Reise nach Los Angeles

Michael Müller lässt sich das hippe L.A. zeigen

Architekten zeigen Michael Müller das coole Los Angeles. Ihre Botschaft an den Bürgermeister: Berlin soll spektakulärer bauen.

Michael Müller lässt sich auf seiner L.A.-Reise Street Art zeigen.

Michael Müller lässt sich auf seiner L.A.-Reise Street Art zeigen.

Los Angeles.  Von diesem Hinterhof ist es nicht mehr weit bis zum größten Gang-Gebiet von Los Angeles. "East L.A. ist auf der anderen Flussseite", erklärt Wolfram Putz. "Dort sind viele mexikanische Gangs." Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) ist in diesem Hinterhof im Art District in Downtown L.A. aber sicher. Wie so häufig in Amerika liegen die aufstrebenden, szenigen und reichen Stadtteile nur wenige Blocks von den armen und von Kriminalität gezeichneten Vierteln entfernt.

Müller, der wegen des Jubiläums 50 Jahre Städtepartnerschaft in Los Angeles weilt, bekommt an diesem Tag eine Führung der besonderen Art. Die drei Gründer des Architektenbüros Graft zeigen ihm Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Architekten führen Müller durch "ihr" L.A.

Graft – das sind Wolfram Putz, Thomas Willemeit und Lars Krückeberg. Die drei studierten schon zusammen Architektur in L.A. Mittlerweile haben sie nicht nur in der kalifornischen Metropole ein Büro, sondern auch in Berlin und Peking. Ihre Architektur ist gewagt, innovativ und aufsehenerregend. Genau das wollen sie auch Müller in "ihrer" Stadt L.A. zeigen.

Berlins Regierender Bürgermeister steht im Innenhof einer alten Fabrik aus den 1920er-Jahren. Die Szenerie erinnert an Friedrichshain oder Oberschöneweide. Aus der alten Fabrik ist eine schicke Schweizer Galerie mit Café und Ausstellungshallen geworden.

Die Gentrifizierung schlägt auch in L.A. zu – nur niemand protestiert

Im Hinterhof schaut sich Müller ein Streetart-Gemälde an. "Dadurch werden in Südamerika ganze Stadtviertel aufgewertet", erzählt Müller von einer anderen Dienstreise. In Berlin hat die Kunst aus der Spraydose mittlerweile schon ein eigenes Museum, The Urban Nation. Hier in L.A. – in diesem ehemaligen Industrie- und Lagerhallengebiet nur wenige Blocks vom Rathaus entfernt – findet man Streetart an vielen Gebäuden.

L.A. verändert sich. Ähnlich wie in Berlin findet in bestimmten Gebieten eine Verdrängung statt: Erst zieht die Szene ein, dann kommen Galerien und teure Geschäfte, schließlich werden die Wohnungen so teuer, dass die einheimische Bevölkerung das Viertel verlassen muss. "Die Gentrifizierung geht hier sehr schnell", erklärt Architekt Thomas Willemeit. Im Gegensatz zu Berlin gebe es aber keinen breiten gesellschaftlichen Protest dagegen. "Das mussten wir vor 20 Jahren auch mit einem gewissen Schock feststellen: In Amerika ist jeder sein eigener Held, der nach Glück strebt. Ein soziales Miteinander gibt es nicht so ausgeprägt wie in Deutschland", sagt Willemeit.

Müller lernt die Schattenseiten des US-Kapitalismus kennen

Das hat Müller in Augenschein nehmen können. Vor der Stadtführung mit den Graft-Architekten ist er noch bei einer Konferenz von Wirtschaftsvertretern aus Berlin und Los Angeles. Auch die Unternehmer treffen sich in einer alten, nun umgebauten Fabrikhalle in dem angesagten Innenstadtbezirk.

Auf dem Weg dorthin muss Müller aber auch die Schattenseiten des Kapitalismus in Amerika kennenlernen. Hunderte Obdachlose campieren vor eine Sozialstation. Jörg Neumann, deutscher Generalkonsul in Los Angeles, erklärt, dass der Bürgermeister von L.A., Eric Garcetti, den Müller später treffen wird, eine Steuer durchgebracht hat. Dadurch sollen Obdachlose mit Wohnungen und Sozialhelfern einen Weg zurück in die Gesellschaft finden. Allerdings sorgt das besondere Kümmern der Stadt dafür, dass immer mehr Obdachlose nach L.A. drängen.

Architekten kritisieren: Flughafen Tempelhof hätte bebaut werden müssen

Die Graft-Architekten wissen um die Spannungen in der Stadt. Sie zeigen Müller neu entstehende Holzhäuser. Nicht nur weil Los Angeles in einem Erdbebengebiet liegt, setze man auf Holz. Der Baustoff sei ökologisch und er könne vorproduziert werden. "So geht das eigentliche Hausbauen viel schneller und günstiger", sagt Thomas Willemeit. Schnell und günstig bauen – das ist eigentlich auch das, was Müller für Berlin braucht, wo Zehntausende Wohnungen fehlen.

In der deutschen Hauptstadt, wo die Graf-Architekten gerade durch einen spektakulären Neubau an der Spree von sich reden machen, fehle es an Bautätigkeit, stellt auch Wolfram Putz fest. "Es war beispielsweise ein riesiger Fehler, das Areal des ehemaligen Flughafens Tempelhof nicht zu bebauen. In der Folge steigen die Mieten im benachbarten Schillerkiez immer schneller, einfach weil Wohnraum fehlt", sagt Putz.

Botschaft der Architekten: Berlin soll beim Bauen mehr wagen

Müller hatte als Stadtentwicklungssenator für ein Randbebauung gekämpft,war aber am Votum eines Volksentscheids gescheitert. Auch jetzt macht Müller immer wieder Druck, dass Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) mehr Wohnungen fertigstellen soll. Doch das zieht sich. Die Stararchitekten von Graft hat er zumindest auf seiner Seite.

Sie wollen – berufsbedingt – bauen. Und sie zeigen Müller, wie man das auch gewagt machen kann. Die Stadtführung der besonderen Art ist nämlich vor der Disney Concert Hall, der Heimat der Los Angeles Philharmoniker, angelegt. Der Bau stammt von Frank Gehry und steht für ungehemmte Architektur. Wie ein riesiger Aluminium-Koloss in großen Wellen liegt der Konzertbau in gleißendem Sonnenlicht. Direkt daneben ein weiterer Kunstbau, The Board. Mit einer faszinierenden Fassade, die wie eine Hülle das Gebäude umgibt.Die Botschaft der Architekten an den Regierenden Bürgermeister ist deutlich: Berlin soll auch mehr wagen.

Bei Großprojekten explodieren die Kosten auch in L.A.

Dann hört Müller Zahlen, wie bei der Disney Concert Hall die Kosten explodiert sind. Aber es gab großzügige private Spender, die Gehrys Idee Wirklichkeit werden ließen. Müller schaut kurz seinen Senatskanzleichef Björn Böhning an. Solche Spender wünscht er sich auch an der Spree. In Berlin hatte Müller am Dienstag der Eröffnung der Staatsoper beigewohnt. Dort hatte der Berliner Steuerzahler die enormen Mehrkosten tragen müssen.

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