Ekel-Recherche an Schule

Mit demselben Lappen werden Toiletten und Tisch geputzt

Team Wallraff deckt in Berlin Missstände bei der Schulreinigung auf. Eltern fordern landesweite Maßnahmen.

Viele Eltern sind mit der Reinigung in den Schulen ihrer Kinder

Viele Eltern sind mit der Reinigung in den Schulen ihrer Kinder

Foto: Nikada / Getty Images

Die am Montagabend ausgestrahlte RTL-Sendung "Team Wallraff" sorgt für Wirbel in der Berliner Schullandschaft: Eine Reporterin hatte sich inkognito in die Berliner Reinigungsfirma 3B eingeschleust und mit versteckter Kamera gefilmt, wie an der Pankower Rudolf-Dörrier-Grundschule die Toiletten und Klassenräume geputzt werden.

Die Firma 3B Dienstleistungen beschäftigt mehr als 3000 Mitarbeiter und reinigt allein im Bezirk Pankow bis auf drei Ausnahmen alle Schulen. Als die Reporterin am ersten Tag von einem erfahrenen Mitarbeiter eingewiesen wird, soll sie mit ein- und demselben Lappen alle Räume putzen, sowohl Toiletten, Waschbecken als auch Klassenräume. Das Wasser wird nicht gewechselt, und auch Putzmittel sollen nicht benutzt werden.

Am zweiten Tag dann arbeitet ein anderer Kollege die Journalistin als Putzkraft ein. Immerhin benutzt dieser zwei verschiedene Lappen. Reinigungsmittel kommen jedoch auch bei ihm nicht zum Einsatz. Doch selbst bei dieser oberflächlichen Putzaktion sind die Vorgaben offenbar kaum einzuhalten: In vier Stunden soll die Reporterin am dritten Tag die 28 Räume allein reinigen, darunter Sanitäranlagen mit 18 Toiletten, 14 Urinalen und 14 Waschbecken. Die Journalistin benötigt eine Stunde und 25 Minuten länger, doch ihre Überstunden werden, anders als zuvor zugesichert, nicht vergütet.

Betroffene Firma spricht von individuellem Fehlverhalten

Gegenüber der Berliner Morgenpost verurteilt das Unternehmen 3B die gezeigten Missstände: "Es handelt sich um einen eklatanten Verstoß gegen unsere Reinigungsstandards", sagte ein Sprecher von 3B am Mittwoch. Hier liege "individuelles Fehlverhalten" der Mitarbeiter vor. Die Beschäftigte seien im sogenannten 4-Farb-Reinigungssystem geschult, haben die bestehenden Bestimmungen aber hier missachtet. Toiletten würden demnach ausschließlich mit einem roten Tuch, Waschbecken und Armaturen mit einem gelben Tuch gereinigt. Auch der Einsatz eines desinfizierenden Sanitärreinigers sei vorgesehen, heißt es. Putzlappen für Klassenräume und Teeküchen seien blau beziehungsweise grün.

"Wir bedauern den Vorfall sehr. Niemand in unserem Unternehmen hat Verständnis dafür, Kindern schlecht gereinigte Toilettenanlagen zuzumuten", sagte der Unternehmenssprecher. Am gestrigen Mittwoch habe es vor Ort für alle Mitarbeiter eine Nachschulung und eine komplette Desinfektion an der Schule gegeben. Künftig sollen die Reinigungsarbeiten stärker kontrolliert werden, so die Ankündigung.

Aus Sicht von Elternvertretern ist das jedoch kein Einzelfall. Seit Jahren gibt es immer wieder Proteste an Schulen gegen teilweise unzumutbare hygienische Zustände. Zuletzt hatte die Berliner Morgenpost zu Beginn des Schuljahres über den Protest der Pankower Mendel-Grundschule gegen die unzureichende Reinigung berichtet. Dort übernehmen mittlerweile Eltern zusätzliche Putzdienste. An der Grundschule Unter den Bäumen in Blankenburg haben sich kürzlich die Eltern auf eine Toiletten-Abgabe von einem Euro pro Schüler geeinigt, um damit eine Grundreinigung der Sanitäranlagen zu finanzieren.

"Wir kämpfen seit zwei Jahren um eine bessere Reinigung der Schulen", sagte Oliver Görs vom Bezirkselternausschuss Pankow. Er sei überzeugt, dass der Fehler im System liege und die Qualitätsstandards berlinweit besser definiert werden müssten. Der Landeselternausschuss forderte aus diesem Grund bereits im vergangenen Schuljahr eine einheitliche Musterausschreibung für die Aufträge, in der klare Qualitätskriterien vorgegeben sind, ähnlich wie beim Schulessen.

Verantwortlich für die Reinigung der Schulgebäude sind die Bezirke als Träger der Gebäude. Der in Pankow zuständige Schulstadtrat Torsten Kühne (CDU) sagte auf Anfrage der Berliner Morgenpost, die in dem RTL-Beitrag gezeigten Mängel würden die Vermutungen des Bezirks bestätigen. Schließlich würde auch von Eltern und Schulleitern immer wieder auf unzureichende Reinigung hingewiesen. Doch es sei schwierig, den Reinigungsfirmen die Fehlleistungen nachzuweisen. Auf der letzten Stadträtesitzung habe er das Reinigungsproblem angesprochen, denn auch in anderen Bezirken sei das ein großes Thema. Dabei sei auch diskutiert worden, ob es sinnvoller wäre, künftig wieder eigenes Personal von den Bezirken zur Schulreinigung einzusetzen, statt diese Arbeit weiterhin auszulagern.

Elternvertreter wollten das Problem am Mittwoch auf der Sitzung des Landesschulbeirates zur Sprache bringen. "Wir benötigen berlinweite Maßnahmen, um die Reinigungssituation endlich in den Griff zu bekommen", sagte Oliver Görs vom Bezirkselternausschuss. Am heutigen Donnerstag steht die Reinigung auf der Tagesordnung der Sitzung dieses Gremiums.

Reinigungsauftrag an der Schule läuft demnächst aus

In dem konkreten Fall wurde die Firma 3B vom Bezirksamt Pankow zum Gespräch einbestellt. Es werde geprüft, ob das Bezirksamt das Unternehmen von aktuellen und zukünftigen Ausschreibungen ausschließen kann, sagte Stadtrat Kühne. An der betroffenen Schule laufe der Vertrag demnächst aus. Die Neuvergabe soll an eine andere Firma erfolgen. Das Vergabeverfahren befinde sich aber noch in der Widerspruchsfrist und sei deshalb noch nicht abgeschlossen.

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