Quereinsteiger an Schulen

Sandra Scheeres: „Wir können uns Lehrer nicht backen“

Bildungssenatorin Sandra Scheeres spricht im Interview über den hohen Quereinsteiger-Anteil bei Neueinstellungen an Berliner Schulen.

Sandra Scheeres, Bildungssenatorin

Sandra Scheeres, Bildungssenatorin

Foto: Amin Akhtar

Berlin hat es geschafft, zum Start dieses Schuljahres alle Lehrerstellen zu besetzen. Rund 1200 von 3000 der jetzt neu eingestellten Lehrer sind Quereinsteiger aus anderen Berufen. Was bei Lehrerverbänden, aber auch bei vielen Eltern Kritik hervorruft, begrüßen andere sogar als Bereicherung. Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) verteidigt im Gespräch mit der Berliner Morgenpost die Einstellung und Berlins Argumente im Kampf um Fachkräfte.

Frau Scheeres, der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger sagt: „In Berlin etwa sind inzwischen 41 Prozent der Lehrer Quereinsteiger ohne pädagogische Ausbildung. Wenn ich das höre, bekomme ich das kalte Grauen.“ Können Sie Herrn Meidinger verstehen?

Sandra Scheeres: Die Zahl bezieht sich auf die aktuellen Einstellungen. Insgesamt beträgt die Quereinsteigerquote in Berlin vier Prozent aller Lehrkräfte. Polemik hilft gar nicht, denn wir machen uns deutschlandweit Gedanken, wie wir die Anzahl der voll ausgebildeten Lehrkräfte erhöhen können. Das persönliche Grauen von Herrn Meidinger würde sich wahrscheinlich erhöhen, wenn die Stellen unbesetzt blieben: Unterrichtsausfall, größere Klassen oder Stundenerhöhung für Lehrkräfte wären die Folge. Das sind vielleicht seine, aber nicht meine Alternativen. Wichtig ist, dass Quereinsteigende berufsbegleitend eine pädagogische Ausbildung erhalten. Diese bekommen sie in Berlin – übrigens zusammen mit den Referendarinnen und Referendaren. Die Ausbildung mündet in einer Staatsprüfung, nach der auch die Quereinsteigenden voll ausgebildete Lehrkräfte sind.

Gab es tatsächlich keine anderen Möglichkeiten?

Wir befinden uns in einem deutschlandweiten Konkurrenzkampf um Fachkräfte. Den Quereinstieg lassen wir nur bei bundesweiten Mangelfächern zu. Berlin hat viele Maßnahmen ergriffen, um konkurrenzfähig zu bleiben: Neue Grundschullehrkräfte erhalten mit entsprechender Qualifikation mehr Geld, nämlich 5200 Euro, ab 1. Januar 2018 sind es rund 5300 Euro. Schulen bekommen zu ihrer Unterstützung Verwaltungsleitungen an die Seite gestellt. Das Bonusprogramm und der Verfügungsfond sind weitere finanzielle Unterstützungen, mit denen Schulen zum Beispiel Schulsozialarbeiter einstellen und kleine bauliche Verbesserungen bezahlen können. Die Berliner Schule ist vielfältig, attraktiv und auch – keine Frage – anstrengend. Dafür wollen wir bei den anstehenden Einstellungsrunden kräftig die Werbetrommel rühren. Wir sind eine wachsende Stadt. Allein an den allgemeinbildenden Schulen in den nächsten sieben Jahren werden wir 64.000 Schülerinnen und Schüler mehr haben. Als Konsequenz werden wir jährlich rund 2000 Lehrkräfte einstellen.

Ein großer Teil der Quereinsteiger ist an Schulen in sozialen Brennpunkten eingestellt worden. Weil dort ausgebildete Lehrer nicht unterrichten wollen?

Wir haben die genauen Zahlen der Verteilung noch nicht vorliegen. Ich kann aber mit Sicherheit sagen, dass viele Lehrkräfte, die mit Haut und Haar hinter ihrem Berufswunsch stehen, gerade auch an Schulen in sozial schwierigen Lagen unterrichten wollen, um Kinder zu fördern und Chancengerechtigkeit zu geben. Das gilt nicht nur für Berliner Lehrkräfte, sondern auch für Lehrkräfte in anderen Städten. Wir steuern die Verteilung insofern, dass wir zeitlich unterschiedliche Auswahlverfahren mit einzelnen Bezirksverbünden durchführen. Die Castings für den Quereinstieg finden übrigens erst im Anschluss an die Bewerberverfahren für voll ausgebildete Lehrkräfte statt.

Auch die Kollegen, die es in solchen Schulen ohnehin schwer haben, kritisieren das. Sie müssen jetzt auch noch viele ungelernte Kollegen betreuen. Was sagen Sie denen denn?

Das Gleiche wie Herrn Meidinger: Wir können uns fertig ausgebildete Lehrkräfte nicht backen. Nicht in Berlin und nicht anderswo. Für die Betreuung der Quereinsteigenden haben wir rund 100 Lehrkräfte eingestellt.

Viele Eltern scheinen den Quereinstieg ja gelassen zu nehmen. Der Berlin-Trend hat gezeigt, dass sich die Mehrheit für den Einsatz an den Schulen ausspricht.

Ich habe auch erlebt, dass sich Eltern vehement für die Weiterbeschäftigung von Quereinsteigern eingesetzt haben. Es ist kein Geheimnis, sondern Lebenserfahrung: Auf den Lehrer kommt es an, also auf den einzelnen Menschen, der vor der Klasse steht. Alle Quereinsteigende haben ein wissenschaftliches Hochschulstudium erfolgreich absolviert, oft wichtige Erfahrungen im Berufsleben gesammelt und bringen diese Erfahrungen in den Unterricht ein. Das ist auch eine Bereicherung für das Schulleben. Unsere Schulinspektion nimmt Quereinsteigende genauso in den Blick wie voll ausgebildete Lehrkräfte. Die Gruppe integriert sich gut in die Kollegien: Bei den Staatsprüfungen haben 95,8 Prozent der Quereinsteiger und 97,8 Prozent der Referendare mit Lehramtsstudium die Prüfung bestanden. Auch bei der Abbrecherquote gibt es zwischen den beiden Gruppen keinen signifikanten Unterschied.

Was können Sie im Wettbewerb anbieten?

Wir bezahlen Lehrkräfte gut und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist durch das Kitaangebot und die Ganztagsschulen gewährleistet. Anders als in anderen Bundesländern diskutieren wir aktuell keine Einschränkungen bei der Teilzeitarbeit, Beurlaubung oder Frühpensionierung. Wir verfolgen jedoch Änderungen, die von Lehrkräften gewünscht werden. So setze ich mich für eine Aufhebung der Zuverdienstgrenze bei Pensionären und für eine freiwillige Dienstzeitverlängerung ein. Bisher war es so, dass Lehrkräfte nach Erreichen des Pensionsalters kaum länger arbeiten durften. Darüber laufen zurzeit Gespräche mit der Finanzverwaltung. Für Berlin war es zudem sehr wichtig, dass wir den sofortigen Einstieg der Lehrkräfte in die Erfahrungsstufe 5 gesichert haben und dass es künftig im TV-L eine weitere Stufe 6 geben wird. Die Lehrkräfte benötigen dafür entsprechende Anrechnungszeiten – 15 Jahre. Das ist eine Aufstiegsmöglichkeit mit einem monatlichen Verdienst von rund 5380 Euro.

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