Geführten Fahrradtouren

Per Rad auf den Spuren des Berliner Stadtwandels

Der gelernte Stadtplaner André Franke führt bei seinen wöchentlichen Exkursionen zu Orten, an denen sich Berlin gerade verändert.

Stadtführer André Franke (r.) stoppt an der Siegessäule im Tiergarten

Stadtführer André Franke (r.) stoppt an der Siegessäule im Tiergarten

Foto: David Heerde

Die alte Eisfabrik an der Köpenicker Straße in Mitte zählt nicht zu Berlins Sehenswürdigkeiten. Nicht einmal Streetart-Fans liefert der Sprühlack an der Außenfassade ausreichend Grund für einen Abstecher. Kunstvollere Werke im Innern der Fabrik sind jedoch nicht mehr zugänglich seit nach illegalen Partys und Kinovorführungen das Gelände verschlossen und Wachschutz engagiert wurde.

Und doch hat Stadtführer André Franke an der Eisfabrik einen Stopp eingelegt. Denn wenn der gelernte Stadt- und Regionalplaner mittwochs ab 19 Uhr zu einer geführten Fahrradtour durch Berlin lädt, geht es nicht um klassisches Sightseeing. Weder alt noch schön oder auch nur gestalterisch herausragend müssen die Besichtigungsobjekte sein.

Einziges Auswahlkriterium aller Ziele beim „News Ride“ sind aktuelle Berichte in den Medien oder Fachpublikationen – Eigentümerwechsel oder Bauaktivitäten, Planungsoffensiven, politischer Streit oder eine öffentliche Architekturdebatte: „Immerfort im Werden, niemals im Sein“, dieses abgewandelte Zitat des Kunstkritikers Karl Scheffler über Berlin 1910 ist nicht nur der Leitspruch von André Franke in seinem stadtentwicklungspolitischen Internetblog Futurberlin. Es ist auch das Motto seiner dem Wandel der Stadt nachspürenden wöchentlichen Fahrradführungen.

Geboten wird keine exklusive Nachricht, aber Unbekanntes

Rund zehn „News Rides“ hat André Franke bisher durchgeführt. Eine Stippvisite am Pankower Tor, wo Kröten die Bauarbeiten für ein neues Wohngebiet samt Schulen und Einkaufszentrum stoppten, eine Rundfahrt durch die wachsende Europacity, der Besuch des künftigen Standortes eines Freiheits- und Einheitsdenkmals, um das die Diskussion nicht abreißt, oder ein Blick auf die Kapelle der Versöhnung an der Bernauer Straße mit ihrer neuen Schuke-Orgel waren Elemente vergangener Touren.

Für den „News Ride“ an diesem Abend hat Franke zwei Stunden eingeplant. „Eher eine kürzere Tour, sonst fahren wir drei Stunden oder länger“, sagt der 40-Jährige, der seit acht Jahren als freiberuflicher Stadtführer arbeitet.

Vom Treffpunkt nahe der Siegessäule geht es auf die Luiseninsel im Großen Tiergarten. Reichlich dunkel ist es da bereits, doch der niedrige Zaun um das zentrale Blumenbeet ist noch gut zu erkennen. Interessant macht diesen weniger die historisierende Eisenkon­struktion, sondern die Tatsache, dass der Steuerzahlerbund jüngst die Investition des Landes in Höhe von 65.000 Euro für 110 Meter Zaun kritisierte. Vorübergehend lässt sich der Kaninchenschutz nicht einmal umrunden, denn ein während des Sturms Xavier umgestürzter Baum hat einen Teil der teuren Einfriedung zerstört.

Nach einem Halt vor dem Sony-Center am Potsdamer Platz, das im Rahmen eines Share Deals jetzt von kanadischen Investoren übernommen wird, steht die kleine Gruppe nun also nahe der Verdi-Zentrale mit Blick auf die alte Eisfabrik. Neu, so erzählt André Franke, sei der Besitzerwechsel der Brache neben dem alten Fabrikgemäuer, auf dem ein privater Investor nun 300 Eigentumswohnungen bauen will. Wenn Franke erklärt, warum er einen bestimmten Ort ansteuert – wobei er möglichst ruhige Nebenstraßen nutzt –, dann vergisst er nicht, die Quelle seiner Informationen zu nennen. Schließlich präsentiert er weniger die Ergebnisse eigener Recherchen als kurz zuvor bereits Bekanntgewordenes.

Weil er auch Randnotizen und Details längerer Berichte aufgreift, findet sich dennoch, ganz abgesehen von der Fahrt mit dem Rad in persönlich vielleicht wenig vertraute Teile der Stadt, die eine oder andere Neuigkeit. Seine Stopps hält Franke außerdem stets geheim.

Stadtführer nutzen Rundfahrt auch für eigene Weiterbildung

So ist der Gruppe an diesem Abend die Geschichte der letzten Station an der Karl-Marx-Allee noch völlig unbekannt: Erst die Recherche eines Bewohners von Hausnummer 138 zusammen mit einem Immobilienexperten und der Berliner Zeitung förderten zutage, dass Mieter der Zuckerbäckerhäuser, die 1993 bereits hier wohnten, selbst beim Eigentümerwechsel über unbegrenzten Kündigungsschutz verfügen. So war es beim Verkauf der Anlage am Prachtboulevard der ehemaligen DDR-Hauptstadt festgelegt worden, dann aber in Vergessenheit geraten.

Pünktlich um 21 Uhr endet die Fahrradführung. Die Zeit einzuhalten, sei ihm wichtig, sagt André Franke. „Die Tour ist ja extra werktags-verträglich anberaumt, damit Berliner das quasi auf dem Heimweg machen können“, so der Stadtführer. „Aber dann will man eben auch nach Hause.“

Bisher hat sich das wöchentlich aktualisierte Angebot im Spektrum der Berlinführungen noch nicht weit herumgesprochen. Vor allem Berufskollegen von Franke nutzen den News Ride, „auch als ein Stück Weiterbildung, denn Stadtführer sind meist recht spezialisiert“. Franke ist aber entschlossen, selbst im Winter nur auszusetzen, wenn Schnee und Eis das verlangen. „Im Ex­tremfall“, sagt er, „fahre ich sogar allein. Weil ich so überzeugt bin von diesem Experiment im Bereich Lokaltourismus.“

Alle Infos zu den News Rides gibt es hier.