Bundespräsident

Steinmeier macht Antrittsbesuch in der eigenen Stadt

14 Stunden tourte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier durch Berlin. Von seinem strengen Protokoll wich er nur einmal ab.

Bundespraesident Frank-Walter Steinmeier auf Antrittsbesuch im Bundesland Berlin mit Ehefrau Elke Buedenbender in der Kantine des Berliner Abgeordnetenhauses.

Bundespraesident Frank-Walter Steinmeier auf Antrittsbesuch im Bundesland Berlin mit Ehefrau Elke Buedenbender in der Kantine des Berliner Abgeordnetenhauses.

Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Der Antrittsbesuch des Bundespräsidenten in Berlin beginnt mit dem Traum aller großen Jungs: einmal Lokführer sein. Gut, bei den Berliner Verkehrsbetrieben nennt sich der Job Triebfahrzeugführer, aber am Steuer des nagelneuen "Icke"-Zuges der Linie U5 sitzt Donnerstagfrüh um sieben Uhr kein Geringerer als das deutsche Staatsoberhaupt persönlich.

Zur Sicherheit hat man Frank-Walter Steinmeier zwar eine BVG-Fahrlehrerin an die Seite gesetzt. Von hinten geben Präsidentengattin Elke Büdenbender und der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) gute Ratschläge. Doch Steinmeier steuert den Zug sicher ans Ziel, nur eine unvermittelte Bremsung schüttelt seine Fahrgäste durch. Vielleicht ist es doch ganz gut, dass an den Bahnsteigen steht: "Bitte nicht einsteigen." Er habe den Fuß zu früh vom "Totmannschalter" genommen, bekennt Steinmeier wenig später. Der Fahrer muss den Schalter gedrückt halten, sonst gibt es eine automatische Notbremsung. "Aber wir haben alle überlebt." Steinmeier grinst.

Deutschlandreise zu den Menschen

Wenn Deutschland einen neuen Präsidenten bekommt, ist es üblich, dass dieser in allen Bundesländern Antrittsbesuche macht. In der Regel sind dies förmliche Termine unter Politikern. Steinmeier, seit März diesen Jahres im Amt, weitet das Protokoll zur "Deutschlandreise" aus.

Je zwei Tage widmet er sich den Ländern, besucht Vereine, Schulen, Hospize, in Schleswig-Holstein auch eine Hallig, spricht mit den Menschen. Sein Anliegen: die Demokratie bewahren. Gerade nach der jüngsten Bundestagswahl sei das wichtig.

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Warum Steinmeier zur BVG geht, wird zunächst nicht klar

Was das genau mit der BVG zu tun hat, erschließt sich am frühen Donnerstagmorgen zunächst nicht jedem. BVG-Chefin Sigrid Nikutta und Müller empfangen das Präsidentenpaar in der BVG-Leitstelle in Friedrichsfelde, dann geht es in die Werkstätten.

Wenig später sieht man das Präsidentenpaar ins Gespräch vertieft – mit Monteuren, Polsterern, Technikern. Mal geht es um Vandalismus, mal um Schleifmaschinen, dann um die BVG-App und, ja, nebenbei auch um Verkehrspolitik. Doch eigentlich geht es um Bilder. Wenn Politiker sich mit Menschen im Drillich umgeben, heißt das: Sie sind mittendrin.

Auch Steinmeiers Frau steht jetzt mehr im Scheinwerferlicht

Zehn Termine umfasst Steinmeiers Antrittsbesuch, von sieben Uhr früh bis neun Uhr am Abend. In Berlin muss ein Tag reichen. Geplant sind Gespräche bei Start-ups, an der Mauergedenkstätte, in einer Schule, mit geflüchteten Wissenschaftlern an der Freien Universität.

Nach dem Lokführereinsatz stapft das Präsidentenpaar gut gelaunt durch die U5-Baustelle zum Roten Rathaus. Bis zu Steinmeiers Präsidentschaft traten sie selten gemeinsam auf. Dass er seiner Frau 2010 eine Niere spendete, gehört zu den wenigen Dingen, die sie über sich erzählen. Elke Büdenbender (55) ist Richterin mit Schwerpunkt Sozialrecht, lässt ihren Beruf aber derzeit ruhen.

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Antrittsbesuch in der eigenen Stadt

Frank-Walter-Steinmeier (61) lebt mit seiner Familie schon seit 1999 in Berlin. Damals kam er als Kanzleramtschef aus Bonn. Beim Eintrag ins Goldene Buch der Stadt im Roten Rathaus sagt Müller, es sei etwas kurios, ihn nun noch einmal offiziell zum Antrittsbesuch zu empfangen, in seiner eigener Stadt. Aber Steinmeier ist ja auch wegen der Menschen da. 250 Gäste warten darauf, mit ihm zu sprechen, bekannte Gesichter wie die Sportlerin Marianne Buggenhagen oder Zoochef Andreas Knieriem. Eine Stunde ist dafür geplant.

Wie nah können Präsidenten den Menschen kommen? Steinmeier hat aus der Zeit als Außenminister die Professionalität mitgebracht, stundenlang zu fragen und zuzuhören. Das neue Amt aber hat ihm noch mehr Sicherheitspersonal beschert, mehr Absperrungen, mehr Protokoll. Im wirklichen Leben fährt er nicht U-Bahn, sondern im gepanzerten Audi, Kennzeichen 0-1.

Die Reporter erfahren nicht, was Steinmeier mti den Menschen spricht

Ein ungewollter Moment der Nähe entsteht, als ein Mädchen im Publikum ohnmächtig wird. Steinmeier bricht seine Rede ab, bittet Helfer herbei. Und beschließt dann, ganz Lokführer, direkt zum Gespräch mit den Menschen überzugehen.

Was die Gäste mit ihm besprechen, erfährt die Öffentlichkeit nicht. Auch das gehört offenbar zum Protokoll: Der Antrittsbesuch wird nur in Bildern festgehalten. So erfährt die Nachwelt zwar vom Eintrag ins Goldene Buch der Stadt und auch, was Berlin dem Präsidenten zu Mittag serviert: Soljanka und Klopse in der Kantine des Abgeordnetenhauses.

Kritische Fragen von Schülern

Natürlich gibt es auch Shakehands-Fotos vor dem Brandenburger Tor mit Passanten. Aber die Reporter stehen protokollgemäß gegenüber, erfahren weder, wie sich Louisa (9) aus Erfurt über die Begegnung gefreut hat, noch erleben sie den Italiener, der sich empört, wieso das Brandenburger Tor abgesperrt ist, "nur für einen Präsidenten".

Auch beim Gespräch mit Schülern einer deutsch-türkischen Europaschule in Kreuzberg sind keine Journalisten dabei. Zwar hat Steinmeier die Begegnung als einen Höhepunkt angekündigt, zweites wichtiges Thema seiner Reise ist Integration. Da hätte man schon gern seine Antwort auf die Frage des 13-Jähriger gehört, der auf dem Schulhof von dem Reporter wissen wollte: "Wenn der Präsident wirklich der höchste deutsche Politiker ist, wieso kommt er dann ausgerechnet zu uns?"

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