Spaziergang

Mit dem Historiker Heinrich August Winkler durch Dahlem

| Lesedauer: 13 Minuten
Felix Müller
Heinrich August Winkler

Heinrich August Winkler

Foto: Reto Klar

Unsere Reporter treffen Menschen, die etwas bewegen. Diesmal: ein Spaziergang mit dem Historiker Heinrich August Winkler durch Dahlem.

Wir haben uns in Dahlem verabredet an diesem wechselhaften Tag im frühen Herbst, und das passt natürlich sehr gut. Und zwar nicht nur, weil dieser Ortsteil mit all seinen Fakultäten der Freien Universität, mit ihren Bibliotheken und Hörsälen eine gewisse Gelehrsamkeit verströmt. Sondern auch, weil er wie kaum ein anderer in Berlin mit einem der Lebensthemen Heinrich August Winklers verbunden ist: dem Westen, verstanden als historisches Projekt.

Am Telefon hatte er, wie immer hochpräzise und klar formulierend, ein Hotel unweit des John F. Kennedy-Instituts an der Lansstraße als Treffpunkt vorgeschlagen. Der Fotograf hat die Schilfbepflanzung vor dem Hotel als Kulisse ausgewählt. Winkler stellt sich hinein und lässt ihn geduldig seine Arbeit machen. Ringsherum, von regenverdächtigen Wolken verschattet: die Gebäude der Freien Universität, vor fast 70 Jahren mit maßgeblicher Unterstützung aus den USA gegründet als freiheitlicher Gegenentwurf zur Berliner Universität im sowjetisch besetzten Sektor der Stadt, die wenig später in Humboldt-Universität umbenannt wurde.

Schon als Doktorand stieß er auf die zentrale Frage

Und da sind wir auch schon mittendrin in den Fragen, die diesen großen Gelehrten seit Jahrzehnten umtreiben. Schon im Jahr 2000 legte er zwei dicke Bände mit dem Titel „Der lange Weg nach Westen“ vor, in denen er Deutschlands windungsreichen Weg vom Alten Reich bis zur parlamentarischen, in westlichen Bündnissen verankerten Demokratie der Gegenwart nachzeichnete. Danach weitete er seinen Fokus ins Welthistorische und beschrieb in vier Bänden die „Geschichte des Westens“ von der Antike bis zum heutigen Zeitpunkt – ein kühnes, in jedem Sinne großartiges Panorama aus Politik-, Kultur- und Ideengeschichte. Und jetzt gerade ist das Buch mit der bangen Frage „Zerbricht der Westen?“ erschienen, in dem Winkler auf die „gegenwärtige Krise in Europa und Amerika“ blickt – sich aber nicht nur mit den Folgen des britischen Brexit-Referendums und der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten für die liberalen Demokratien und Bündnisse westlicher Prägung zuwendet, sondern auch der Krise der europäischen Währungsunion, den Migrationsfolgen und vielem mehr (Verlag C.H. Beck, 490 Seiten, 24,95 Euro).

Er möchte jetzt gern einen Cappuccino trinken, sagt Heinrich August Winkler. Also besprechen wir kurz im Café des Hotels, wie er zu diesem Lebensthema gekommen ist. „Das hat eine lange Vorgeschichte“, sagt er. Er spricht druckreif und akzentuiert, was später das Abschreiben des Tonbandes zum Kinderspiel macht. „Ich bin als Doktorand 1961 in London gewesen. Ich arbeitete über die Geschichte des preußischen Liberalismus vor der Reichsgründung in der Zeit des preußischen Verfassungskonflikts. Die Zeitungsquellen waren am besten vorhanden in der Newspaper Library des British Museum. Und während dieses Aufenthaltes stieß ich auf das Buch eines amerikanischen Historikers mit deutschem Namen, Leonard Krieger, ,The German Idea of Freedom‘, in dem die Frage aufgeworfen wird, wie und warum Deutschland vom Weg des Westens abwich. Das ist in meine Doktorarbeit eingeflossen, da ist diese Frage schon drin.“

Wer sich hauptberuflich mit der deutschen Geschichte befasst, kommt gar nicht an der Frage vorbei, wie man diesen eigentümlichen Weg Deutschlands vom Flickenteppich des Alten Reichs bis zum demokratischen Nationalstaat der Gegenwart verständlich machen kann – eine derart windungsreiche Strecke, dass viele Historiker schon vom „deutschen Sonderweg“ gesprochen haben. Die Frage ist folgerichtig auch für Heinrich August Winkler immer zentral gewesen.

Wir verlassen das Hotel und treten, die Regenschirme immer mal wieder aufspannend, unseren Spaziergang durch Dahlem an. Winkler ist mit der Gegend natürlich bestens vertraut und schlägt vor, zum Preußischen Geheimen Staatsarchiv zu laufen. Ich spreche ihn auf seine Zeit am Otto-Suhr-Institut an, wo er in den Sechzigerjahren als Assistent tätig war. Doch hier muss mich der Historiker, auch Chronist in eigener Sache, kurz zurückpfeifen: Seine Beziehung zu Berlin beginnt viel früher, in der Kindheit.

Heinrich August Winkler, geboren 1938 in Königsberg, liegt die Liebe zur Historiografie gewissermaßen in den Genen. Beide Eltern waren promovierte Historiker. „Mein Vater ist in Berlin aufgewachsen“, erzählt er. „Er war Sohn eines evangelischen Pfarrers, erst in Moabit, dann in Wilmersdorf.“ Der Vater stirbt 1939, da ist der Sohn elf Monate alt. Doch die Verbindung zu Berlin reißt nicht ab: „Ich bin immer wieder mit meiner Mutter in Berlin gewesen, bei meiner Großmutter väterlicherseits in Lichterfelde - in ,Trichterfelde‘, wie man es aufgrund der Kriegszerstörungen auch nannte. Und das letzte Mal vor dem Kriegsende sah ich Berlin auf der Fahrt von Königsberg nach Ulm im August 1944.“ Es liegt in diesen Erlebnissen begründet, dass sich Winkler selbst als „Berliner Lokalpatriot“ und die Stadt als „den erreichbaren Teil meiner Kindheit“ beschreibt: „Dass ich Königsberg noch einmal sehen würde, war sehr, sehr unwahrscheinlich. Berlin war ein Ort, an den ich gern zurückkehrte, weil ich mich dort zu Hause fühlte.“

Und in diesem Zuhause kommen wir gerade an der „Luise“ vorbei, das vielen Studenten gut bekannte Restaurant an der Königin-Luise-Straße, die wir sogleich überqueren. Auf der anderen Seite ist die Buchhandlung Schleicher, die regelmäßig Autorenlesungen veranstaltet und in der man die Studenten der Freien Universität fast so oft antreffen kann wie in der „Luise“. Winkler bleibt kurz stehen und prüft, ob sein neues Buch dort schon beworben wird. „Noch nicht, aber wir bauen gerade um, Herr Professor!“, ruft ihm eine freundliche Mitarbeiterin zu. Man kennt und mag ihn hier, den Herrn Professor.

Wir müssen jetzt aber doch noch auf die wilden Jahre der Studentenrevolte zu sprechen kommen, für die Winkler ja ein guter Zeitzeuge ist. Er wurde bei Hans Rothfels mit einer Arbeit zur Geschichte der Deutschen Fortschritts-Partei promoviert, bevor er 1964 als Assistent an die Freie Universität wechselte. Welches Verhältnis hatte er zu den revoltierenden Studenten, die Hörsäle stürmten, Vorlesungen unterbrachen, und muffige Talare durchlüften wollten? „Ich erinnere mich“, erzählt er, der Fragen gern mit Geschichten beantwortet, „an eine Diskussion im Audimax der FU – unmittelbar nach der Ermordung Benno Ohnesorgs, als die Sprecher des Sozialistischen Deutschen Studenten-Bundes von der faschistischen Polizeigewalt in Berlin sprachen. Ich bin ans Pult gegangen und habe gesagt: Wir können diesen Einsatz mit schärfsten Worten kritisieren. Aber der Begriff ,Faschismus‘ läuft auf eine Verharmlosung des Faschismus und des Nationalsozialismus hinaus, und das wäre fatal.“ Leicht vorstellbar, dass er sich mit solchen Interventionen nicht viele Freunde unter den rebellierenden Studenten machte. Sprachkritik wird nicht gern gesehen, wenn die Atmosphäre aufgeheizt ist.

Wie er Rudi Dutschke auf dem Podium erlebte

Und Dutschke? „Den habe ich nicht persönlich gesprochen, aber bei einer Diskussion erlebt, als Herbert Marcuse, Richard Löwenthal, Alexander Schwan und er auf dem Podium saßen. Dutschke begann, Zitate von einem gewissen Paul Sering aus der ,Zeitschrift für Sozialismus‘ vorzutragen, die Mitte der Dreißigerjahre in Prag erschien. Und dann machte er eine Kunstpause und fragte: ,Wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym Paul Sering? Richard Löwenthal! Welche brillante Analyse damals – und wo steht der Mann heute?‘ Und darauf Löwenthal: ,Ich freue mich, dass ich in Rudi Dutschke einen posthumen Schüler gefunden habe.‘“

Die komplexe Gemengelage einer historischen Situation erzählerisch verdichten: Winkler kann das wie kaum ein anderer. Die Gesinnungsethik jener Jahre, der Generationenkonflikt und das damit verbundene Misstrauen, auch die virulente Selbstgerechtigkeit: das alles bringt die kleine Episode aus dem Audimax zum Schillern. Wir sind inzwischen in die Archivstraße eingebogen und mir fällt ein, dass ich hier um die Ecke, in der Koserstraße, mein eigenes Geschichtsstudium beendet habe, auch da ging es um 1968 und die Folgen. Manche Dinge lassen einen auch dann nicht los, wenn man sie nicht selbst erlebt hat.

Winklers Wurzeln an diesem Ort reichen natürlich viel tiefer. Am Preußischen Geheimen Staatsarchiv, vor dessen Haupteingang wir nach fünf Minuten stehen, haben sich schon seine Eltern um historische Erkenntnis bemüht. Er erwähnt das nur kurz und erzählt dann weiter von den vielen hochschulpolitischen Schlachten, die am Otto-Suhr-Institut geschlagen wurden. Als ihn 1972 der Ruf auf einen Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg erreichte, muss das auf den Mittdreißiger wie eine Befreiung gewirkt haben: weg von den bürokratischen Grabenkämpfen mit einer zusehends doktrinären Studentenschaft, hin zu Forschung und Lehre, wie er sie ja eigentlich immer angestrebt hatte. Unser Fotograf, der im Regen auf uns gewartet hat, macht noch ein paar Aufnahmen, dann treten wir den Rückweg an.

Aber natürlich war mit dem Weg in den Schwarzwald das Berlin-Kapitel für Winkler nicht abgeschlossen. Die Wende von 1989/90 bot ihm als Historiker nicht nur einen erzählerischen Fluchtpunkt, eine Zäsur, auf die er Geschichte fortan hinerzählen konnte. Sie bot auch die einmalige Chance, auf einen Lehrstuhl an der Humboldt-Universität zu wechseln und die Erneuerung der im Sozialismus arg gebeutelten Einrichtung voranzutreiben – was auch gelang, wie Winkler nicht ohne Stolz bemerkt: „Berlin hat ein intellektuelles Reizklima. Der Neuaufbau der Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität war eine große Herausforderung, auch wenn es gelegentlich friendly fire von Westkollegen gab. Wir haben damals Weichen stellen können.“

Wir sind, langsam schlendernd, nun wieder an unserem Ausgangspunkt angekommen – und damit wieder bei der Ursprungsfrage: Was wird aus dem Westen? Kritiker haben Winkler vorgeworfen, dass er diese Frage in seinem Buch nicht beantworte: Er lasse die Gefährdungen Revue passieren, ohne festzustellen, ob es sich auch um Verfallserscheinungen handle. Einer schrieb: Er zähle so viele Bäume auf, aber wo sei der Wald? „Wir haben Baumgruppen und Solitäre“, hält Winkler ihm entgegen, „aber ob sie sich noch zu einem Wald zusammenfügen, muss doch erst einmal geprüft werden. Ich komme zum Ergebnis: Nur noch mit großen Vorbehalten.“

Er ist eben ein Historiker und kein Prophet, und als solcher wird er sich treu bleiben. Die Wahlen in Österreich und Frankreich, auch das gehört zur Wahrheit, ließen zuletzt vorsichtigen Optimismus für das Projekt des Westens zu. Der Dahlemer Himmel gönnt uns jetzt eine kurze Regenpause. Wir packen die Schirme wieder ein.

Zur Person:

Leben: Heinrich August Winkler wurde am 19. Dezember 1938 in Königsberg geboren. Beide Eltern waren promovierte Historiker. Nachdem der Vater 1939 gestorben war, verließ die Mutter 1944 Königsberg und zog nach Württemberg. Winkler studierte Geschichte, Philosophie und Öffentliches Recht in Münster, Heidelberg und Tübingen, bevor er 1963 promovierte. Nach einer Zeit als wissenschaftlicher Assistent an der Freien Universität Berlin lehrte er als Professor an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, bevor er 1991 an die Berliner Humboldt-Universität berufen wurde. Nach nochmals gut anderthalb Jahrzehnten Forschung und Lehre ist er seit April 2007 emeritiert.

Werk: Zu seinen zahlreichen Studien und Standardwerken über den preußischen Liberalismus und die Weimarer Republik gesellen sich seine zweibändige Studie über den „Langen Weg nach Westen“ (2000) und die vierbändige „Geschichte des Westens“ (2009–15).

Auszeichnungen: Heinrich August Winkler ist vielfach wissenschaftlich geehrt und ausgezeichnet worden. Im Jahr 2005 erhielt er das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland.

Der Spaziergang führte von der Dahlemer Lansstraße zum Preußischen Geheimen Staatsarchiv und wieder zurück.