Grundschule in Berlin

Siebenjährige klagt Brandschutz an ihrer Schule ein

„Kein angemessener Fluchtweg“ an der Anna-Lindh-Grundschule in Wedding: Mängel gibt es auch an vielen anderen Berliner Schulen.

Drittklässlerin Helen: Die Siebenjährige geht auf die Anna-Lindh-Schule in Wedding

Foto: Jörg Krauthöfer

Im Namen der siebenjährigen Helen von der Anna-Lindh-Grundschule in Wedding soll vor Gericht vom Bezirk ein angemessener Fluchtweg erzwungen werden. Der für sie tätige Rechtsanwalt hat vor zwei Wochen einen Eilantrag vor dem Berliner Verwaltungsgericht eingereicht.

Das Verfahren könnte Signalwirkung haben, denn an vielen Schulen in Berlin gibt es erhebliche Brandschutzmängel. Fehlende Türen, Fenster, die sich nicht öffnen lassen oder vollgestellte Elektroräume – die Mängellisten sind lang. Zuletzt hatte die Schulleiterin der Elisabeth-Christinen-Grundschule in Pankow gedroht, die oberen Etagen ihres Gebäudes zu schließen, weil sie die Verantwortung nicht länger übernehmen wollte. Dann erst reagierte der Bezirk.

Die Anna-Lindh-Grundschule ist mit 700 Schülern eine der drei größten Grundschulen Berlins. Sie wurde 1955 ursprünglich für 600 Kinder gebaut. Grundsanierung und Erweiterung sind überfällig, doch was den Eltern die größte Sorge bereitet, ist der Brandschutz. Helen wird täglich mit 45 bis 70 Kindern in der zweiten Etage unterrichtet. Am einen Ende des Flurs liegt das Treppenhaus. Sollte das im Brandfall nicht zu benutzen sein, müssten Kinder und Lehrer aus dem Fenster am anderen Ende des Flures klettern und auf einem fünf Meter hohen Dach auf Rettung warten.

Für Anke Erler, Mutter von Helen und Elternvertreterin der Klasse, ist das nicht akzeptabel. "Niemand weiß, ob das alte Dach überhaupt so viele Kinder halten kann. Außerdem gibt es keine Absperrung. Die Gefahr, abzustürzen, ist groß", sagt die Mutter.

Mit ihrer Sorge ist sie nicht allein. Auch die Sachverständigen für Brandschutz im Bezirk haben das Problem erkannt und drängten in der Vergangenheit schon mehrfach auf schnelle Lösungen. Vorschriftsmäßig sind an allen Berliner Schulen Brandschutzbegehungen im Abstand von maximal fünf Jahren. Häufig werden diese Fristen weit überschritten, weil den Bezirken dafür das Personal in den Bauaufsichten fehlt. Besonders groß sind die Verstöße gegen die gesetzliche Vorschrift in Pankow, wo nur an 15 aller 116 Bildungseinrichtungen der Brandschutz im Jahr 2010 oder danach durchgeführt wurde. An allen anderen Schulen lag die letzte Begehung lange zurück. Das geht aus einer Kleinen Anfrage des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck (SPD) hervor, die im März 2017 beantwortet wurde.

Seit 2003 beanstanden Sachverständige die Mängel

Etliche Schulen in Pankow wurden demnach das letzte Mal 2003 oder noch früher überprüft. In Neukölln lagen nur zwölf der 87 Schulen in der Frist, und in Charlottenburg-Wilmersdorf waren 69 Schulen überfällig.

Bei ihren Brandschutzüberprüfungen notieren die Sachverständigen die vorgefundenen Mängel und geben je nach Dringlichkeit Fristen an, in denen die Mängel behoben werden sollen. Doch wie bei der Anna-Lindh-Grundschule heißt das nicht, dass gehandelt wird. In Mitte werden nach Angaben des Bezirks 80 aller Schulen fristgerecht überprüft. So auch die Anna-Lindh-Grundschule. Im Jahr 2003 wurde der fehlende Fluchtweg von den Sachverständigen erkannt, genauso wie bei der Begehung 2008 und dann erneut 2013. In allen Fällen haben die Gutachter sofortige Maßnahmen innerhalb von zwei Monaten angemahnt.

Auch der Schulleiter hat den Mangel im Bezirksamt immer wieder zur Sprache gebracht. Doch passiert ist nichts. Der zuständige Schulstadtrat des Bezirks, Carsten Spallek (CDU), beruft sich gegenüber den Eltern auf den Bestandsschutz des alten Gebäudes und darauf, dass an dem Standort eine Grundsanierung geplant sei. Im Zuge dessen soll dann auch der Brandschutz verbessert werden.

Doch darauf wollen die Eltern nicht warten. Sie fordern vorläufige Maßnahmen: "Eine einfache Wendeltreppe am Fenster würde reichen, damit die Kinder das Gebäude verlassen können", sagt Anke Erler. Zumal die Elternvertreter skeptisch sind, was den Start der Baumaßnahmen betrifft. Bisher gebe es keine Planung, sagt Erler. Und auch auf der zuletzt von der Bildungsverwaltung veröffentlichten Liste der großen Investitionen in Schulen für die Jahre 2018/19 war die Anna-Lindh-Grundschule nicht zu finden.

"Nun hoffen wir, dass wir auf dem Rechtsweg die Gefahr für unsere Kinder abwenden können", sagt Anke Erler. "Ein Brand kann schon morgen eintreten und wartet nicht, bis die Planungen im Bezirk abgeschlossen sind."