Morgenpost vor Ort

Schließen oder offen halten? Der große Streit um Tegel

Leser diskutieren mit Befürwortern und Gegnern über den Volksentscheid zur Zukunft des Flughafens Tegel.

Der Saal im Zoo Palast war komplett gefüllt

Der Saal im Zoo Palast war komplett gefüllt

Foto: Reto Klar

Die ersten Argumente wurden schon ausgetauscht, bevor das Morgenpost-Leserforum überhaupt offiziell eröffnet war. Am frühen Montagabend mahnten einige Tegel-Gegner vor dem Eingang des Zoo Palastes an, den Flughafen Tegel zu schließen. Doch im mit 160 Besuchern voll besetzten Kinosaal waren die Tegel-Befürworter die stärkste Fraktion. Soll der Flughafen Tegel weiterhin betrieben werden oder nicht? Die Frage, bewegt die Berliner wie kaum eine andere. Am 24. September sind sie im Volksentscheid aufgefordert, darüber abzustimmen, ob der Senat sich für einen Weiterbetrieb einsetzen soll. Beim Leserforum der Berliner Morgenpost hatten die Gäste noch einmal Gelegenheit, sich über das Für und Wider aus erster Hand zu informieren.

Im Publikum waren viele direkt betroffene Anwohner vertreten. Jürgen Klix aus Staaken lebt in der Einflugschneise. Die Lärmbelastung sei immer schlimmer geworden, vor allem in den letzten sechs Jahren, sagte der Informatiker. Er ist gegen den Weiterbetrieb Tegels. Sabine Kuske (36) ist Erzieherin aus Charlottenburg und sieht die Chancen der Stadt: Sie sei dafür, Tegel als Flughafen zu erhalten, sagte sie. „Wir brauchen dringend zwei Flughäfen in Berlin, so ist das in jeder großen Stadt.“

Müller bezweifelt die Chancen einer Neugenehmigung Tegels

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) gab sich konziliant: „Wir alle mögen Tegel“, aber man stimme ja nicht über die letzten 40 Jahre ab, sondern über eine Zukunftslösung. Müller hatte wie der gesamte Senat das Thema Tegel lange nicht ernst genommen. Aber inzwischen meidet er kein Podium, um für die Schließung des alten Flughafens zu werben. Er verwies darauf, dass Berlin nicht ohne die Mitgesellschafter Bund und Brandenburg entscheiden könne. Es gebe höchstrichterliche Entscheidungen, den inner-städtischen Flughafen zu schließen und den Verkehr am BER zu konzentrieren. Das könne man nicht mit einem Volksentscheid einfach auflösen. Müller bezweifelte die Chancen für eine Neugenehmigung für Tegel. Es sei „abenteuerlich“ zu glauben, dass man einen innerstädtischen Flughafen genehmigt bekäme.

Die Diskussion im Stream: Teil 1

Die Diskussion im Stream: Teil 2

Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup unterstützte den Bürgermeister, bei dem er lange Flughafen-Staatssekretär war. Es werde drei Jahre dauern, um den Landesentwicklungsplan für den Flughafen zu ändern, sagte Lütke Daldrup. Das Planfeststellungsverfahren danach dauere mindestens fünf Jahre, danach folgten Gerichtsverfahren. „Wir reden hier von einer juristischen Fiktion“, sagte Lütke Daldrup.

FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja hielt dagegen: „Es geht rechtlich“, sagte der Politiker, der mit seiner Partei das Volksbegehren gestartet, 240.000 Unterschriften gesammelt und damit die am Sonntag anberaumte Volksabstimmung durchgesetzt hatte. Es sei ja auch das Grundgesetz schon mehrfach geändert worden. Um den BER langfristig erfolgreich zu machen, müsse man heute mit der Planung einer dritten Startbahn beginnen. Er kritisierte den fehlenden Willen in der Stadt, etwas zu verändern. „Es fängt mit Ihrer politischen Überzeugung an“, sagte Czaja. Müller konterte: Seit 20 Jahren stehe die Flughafenpolitik, nie habe auch eine FDP in der Bundesregierung etwas anderes angemahnt. Wenn die rechtliche Klärung so einfach wäre, hätte die FDP ja einen Gesetzentwurf vorlegen können, so Müller.

"Die Kapazität wächst nicht schnell genug"

Es gehe nicht um einen Denkzettel, sondern um eine Zukunftsfrage, sagte Müller. „Was ist wichtiger für die Stadtentwicklung in den nächsten 20 Jahren? Brauche ich einen kleinen Flughafen für wenige privilegierte Geschäfts- und Privatflieger oder einen neuen Stadtteil?“

Luftfahrtberater Hans-Henning Romberg verwies auf die knappen Kapazitäten am BER. Der Verkehr wachse in Berlin stärker als von allen erwartet, vor allem wegen der Billigflieger. Man könne die Schließungsbescheide verändern. Der Airline-Experte war in den 90er-Jahren Geschäftsführer der Flughafengesellschaft und zuletzt für den Privatflieger-Verband GBAA tätig. Die Prognose der Flughafengesellschaft baue auf einer Million zusätzlicher Passagiere pro Jahr auf, rechnete Romberg vor. In der Vergangenheit seien es aber mit zwei Millionen Zuwachs doppelt so viele gewesen. Viele Airlines wollten expandieren. Das sei in der Argumentation der Flughafengesellschaft nicht dargestellt. „Meiner Meinung nach ist das zu wenig. Die Kapazität wächst nicht schnell genug.“ Man müsste alles schneller bauen. Dazu reichten weder das Geld noch die Zeit. Bei einer BER-Eröffnung werde Berlin 40 Millionen Passagiere haben. Vor allem in der ersten Zeit gebe es „eine Riesenlücke“.

Christine Richter aus der Chefredaktion der Morgenpost sagte, sie nutze den Flughafen ziemlich oft. „Ich mag Tegel“, bekannte sie. Man könne nun fünf Juristen fragen und bekomme zehn Meinungen. Das Anliegen des Volksentscheides sei, den Senat zu bitten, seine Haltung im Lichte neuerer Entwicklungen zu überprüfen. Die Journalistin benannte ihr Unbehagen angesichts der Probleme am BER. Der neue Flughafen sei noch gar nicht offen und dennoch werde über Erweiterungen geredet. Vier Wochen vor dem Volksentscheid komme die Politik mit dem Masterplan. „Die Menschen wollen einfach besser regiert werden“, sagte Richter.

Lütke Daldrup: Flugverkehr an einem Standort konzentrieren

Flughafenchef Lütke Daldrup sagte, es fehle die materielle Voraussetzung für den Weiterbetrieb Tegels. Die beiden Landebahnen am BER reichten für 55 Millionen Passagiere, damit ließe sich die Nachfrage für die nächsten 20 Jahre abbilden. Man wisse nicht, wie viele Menschen 2040 in Berlin fliegen werden. Entscheidend sei, dass man am BER schrittweise Kapazitäten aufbauen könne. 2021 werde Berlin mit dem BER 34 Millionen anbieten und zwölf Millionen am alten Terminal SXF: „Damit bin ich relativ beruhigt.“ Es sei nötig, den Flugverkehr an einem Standort zu konzentrieren, um mehr Langstreckenverbindungen nach Berlin zu holen.

Moderator Hajo Schumacher schlug einen Kompromiss vor: Die sechs Monate Frist zwischen Eröffnung des BER und der Schließung des TXL könnten ausgedehnt werden. Müller sah dafür keine Chance: Sofort würden Anwohner klagen, die von einer neuen Beschlusslage betroffen würden. „Wir würden sehenden Auges in eine jahrelange juristische Auseinandersetzung gehen.“ FDP-Mann Czaja warf dem Senat vor, so zu tun, als könne man Betriebe oder Wohnungen nur in Tegel bauen. Gleichzeitig habe die Koalition ein Neubaugebiet wie die Elisabeth-Aue mit Tausenden Wohnungen mit einem Federstrich aufgehoben. Der Beuth-Hochschule helfe Tegel nicht. Die Hochschule brauche Räume jetzt und nicht vier Jahre nach der Schließung von TXL.

Das letzte Wort in der Debatte hatte eine Anwohnerin von Tegel

Czaja warnte vor dem Verkehrsinfarkt, wenn alle Fluggäste zum BER wollten, obwohl Müller und Lütke Daldrup auf die viel bessere Schienenverbindung zum BER im Vergleich zu TXL hinwiesen. Zum Thema Lärm plädierte Czaja für Ernsthaftigkeit. Schon ab 2019 bestehe für Tegel-Anwohner das Recht auf Lärmschutz. Vorsorglich sollten dafür 380 Millionen Euro in den Landeshaushalt eingestellt werden. Bei einem Weiterbetrieb Tegels rede man aber von 30 statt wie bisher 60 Flugbewegungen pro Stunde und einem Nachtflugverbot zwischen 22 und 6 Uhr. Damit sei der Lärm nicht weg. Aber die Frage sei auch, ob es gerecht sei, 158.000 Flugbewegungen an den BER zu verlagern und sich nicht weiter darum zu kümmern.

Müller plädierte dafür, dass man auch den Menschen gegenüber verlässlich bleiben müsse, denen man über 20 Jahre eine Entlastung versprochen habe. Lärmschutz für Tegel würde einen Milliardenbetrag kosten, der ab 2019 schrittweise eingesetzt werden müsste.

Das letzte Wort in der Debatte hatte eine Anwohnerin von Tegel. Über sie donnern die Jets, ihre Dachziegel fielen herunter, berichtete die Frau. Sie habe Czaja zum Kaffee in ihren Garten eingeladen, aber er sei nicht gekommen. Über ihre Gefühle werde nicht gesprochen. Czaja versprach, sich für Schallschutz bei ihr einzusetzen – und sagte zu, den Kaffeebesuch nachzuholen.