Berlin

Lehre an Prometheus-Akademie geht weiter - ohne Leichen

Übungen an Leichen sind nun tabu. Die Einrichtung verteidigt den Einsatz von „Präparaten“.

Der Sitz der Prometheus-Akademie in der Straße Am Borsigturm

Der Sitz der Prometheus-Akademie in der Straße Am Borsigturm

Foto: Thomas Schubert / BM

Tegel.  Am Borsigtor parkt ein Notarztwagen vor einem restaurierten Backsteinbau. Ein Blaulicht, das wissen die Ordnungsbehörden inzwischen, dürfte der Kombi im Grunde nicht haben. Seinem Fahrer, dem Leiter der Prometheus-Akademie in Tegel, dem Rettungssanitäter Markus W., fehlte dazu die Befugnis. Es ist nur eine kleine Ungereimtheit in einem Fall, der selbst in Medizinfragen erfahrene Mitarbeiter des Bezirksamts Reinickendorf erschüttert hat.

Die Staatsanwaltschaft Berlin ermittelt derzeit, inwiefern Markus W. über eine amerikanische Firma ­Leichenteile nach Deutschland importiert hat, ohne dass die Herkunft und Identität der Körper geklärt wäre. Entsprechende Nachweise habe die Akademie bei einer Kontrolle des Gesundheitsamts Reinickendorf nicht er­bringen können, erklärte Amtsleiter Patrick Larscheid. Im Rahmen eines Kurses für angehende Medizinstudenten an der Akademie hätten Laien unter Anleitung von Dozenten an den verschiedenen Körperteilen Übungen durchgeführt. Dies sei gemäß des Berliner Sektions- und Bestattungsgesetzes verboten und bedeute eine Störung der Totenruhe.

Anwälte von Markus W. weisen die Vorwürfe zurück und geben an, er habe die nötigen Nachweise für die Einführung und Lagerung der Leichen erbracht.

Doch im Gesundheitsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung bekräftigten Amtsleiter Larscheid und Stadtrat Uwe Brockhausen (SPD) nun ihre Erkenntnisse. Anders als bisher dargestellt sei das Problem nicht bei einer Routinekontrolle aufgefallen, sagte Brockhausen den Ausschussmitgliedern. Das Gesundheitsamt habe Hinweise vom Landeskriminalamt bekommen und sei ihnen gefolgt.

Amtsleiter Larscheid beschrieb das Schneiden an Leichen an der Akademie als „schaurige und rechtlich bodenlose Angelegenheit“. Nach seinen Kenntnissen seien alle Leichen, 15 an der Zahl, aus Amerika importiert worden. Den Körpern hätten Gliedmaßen gefehlt. Ohne Herkunftsnachweis hätte die Einführung nicht gelingen dürfen. Da dies am Flughafen Frankfurt am Main aber problemlos geschah, sei auch der Zoll von dem Skandal betroffen. Offenbar habe der Importeur der Leichen die Fracht als „menschliche Präparate“ deklariert. Den einzelnen Teilen sei demnach ein bestimmter Warenwert zugewiesen worden. Ein menschlicher Kopf sei mit zehn Euro bewertet gewesen, erklärte Stadtrat Brockhausen. Im Rahmen eines Vorsemesterkurses hätten etwa 100 Teilnehmer jeweils einen mittleren vierstelligen Betrag bezahlt, um bereits vor dem Medizinstudium an echten Körpern üben zu dürfen. Das Zertifikat für den bestandenen Kurs nannte Larscheid „ein Ticket aus einer Fahrt mit der Geisterbahn“. Er meint: „Diese Versuche waren akademisch nutzlos und unsinnig.“

Die Leichen wurden bei einem Einsatz des Landeskriminalamts in der Akademie im August beschlagnahmt und anschließend bestattet. „Wir haben Maßnahmen ergriffen und die bisherigen Handlungen untersagt. Was dort lief, wird so nie wieder funktionieren“, versicherte Larscheid. Inzwischen seien etliche Behörden des Bezirksamts mit der Frage befasst, wie die Akademie jemals unter diesen Bedingungen arbeiten konnte. Das Institut als solches ist von Behörden allerdings nicht zu schließen und bietet weiterhin Lehrangebote an. Nur die Tätigkeit an Leichen wurde untersagt.

Auf Anfrage bei der Prometheus-Akademie und bei Markus W. schreiben die Anwälte der Akademie, es habe nie eine Sezierung im Sinne einer Zertrennung von menschlichen Gliedern stattgefunden. Gegen Verfügungen des Gesundheitsamtes habe man Widerspruch eingelegt. Auf ihrer Facebook-Seite hat die Akademie ein weiteres Schreiben veröffentlicht. „Ein Großteil der Vorwürfe ist unzutreffend“, heißt es dort. Richtig sei, „dass in der Akademie approbierte Mediziner und angehende Medizinstudenten – diese nach vorheriger mehrmonatiger theoretischer Schulung – unter Anleitung erfahrener Mediziner an anatomischen Dauerpräparaten Notfalltechniken anwenden“.

Studien hätten gezeigt, „dass sich Notfalltechniken erheblich besser an menschlichen Präparaten erlernen lassen als an Lehrmodellen. Daher werden zur Ermöglichung einer optimalen Ausbildung auch im Interesse der Patienten bei unseren Mandanten anatomische Dauerpräparate eingesetzt“, schreiben die Anwälte. Man will sich im Rechtsstreit darauf berufen, dass es sich bei den Leichen um „anatomische Dauerpräparate“ handelt, die dem Bestattungsgesetz nicht unterliegen.