Seltsamer Prozessauftakt

Nach Schüssen auf Kampfsportler: Opfer ist untergetaucht

Am Landgericht hat ein merkwürdiger Prozess begonnen: Zunächst erstattete der Angeschossene keine Anzeige - nun ist er untergetaucht

Der Angeklagte William Abel C.-T. vor dem Landgericht

Der Angeklagte William Abel C.-T. vor dem Landgericht

Am Donnerstag hat der Prozess gegen einen 40-Jährigen begonnen,. Mehr als zwei Jahre nach einem Anschlag auf den Besitzer einer Kampfsportschule in Berlin-Charlottenburg hat am Donnerstag vor dem Landgericht Moabit der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter begonnen. Dem 40-jährigen Kolumbianer William Abel C.-T. werden versuchter Totschlag und gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Er soll am frühen Abend des 1. Juli 2015 die Sportschule an der Uhlandstraße betreten und sofort einen Schuss auf den damals 42 Jahre alten Inhaber abgegeben haben. Mit der Zielgenauigkeit war es allerdings nicht sehr weit her, der Schütze verfehlte sein Opfer deutlich, dieses wurde letztlich "nur" durch einen Querschläger in den Unterarm getroffen.

Der Schuss auf den 42-jährigen gebürtigen Armenier ist unbestritten, das ist aber auch schon so ziemlich alles, was in diesem Fall feststeht. Es gibt eine Vielzahl ungeklärter Fragen und Ungereimtheiten, mit denen sich die Schwurgerichtskammer an den nächsten acht Verhandlungstagen befassen muss. Ihr sei vieles an dem Fall sehr merkwürdig vorgekommen, sagte am ersten Prozesstag so auch eine Kriminalbeamtin, die an den Ermittlungen beteiligt war.

Merkwürdig erschien der Polizei als erstes, dass der Geschädigte nach der Tat gar nicht auf die Idee kam, die Polizei einzuschalten. Alarmiert wurden die Beamten von den Ärzten im Krankenhaus, wo dem 42-Jährigen die Kugel aus dem Unterarm operativ entfernt werden musste.

Der Fall war Thema in der Sendung "Aktenzeichen XY"

Dass der Tatort beim Eintreffen der Ermittler gereinigt und die Blutspuren entfernt worden waren, erstaunte die Beamten damals ebenfalls. Und dann waren da noch die unterschiedlichen Aussagen des Opfers und eines Mitarbeiters der Sportschule. Das Opfer hatte in der ersten Vernehmung angegeben, der Eindringling habe Geld gefordert und bei dem anschließenden Gerangel habe sich der Schuss gelöst. Der Mitarbeiter hingegen gab an, der Täter habe sofort geschossen.

Ein Jahr lang tappte die Polizei völlig im Dunkeln, die Ermittlungen erbrachten in der Zeit nicht viel mehr als die Erkenntnis, dass der Schütze wohl auf einem Damenfahrrad zum Tatort geradelt war. Der Fall brachte es schließlich bis in die Sendung "Aktenzeichen XY". Dort äußerte ein Vertreter des Landeskriminalamtes erstmals, dass man inzwischen von einem Auftragsmord ausgehe. Neue Spuren und Erkenntnisse führten schließlich zu dem Angeklagten, der normalerweise in Spanien lebt und dort auch festgenommen und im Dezember 2016 schließlich an Deutschland ausgeliefert wurde. Seither sitzt er in Moabit in Untersuchungshaft.

Die Mutmaßungen über mögliche Hintergründe der Tat reißen seither nicht ab. Eines der Gerüchte lautet, Hintergrund der Tat könnten Revierstreitigkeiten im Drogenmilieu sein. Die Beweislage ist allerdings alles andere als eindeutig. Der Angeklagte schweigt, und das Opfer ist auch nicht sonderlich auskunftsfreudig.

Der Prozess soll am 24. Oktober fortgesetzt werden.

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