Berlin/Potsdam

Berlin braucht Tausende neue Pflegekräfte

Bis zu 20.000 Alten- und Krankenpfleger könnten bis 2030 fehlen. Wegen des Mangels kümmern sich die meisten Brandenburger selbst um ihre Angehörigen.

Berlin/Potsdam.  Im kommenden Jahr müssen in Berlin Tausende Pflegestellen neu besetzt werden. Das geht aus Zahlen hervor, die die Senatsverwaltung vorgelegt hat. Für kommendes Jahr gibt es nach den Prognosen einen Bedarf von rund 47.700 Pflege- und Pflegehilfskräften. Tatsächlich gab es zuletzt 43.500 Arbeitnehmer in diesen Bereichen. Pflege- und Wohlfahrtsverbände rechnen langfristig mit einem weitaus höheren Bedarf.

So ist man in den neun Vivantes-Kliniken der Stadt auf der Suche nach Pflegepersonal. Sprecherin Kristina Tschenett zufolge hat das Unternehmen vergangenes Jahr bereits 558 Mitarbeiter eingestellt, hauptsächlich im Pflegebereich. Dennoch liefen diesen September noch 170 Ausschreibungen, teils für mehrere Stellen. Bei der Anwerbung im Ausland konzentriere man sich auf Südostasien: 76 Vietnamesinnen hätten vergangenes Jahr ihre Ausbildung begonnen. Insgesamt beschäftigt Vivantes in Berlin 6150 Pflegekräfte.

Auch die zuletzt bestreikte Charité hat eigenen Angaben zufolge zu wenig Pflegekräfte. 80 Pfleger werden noch im stationären Bereich gebraucht, auf den Intensivstationen fehlen 50 Vollzeitkräfte. Durch eine hohe Fluktuation müsse die Charité jährlich allein 250 Menschen einstellen, um den Istzustand zu halten.

Aus Sicht der Gewerkschaft Verdi ist das Problem des Fachkräftemangels „hausgemacht“. In den Berliner Krankenhäusern gebe es zwar eine Personalnot, aber keinen Fachkräftemangel, erklärt Verdi-Sprecherin Astrid Sauermann. Die Kliniken hätten es versäumt, 1700 nötige Stellen zu schaffen, was die vorhandenen Mitarbeiter überlaste. Die Arbeit werde zudem so schlecht bezahlt, dass sich niemand auf die offenen Stellen bewerben wolle. Vor allem in der Altenpflege seien die Löhne „beschämend niedrig“, meint Sauermann.

Engpässe gibt es auch im Bereich der Altenpflege. Ein Grund: Viele Angestellte stehen kurz vor der Pensionierung. „Perspektivisch gehen in unseren Berliner Einrichtungen in den kommenden fünf Jahren 29 Pflegefachkräfte und 65 Pflegehilfskräfte in Rente“, sagt Thomas Gleißner, Sprecher des Caritasverbands im Erzbistum Berlin.

Hans-Joachim Wasel, bei der Caritas Fachreferent für Altenhilfe, sieht große Probleme vor allem in der ambulanten Pflege: „Dort wird die Versorgung von Neukunden von den Pflegediensten häufig aus Gründen des Personalmangels abgelehnt.“ Das geschehe „unter dem Radar der Öffentlichkeit“ – obwohl zahlreiche Pflegedienste davon berichteten. Auch die Zahlung von Mindestlöhnen würde zu selten kontrolliert.

Der Deutsche Pflegeverband schätzt, dass aus heutiger Sicht im Jahr 2030 in Berlin 20.000 zusätzliche Pflegestellen benötigt werden.

Brandenburg Spitzenreiterin häuslicher Pflege

Im eher ländlich geprägten Nachbarbundesland pflegen viele Brandenburger ihre Angehörigen selbst. „Die häusliche Pflege hat im Land einen sehr hohen Stellenwert“, sagte der Sprecher des Gesundheitsministeriums in Potsdam, Gabriel Hesse. Von den rund 112.000 pflegebedürftigen Brandenburgern würden 78 Prozent im eigenen Zuhause entweder von Angehörigen allein oder mit Hilfe von ambulanten Pflegediensten versorgt. „Im Ländervergleich ist das ein Spitzenwert“, betonte der Sprecher. Fast die Hälfte der Pflegebedürftigen werde allein von Angehörigen, oft neben dem Beruf, versorgt.

Zu dem Ergebnis kommt auch der aktuelle Pflegereport der gesetzlichen Krankenkasse Barmer. Ein Grund für die häusliche Pflege ist demnach, dass in Brandenburg lediglich 26,9 Plätze pro 100 Pflegebedürftige in Pflegeeinrichtungen verfügbar sind. Ein weiterer Aspekt ist laut Hesse die demografische Entwicklung – Brandenburg werde eben älter. Beachtlich sei auch, dass sich Angehörige für die Pflege selten eine Auszeit vom Beruf nehmen würden.

Dabei verwies der Ministeriumssprecher auf eine Studie zur Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Pflege aus dem Jahr 2009. Demnach waren 38 Prozent der pflegenden Frauen in Ostdeutschland vollzeiterwerbstätig, von den Männern sogar fast 60 Prozent. 20 Prozent der Frauen, aber nur ein Prozent der Männer arbeiteten in Teilzeitbeschäftigung.

„Oft sind Angehörige wenig über die Möglichkeiten einer beruflichen Auszeit informiert“, sagte Birgitta Neumann vom Kompetenzzentrum Demenz für Brandenburg in Potsdam. „Die vorhandenen Anreize sind aber insbesondere hinsichtlich des Einkommens nicht so attraktiv, dass sie einen Anstieg begründen würden“, sagte Hesse.

Darüber klagen auch viele Angehörige, die sich in den 19 Pflegestützpunkten des Landes über Pflegemöglichkeiten für ihre Liebsten informieren. Etwa 1000 Menschen lassen sich pro Jahr beispielsweise im Pflegestützpunkt Herzberg (Elbe-Elster) beraten. „Das Thema Pflege in den eigenen vier Wänden wird gerade in ländlichen Räumen wie bei uns immer wichtiger“, berichtete Sozialberaterin Elisabeth David.

„Gern wird die kurzzeitige Arbeitsunterbrechung in Anspruch genommen“, berichtete David. Dabei könnten Berufstätige bis zu zehn Tage bei vollem Gehalt pausieren, um die Pflege ihrer Angehörigen zu organisieren.

Eine weitere Möglichkeit, sich um Angehörige zu kümmern, sei die Familienpflegzeit. Dann könne die Arbeitszeit bis zu zwei Jahre auf 20 Wochenstunden bei 75 Prozent des Gehalts reduziert werden. Die verlorene Zeit müsse danach aber entweder mit Gehaltseinbußen oder Nacharbeit ausgeglichen werden. Zudem sei es noch möglich, ein halbes Jahr ohne Gehalt im Job zu pausieren.