Posse um Müller in Tegel

Auch andere hätten gern die Nummer des Flughafenchefs

Berlins Senatschef Michael Müller rief bei Kofferproblemen in Tegel den Flughafenchef an. Dafür hagelt es Spott und Unverständnis.

Wollte witzig sein: Michael Müller, der Regierende Bürgermeister von Berlin

Wollte witzig sein: Michael Müller, der Regierende Bürgermeister von Berlin

Foto: Reto Klar

Zuerst war der Regierende Bürgermeister am Sonntag nach seiner Dienstreise nach Los Angeles zu spät in Tegel gelandet, dann musste Michael Müller (SPD) mit seiner Wirtschaftsdelegation auch noch 50 Minuten auf sein Gepäck warten. So wie dem Berliner Regierungschef geht es oft Tausenden von Berlinern und Besuchern der Hauptstadt. Verspätungen und das Kofferchaos am Flughafen zerren an ihren Nerven.

Entsprechend heftig fielen die Reaktionen auf Müllers Impuls aus, nach gut 14-stündiger Reise während des Wartens auf das Gepäck zum Handy zu greifen und, wie berichtet, Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup anzurufen.

"Du kannst es dir nicht vorstellen, die ganze Reisedelegation wartet auf ihre Koffer", erzählte Müller am Telefon dem Mann, der nicht nur ein Parteifreund ist, sondern vor seinem Amtsantritt als Flughafen-Geschäftsführer Staatssekretär in der Senatskanzlei und Müllers rechte Hand war. Also ein langjähriger Weggefährte. Lütke Daldrup soll spontan mit einem deftigen Schimpfwort reagiert haben, was bei Müllers Mitreisenden für Gelächter sorgte.

"Nicht jeder kann den Flughafenchef anrufen"

Viele Berliner finden diese Episode, über die am Montag die Berliner Morgenpost berichtete, aber gar nicht lustig. So wie Adier Omar etwa. Der 49-jährige Taxiunternehmer war am Freitag aus Frankfurt am Main in Tegel gelandet – und wartet seither auf sein Gepäck. "Ich finde das unfair, weil nicht jeder den Flughafenchef anrufen kann", sagt der Unternehmer am Montag in Tegel.

In diesen Kiezen wollen die Berliner den Flughafen Tegel offenhalten

Der Jurist Carlos Wienberg, Vizepräsident des Kreises Deutschsprachiger Führungskräfte in Barcelona, kam auch am Montag zum Airport, um sein Gepäck schließlich persönlich abzuholen. "Ich hatte nicht das Glück, nur 50 Minuten zu warten wie der Regierende Bürgermeister, sondern ich musste vier Tage lang warten", sagte er. "Man versprach mir die Lieferung meines Gepäcks in das Hotel Zoo am Sonnabend, das Gepäck kam jedoch nicht an." Entschuldigt habe sich bei ihm keiner für all die Unannehmlichkeiten. Er wolle versuchen, nun Schadensersatz geltend zu machen.

Reaktionen im Netz: "Willkommen in der Realität, Herr Müller!"

Im Netz überschlugen sich die Reaktionen. "Willkommen in der Realität, Herr Müller! Und wenn Sie uns jetzt auch noch die Nummer des Flughafenchefs geben, dann können wir den auch mal anrufen", schreibt einer auf Facebook. Ein anderer empört sich: "Diese Reaktion ist einfach erbärmlich, es zeigt die ganze Weltfremdheit dieses Herrn ...! Glaubt er, er sei etwas Besonderes?" Eine weitere Stimme: "Ach, er ist ein besserer Mensch als die anderen Berliner? Eigentlich würde wegen so einer Nichtigkeit das Telefon vom Flughafenchef nie stillstehen." Es gibt auch schadenfrohe Kommentare: "Das hat Herr Müller nun davon. Er will den Flughafen ja schließen lassen, dann kann er auch warten."

Regierungssprecherin Claudia Sünder stellte am Montag klar: "Die Delegation und der Regierende Bürgermeister haben sich nirgendwo beschwert. Der Anruf beim Flughafenchef war ein Live-Erfahrungsbericht. Schließlich ist geteiltes Leid halbes Leid." Doch selbst Parteifreunde zeigten sich humorlos und schüttelten den Kopf über die "Instinktlosigkeit" des Regierenden Bürgermeister und SPD-Landeschefs. Er hätte sich denken können, dass ein solcher Anruf nicht gut ankommt, zumal sie sich seit Monaten hilflos dem Chaos in Tegel ausgesetzt sehen, heißt es. Nun sei bei vielen der Eindruck entstanden: Müller ist wieder in Berlin gelandet – als abgehobener Regierungschef. Ausgerechnet er, der Bodenständige.

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