Kommentar

Die Ehe für alle ist ein längst überfälliges Gesetz

Die Ehe für alle trägt nur der Lebenswirklichkeit Rechnung, meint Andreas Abel. Willkommen ind der Realität!

Nun ist die Ehe für alle geltendes Recht in Deutschland, sind homosexuelle Paare den anderen juristisch gleichgestellt. Unwillkürlich fällt einem der Song "M & F" der Punkpop-Band Die Ärzte ein. Dort heißt es: "Manche Männer lieben Männer, manche Frauen eben Frauen. Da gibt's nichts zu bedauern und nichts zu staunen. Das ist genau so normal wie Kaugummi kauen." War es aber nicht, zumindest nicht für viele Politiker von CDU und CSU, die sich jahrelang gegen eine Abstimmung im Bundestag stemmten.

Ende Juni setzte das Parlament in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause das Thema dann doch überraschend auf die Tagesordnung. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zuvor eine Gewissensentscheidung ausgerufen. Das geschah nicht aus Überzeugung, einen gesellschaftlichen Missstand endlich beseitigen zu wollen, sondern aus taktischen Erwägungen. Die Ehe für alle sollte kein Wahlkampfschlager werden. Doch die "Begleitmusik" ist zweitrangig: Die Entscheidung des Bundestages ist historisch – und war überfällig.

Nicht nur, weil mehr als 20 Länder die gleichgeschlechtliche Ehe seit Jahren gestatten, sondern vor allem, weil sie zur vollen rechtlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung dieser Paare unabdingbar ist. Die "eingetragene Lebenspartnerschaft" konnte nur ein Zwischenschritt sein, sie blieb eine Verbindung zweiter Klasse. Auch wenn Politiker, die die Ehe für alle ablehnen, beteuern, das habe nichts mit Diskriminierung zu tun, bleibt genau dieser Makel. Nicht nur für die Betroffenen und schon gar nicht nur für jene gleichgeschlechtlichen Paare, die Kinder adoptieren möchten und denen das bislang verwehrt blieb.

Die neue Gesetzeslage wird Homophobie ebenso wenig beseitigen wie Vorbehalte konservativer Politiker gegen die Ehe für alle. Aber sie wird helfen. Der 1. Oktober ist ein wichtiger Tag für Deutschland. Willkommen in der Normalität.

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