Sexismus-Debatte

Sawsan Chebli - Wer ist diese Frau?

Attraktiv, erfolgreich, umstritten: Die Staatssekretärin Sawsan Chebli hat eine neue Debatte über Sexismus augelöst. Ein Porträt.

Dienst: Sawsan Chebli (SPD) ist Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales – hier bei einer Sitzung des Bundesrats

Dienst: Sawsan Chebli (SPD) ist Bevollmächtigte des Landes Berlin beim Bund und Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales – hier bei einer Sitzung des Bundesrats

Foto: k r o h n f o t o . d e

Am Ende der Woche teilte Sawsan Chebli mit, sie habe aktuell keine Zeit, sich zu der Debatte zu äußern, die sie einige Tage zuvor selbst angestoßen hatte. „Unter Schock: Sexismus“, hatte sie am vergangenen Sonnabend auf ihrer Facebook-Seite geschrieben. Ein ehemaliger Botschafter habe sie bei einer Diskussionsveranstaltung nicht als Staatssekretärin erkannt und diesen Fauxpas damit erklärt, er habe keine so junge Frau erwartet. „Und dann sind Sie auch so schön.“ Später sagte sie, sie habe mit dem Post eine Debatte anstoßen wollen. Offenbar hatte sie selbst nicht mit den Reaktionen gerechnet.

Tausende Kommentare stehen mittlerweile unter Cheblis Facebook-Post, dazu kamen Artikel, Radiobeiträge und Blogs. War ihr Vorwurf berechtigt? Oder nur eine Übertreibung? War sie selbst schuld, weil sie angeblich zu spät zu der Diskussion kam, was sie zwischenzeitlich dementieren ließ? Viel Nachdenkliches zum Thema Sexismus wurde geäußert, aber es gab auch unzählige Hass-Botschaften weit unter der Gürtellinie und gegen ihre Person. Am Donnerstag entschuldigte sich der ehemalige Botschafter, ein Deutscher, den sie namentlich nicht nannte.

Es gibt Parallelen zu Frank Henkel und Brüderle

Fall erledigt, könnte man glauben. Wäre da nicht die Frage, wer die Frau eigentlich ist, die solche Reaktionen auslöst. Einerseits sind da Parallelen, etwa zur Berliner CDU-Politikerin Jenna Behrends, die 2016 anprangerte, der damalige Innensenator Frank Henkel (CDU) habe sie eine „große, süße Maus“ genannt. Oder zum Fall Brüderle, 2012 soll er einer Journalistin gesagt haben, sie könne „auch ein Dirndl ausfüllen“. 2013 gab es dazu eine Kampagne, unter dem Hashtag #aufschrei schilderten Frauen sexistische Erfahrungen. Dass just einen Tag nach Cheblis Post in den USA die ganz ähnliche Aktion #metoo Zehntausende Frauen dazu brachte, noch weit drastischere Erfahrungen und Übergriffe zu schildern, war Zufall. In allen Fällen entlud sich ungebremster Hass auf Frauen. Doch in Cheblis Fall traf der Hass nicht nur das Geschlecht, sondern Chebli persönlich – als Frau, Muslimin, Politikerin.

Chebli, 39 Jahre alt, in Berlin geboren, gilt als Paradebeispiel dafür, dass Migranten in Deutschland eine steile Karriere machen können. Als zweitjüngstes von 13 Kindern wurde sie 1978 in Berlin geboren, staatenlos, die Eltern kamen als palästinensische Flüchtlinge 1970 aus dem Libanon nach Berlin. Erst mit 15 Jahren bekam Chebli den deutschen Pass. Die Eltern waren Analphabeten, Chebli gehörte beim Abitur zu den Jahrgangsbesten. Sie studierte Politik, trat mit Anfang 20 in die SPD ein. Seit 2010 steht sie im Rampenlicht – und in der Kritik. Attraktiv, erfolgreich, umstritten – so etwa könnte man ihren Ruf zusammenfassen.

Im Jahr 2010 holte sie der damalige Innensenator Ehrhart Körting (SPD) als „Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten“ in den Berliner Senat. In Erinnerung bleibt der Streit um das Projekt Juma, das sie ins Leben rief, in dem sich junge Muslime gesellschaftlich erfolgreich engagieren. Weil das Projekt unter anderem mit dem türkischen Verband Ditib arbeitete, den Kritiker heute als verlängerten Arm des türkischen Ministerpräsidenten sehen, muss sich Chebli bis heute rechtfertigen.

Aus Sicht der SPD steht Chebli für eine Politik, die sich offen und multikulturell zeigen will. Ihre Aufgaben sind meist auf sie persönlich zugeschnitten. Als sie 2014 unter Frank-Walter-Steinmeier als stellvertretende Sprecherin des Außenministeriums wurde, stand sie mit Namen und Gesicht für die Botschaft: Menschen mit Migrationshintergrund gehören dazu. Seit Dezember vergangenen Jahres wiederum arbeitet Chebli im Roten Rathaus direkt unter Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) als Staatssekretärin und „Bevollmächtigte beim Bund für Bürgerliches Engagement und Internationales“. Auch diese Stelle wurde für sie geschaffen.

Chebli sieht sich als Vorbild und Ansporn für Menschen mit ähnlichen Lebensgeschichten. Aber reicht das, um Politikerin zu sein? In den Medien und auch unter politischen Kollegen stößt Chebli immer wieder auf Kritik. Zu emotional, zu unprofessionell, zu wenig ausgewogen. Etwa beim Thema Kopftuch, von dem sie vehement fordert, man solle es nicht verbieten, auch wenn sie für sich selbst ebenso entschieden ablehnt, es zu tragen. Ein Kopftuch sage wenig über die Frau aus, die es trägt, auch nicht über ihre Religiosität. Damit steht sie dem Neutralitätsgebot des Landes Berlin entgegen, sie verteidigt sie trotzdem.

Einer der Brüder ist Imam in Schweden

Sie selbst sei praktizierende Muslima, sagt sie über sich, bete aber nicht während der Arbeit, sondern zu Hause. Einer ihrer Brüder ist Imam in Schweden. Im vergangenen Jahr wurde sie in einem Interview zitiert, sie halte die Scharia für „absolut kompatibel“ mit dem Grundgesetz. Seitdem wiederholt sie, sie sei falsch zitiert worden, sie habe natürlich nur jene Teile der Scharia gemeint, die rituelle Vorschriften betreffen wie Gebet, Liturgie, Almosen. Und nicht die menschenverachtenden Teile, die „in einer Demokratie nichts zu suchen haben“.

Einerseits hängt ihr seitdem der Begriff „Islamistin“ nach, vor wenigen Tagen titulierte sie ein AfD-Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus auf Twitter so. Sie bot ihm, ebenfalls öffentlich, ein Gespräch an. Andererseits, könnte man sagen, wird aber nun einmal darüber gesprochen, was das islamische Recht für Muslime tatsächlich bedeutet.

Chebli lässt sich eigentlich gern zu Debatten herausfordern. Was überrascht, wenn man sie nur von offiziellen Terminen kennt, ist ihr Humor. Oft ist sie Gast in Comedy-Shows, von „Pelzig hält sich“ 2011 bis zu Jan Böhmermann am vergangenen Donnerstag. Mit ihm riss sie erst Witze über ihre palästinensische Großfamilie („zwölf Geschwister, 50 Cousins und Cousinen, wir sind immer für Sie da“), um dann zum Thema Sexismus nur in Andeutungen zu sprechen: „Ich werde für jung und schön gehalten.“ Warum, blieb unklar.

Der Chebli-Effekt: Wenn sie aneckt, geschieht dies oft absichtlich. Nach den Anschlägen in London im vergangenen März machte sie auf Facebook ihrer Wut Luft: Sie sei „wütend und traurig, schon wieder ohnmächtig mit anzusehen, wie Monster, die sich Muslime nennen, meine Religion pervertieren und im Namen des Islams morden“. Eine der größten Aufgaben für Muslime werde es sein, ein zeitgemäßes Islamverständnis zu vermitteln. „Aber auch die nichtmuslimische Mehrheitsgesellschaft kann helfen: Bitte lasst euch von den Islamhassern und Schwarz-Weiß-Malern keine Islam-Scheuklappen aufsetzen.“ Sie bekam viel Zustimmung.

Ein langer Nachruf auf Facebook über ihren Vater

Auf derselben Seite stellte sie Anfang September einen Nachruf auf ihren Vater ein. selbst verfasst, sehr persönlich, sehr lang. Ist es Aufgabe von Politikern, ihren Verwandten Nachrufe zu schreiben? Andererseits: Gehört dies nicht dazu, wenn man, wie Chebli, die eigene Biografie als politische Botschaft verwendet? Cheblis Nachricht an Außenstehende: Ohne den Vater, der, selbst Analphabet, sie immer zum Lernen anhielt, wäre sie nicht geworden, was sie ist.

Während ihrer Zeit als stellvertretende Sprecherin des Außenministeriums wirkte sie in der Bundespressekonferenz manchmal fahrig und schlecht informiert. Unter anderem war es der Videojournalist Tilo Jung, der sie immer wieder mit Fragen aus der Fassung brachte. Sein Ziel war, von der Bundesregierung konkrete Aussagen zu erhalten zu unbequemen Themen, etwa zu Drohnenangriffen oder Waffenexporten. Wenn Chebli ratlos in Papieren blätterte, ihre Unterlippe vorschob, aus dunklen Augen vom Podium lange schaute und schließlich sagte: „Dazu kann ich nichts sagen“, mag das dem einen oder anderen im Publikum nicht allein aus rein journalistischen Gründen gefallen haben.

Ob sie oft unterschätzt werde, ist eine Standardfrage in Interviews. Ja, sie legt viel Wert auf ihr Äußeres. Zum Bundespresseball im vergangenen Jahr erschien Sawsan Chebli mit hochgesteckten Haaren und tropfenförmigen, goldenen Ohrringen als so dermaßen orientalische Schönheit, dass der eine oder andere sie wohl nicht erkannte. Im Internet werden ihre Körpersprache, das Haar, die Garerobe interpretiert, als gelte es, daraus geheime Botschaften zu lesen.

Chebli bleibt bei sich selbst

Dabei ist eine Erklärung für die Reaktionen, die Chebli oft auslöst, eigentlich einfach: Sie bleibt bei sich selbst. Benutzt Alltagssprache, zeigt Gefühle, gesteht Fehler ein. Einen Rhetorikkurs habe sie als stellvertretende Sprecherin nie besucht, bekannte sie im Juni ausgerechnet gegenüber Tilo Jung, dem sie ein langes Interview gab. „Vielleicht hätte ich das aber tun sollen.“ Sie habe anfangs versucht, politische Floskeln zu vermeiden. Erst später habe sie verstanden, dass abweichende Formulierungen in manchen Fällen diplomatische Krisen auslösen können.

Ein Grund, zurück in die aktive Politik zu wechseln sei genau dies gewesen – sie wollte wieder authentisch sein, sagt sie, „und aktiv gestalten“. Am Schluss des „Jung & Naiv“-Interviews wollten gleich mehrere Zuschauer wissen: Wurde Sie beruflich als Frau je diskriminiert? Chebli antwortete, sie wisse natürlich, dass Frauen weniger verdienen als Männer und zu selten in Führungspositionen säßen. „Da muss Deutschland noch eine Menge machen.“ Aber persönlich? Sie überlegte einen Moment. „Weiß ich nicht.“ Das hat sich offenbar inzwischen geändert.

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