. Im Anschluss daran solle auch dieses Gebäude saniert und als Eventraum genutzt werden, erläutert Janina Atmadi.

Kulturmanager Jochen Hahn plant nach der Wiedereröffnung den Programmschwerpunkt erneut auf Ausstellungen und kleine Konzerte zu legen. "Ein außergewöhnlicher Ort braucht auch außergewöhnliche Events und Theaterproduktionen", sagt Hahn. Das Haus müsse sich entwickeln und selbst vorantreiben.

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