NS-Geschichte

Gedenk-Stele soll an Geschichte des Telefunkenwerks erinnern

Die NS-Vergangenheit von ehemaligem Telefunkenwerk und Platz des 4. Juli in Lichterfelde kennt kaum jemand. Eine Stele soll das ändern.

Eine Militärparade auf dem ehemaligen Telefunken-Gelände zu Zeiten als es eine US-Kaserne war.

Eine Militärparade auf dem ehemaligen Telefunken-Gelände zu Zeiten als es eine US-Kaserne war.

Foto: Getty Images / The LIFE Picture Collection/Getty Images

Wo einst Panzer rollten, Helmut Kohl und Bill Clinton die letzte Parade der Soldaten abnahmen und an neuen Radargeräten geforscht wurde, ist nicht mehr viel übrig von einem Ort, der Geschichte geschrieben hat. Heute ziehen Fahrschüler in Lichterfelde auf dem Platz des 4. Juli mit dem Motorrad ihre Runden. Nebenan in einem Gewerbekomplex an der Goerzallee werden Getränkekisten verladen, junge Menschen eilen mit großen Taschen in ein Fitnessstudio. An einem Gebäude steht noch in großen Buchstaben: McNair Barracks. Das ist auch das Einzige, was an die Vergangenheit erinnert.

Jetzt soll eine Informationsstele des Kulturamtes Steglitz-Zehlendorf an die Geschichte eines Industriedenkmals erinnern, das in seiner Bedeutung gleich hinter dem Flughafen Tempelhof kommt: Am 16. Oktober wird die Stele auf dem Platz des 4. Juli, Ecke Goerzallee übergeben.

Gelände war Teil der Planung für Albert Speers Welthauptstadt Germania

Die Geschichte des Ortes beginnt vor etwa 80 Jahren. Albert Speer verfolgte seine Pläne von der Welthauptstadt Germania und begann 1936 den sogenannten 4. Ring um Berlin zu bauen. Davon übrig ist eine Asphaltfläche zwischen Osteweg und Goerzallee – 400 Meter lang und 70 Meter breit, die später noch über den Teltowkanal bis zum Autobahnring führen sollte.

Nur ein Jahr später kaufte Telefunken ein benachbartes etwa 240.000 Quadratmeter großes Grundstück an der Goerzallee, um dort die neue Unternehmenszentrale zu errichten. "Vorher waren die Firmenstandorte in der Stadt verteilt, oft in Hinterhöfen, vor allem in Kreuzberg und Schöneberg", sagt Historiker Thomas Irmer, der gerade ein Buch über AEG-Telefunken schreibt und auch einen Text für die Stele verfasst hat.

Produktion vorwiegend für die Rüstungsindustrie

An der Goerzallee sollten nun alle Abteilungen zusammengefasst werden. "Der Schwerpunkt lag auf der Forschung und Entwicklung", so der 52-Jährige. Geräte der Funkmesstechnik sollten neu entwickelt werden, Radargeräte und Antennenanlagen, mit denen später auch im Krieg feindliche Flugzeuge ausgemacht werden konnten.

Fast 40.000 Quadratmeter standen in der Hauptverwaltung für Büros und Forschungslabore zur Verfügung, 22.000 für Werkstätten und 15.000 als Warenlager. Anfangs waren 6000 Menschen an der Goerzallee beschäftigt, während des Zweiten Weltkrieges, als vorwiegend für die Rüstungsindustrie gearbeitet wurde, stieg die Zahl auf 10.000.

Die Telefunken-Produktion wurde in Schlösser udn Scheunen verlagert

Im Jahr 1942 entstand auf der anderen Seite der Goerzallee ein Gerätewerk für die Fertigung kleiner Serien. Dort wurden zeitweise 600 Franzosen als Zwangsarbeiter eingesetzt, bis das Werk im September 1943 bei einem gezielten Luftangriff auf die Elektroindustrie in Berlin zur Hälfte zerstört wurde. "In diesem Moment war klar, dass der Plan, alles an einem Standort zu konzentrieren, nicht aufgegangen war", sagt Irmer.

Allerdings sei der Plan auch ohne den Krieg gemacht worden. Telefunken wurde wieder ausgelagert, nach Brandenburg, Thüringen und Sachsen. "Überall, wo Platz war – in Scheunen, Gaststätten und sogar Schlössern – ging die Arbeit weiter", so der Historiker. Am Ende des Krieges sei die Produktionsablauf aber sehr ausgedünnt gewesen.

Nach dem Krieg kam die US-Kaserne

Mit der Aufteilung Berlins unter den vier Alliierten kamen die Amerikaner in den Südwesten. "Das Telefunken-Gelände bot sich als Militärstützpunkt an", sagt Thomas Irmer. Es hätte schnell für die Stationierung einer großen Armee umgebaut werden können. Die US-Armee nutzte nicht nur die Gebäude des Telefunkenwerks als Kaserne, sondern auch den "4. Ring" um Paraden einzuüben, immerhin konnten auf der Fläche auch Panzer eingesetzt werden.

Jedes Jahr wurde dort eine Parade zum Nationalfeiertag am 4. Juli abgehalten. Das war schließlich auch der Grund für einen Umbenennung der Straße nach 30 Jahren. Seit 1976 heißt die gigantische Asphaltfläche "Platz des 4. Juli".

Geschichte des Geländes ist "aus dem Gedächtnis der Stadt verschwunden"

Das Militärgelände war zum großen Teil für die Berliner nicht zugänglich. "Deshalb ist die Geschichte auch aus dem Gedächtnis der Stadt verschwunden", mutmaßt der Historiker. Mit der letzten Parade, die US-Präsident Bill Clinton und Bundeskanzler Helmut Kohl 1994 abnahmen, wurde die knapp 50-jährige militärische Nutzung beendet.

Das Gelände wurde verkauft, in den Hallen des Telefunken-Werkes entstanden Wohnungen und Lofts, dazu kamen eine Privatschule, zahlreiche Geschäfte, ein Kinderspielhalle und das Fitnessstudio. Der Platz des 4. Juli wird als Parkplatz und Übungsparcours von Fahrschulen genutzt, aber auch für Flohmärkte.

Historiker wünscht sich Museum

Für Historiker Thomas Irmer kann die Informationsstele nur ein Anfang sein. "Wir haben es hier mit einem der größten Industriekomplexe zu tun, der zur Geschichte Berlins gehört", sagt Irmer. Doch in der Erinnerungskultur sei er nicht präsent. Es sei an der Zeit, nicht nur vom Flughafen Tempelhof zu sprechen, sondern auch von dem Ort, "an dem nicht Granathülsen gedreht, sondern Hightech wie Radargeräte entwickelt wurden".

Als Historiker wünsche er sich natürlich den historischen Ort zu erhalten. "Es könnte zum Beispiel ein kleines Museum eingerichtet werden, in dem die Geschichte dokumentiert wird", sagt Irmer. Jetzt wird er zunächst die Stele gemeinsam mit dem kommissarischen Direktor des Alliierten Museums Bernd von Kostka übergeben. Ein Anfang.

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