Berlin

Gäste baten Anwohner um Wasser

Besucher und Anwohner berichten von chaotischen Bedingungen bei der Abreise nach dem ersten Lollapalooza-Festival-Tag

Als in der Nacht zu Sonntag immer mehr Gäste in Richtung S-Bahnhof Hoppegarten strömten, die Sanitäter nicht mehr zu Verletzten durchkamen, zog die Polizei die Reißleine und sperrte den Bahnhof ab. 5000 Festival-Besucher saßen am Bahnhof fest. Nichts ging mehr. "Wir mussten so reagieren und Schlimmeres verhindern", sagte ein Polizeisprecher der Berliner Morgenpost. Zu diesem Zeitpunkt zählte die Bundespolizei bereits 40 Verletzte. Die meisten brachen vor Erschöpfung zusammen. So endete Tag eins des Musikfestivals Lollapalooza in Hoppegarten – es hat Menschen an den Rand des Zusammenbruchs gebracht. In sozialen Netzwerken berichteten zahlreiche Besucher von unzumutbaren, teils beängstigenden Situationen. Menschen hätten vor Verzweiflung geweint, schreibt eine Nutzerin bei Twitter.

Der zweite Tag startet zunächst ruhiger. Petra Tzschätzsch, eine zierliche Frau mit leicht zerzaustem, blondem Haar und einem freundlichen Lächeln, steht an dem grünen Gartenzaun vor ihrem Haus. Von hier aus schaut die 47-Jährige direkt über den Vorplatz auf den Eingang des S-Bahnhofs Hoppegarten. Wie zähflüssiges Magma fließt der Besucherstrom aus dem schlauchförmigen Eingang des Bahnhofs, verteilt sich auf dem Vorplatz, fließt weiter in Richtung Festivalgelände. Alle paar Meter warten Ordner in blauen und rosafarbenen Westen, weisen den Besuchern den Weg, kontrollieren, ob diese sich an die Vorschriften halten und keine großen Taschen oder Glasflaschen auf das Gelände schmuggeln. Alles wirkt geordnet, eingespielt. Kaum etwas deutet auf die dramatischen Szenen hin, die sich noch wenige Stunden zuvor hier abgespielt haben. "Gestern Nacht ging hier gar nichts mehr", sagt auch Tzschätzsch. Der Platz, so die dreifache Mutter, sei proppenvoll gewesen. Besonders anstrengend seien die zahlreichen Anfragen nach Wasser oder nach etwas Essbaren gewesen.

Später brachte dann die Feuerwehr Wasserflaschen, die sie an die Menschen verteilte. Andere Festivalbesucher, die sich in der Nacht zu Sonntag vor Tzschätzschs Haustür drängten, sollen der Familie bis zu 100 Euro geboten haben, wenn sie sie nach Berlin fahren würden. "Das ging uns aber zu weit. Wir haben die Angebote abgelehnt", sagt Tzschätzsch. Szenen wie gestern Nacht möchte die Mutter nicht noch einmal erleben müssen. "Das Festival ist toll, aber dieser Ort ist dafür einfach zu klein", sagt sie. Mit dieser Meinung ist sie nicht allein. Bereits Wochen vor dem Festival war auf das drohende Chaos hingewiesen worden. Der Sprecher des "Aktionsbündnis für den Erhalt der Rennbahn im Grünen", Sven Francke, sagte: "Das S-Bahn-Pro­blem war bekannt und wurde vielfach diskutiert." Das Bündnis hatte lange versucht, das Festival in Hoppegarten zu verhindern.

Christoph Dolta, ein sportlicher junger Mann im grauen Shirt und einem Basecap, reist am Sonntag wieder mit den S-Bahn an. Auch er befand sich nachts zuvor in der drückenden Masse, die sich am Eingang formierte. "Ich schätze, ich war so gegen 23 Uhr am Bahnhof und habe etwa eine Stunde gewartet, bis es weiterging", erzählt der 31-Jährige. Es sei niemand zu den Zügen gelassen worden, weg konnte aber auch keiner, sagt er. Erst nach einer Stunde seien die Wartenden informiert worden, dass sie auf die Shuttlebusse ausweichen sollen. Manche Anwohner berichteten, dass Besucher über Privatgrundstücke liefen und gegen Häuserwände urinierten. Immerhin: Es gibt auch Positives. "Der Veranstalter war immer erreichbar und reagierte auf Kritik schnell", berichtete ein Anwohner. So grenzten am Sonntagmorgen etwa Bauzäune das Privatgrundstück ab.

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