Pflege

Zu wenige Heimplätze für behinderte Kinder

Bezirke müssen Betroffene in anderen Bundesländern unterbringen – Grüne fordern Koordination der Hilfesysteme .

Foto: Inga Kjer / dpa

Berlin.  Im Land Berlin gibt es viel zu wenige Plätze für Kinder und Jugendliche, die wegen einer Behinderung oder psychischer Probleme stationär untergebracht werden müssen. Die für diese Kinder und Jugendlichen zuständigen Bezirke müssen daher auf Einrichtungen in anderen Bundesländern zurückgreifen. Das geht aus einer noch unveröffentlichten Antwort der Senatssozialverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage der Grünen-Abgeordneten Marianne Burkert-Eulitz hervor. Das Schreiben liegt der Morgenpost vor.

Demnach hat zum Beispiel Reinickendorf aktuell 32 Kinder und Jugendliche mit geistiger oder körperlicher Behinderung in entsprechenden Heimen oder Kliniken untergebracht, davon 18 außerhalb Berlins. Diese Einrichtungen liegen zumeist in Brandenburg, etwa in Potsdam, Fürstenwalde, Luckenwalde oder Heiligengrabe. Aber auch eine Einrichtung in Essen (Nordrhein-Westfalen) wird genannt. Hinzu kommen 51 junge Menschen mit seelischer Behinderung, von denen 28 nicht in Berlin untergebracht werden konnten. Hier befinden sich die Plätze unter anderem in Hagen (NRW), Lobetal, Falkensee oder Dannenberg (Niedersachsen).

Tempelhof-Schöneberg meldete, dass nur 60 Prozent der 28 notwendigen stationären Unterbringungen in Berlin möglich seien. Mitte erklärte, "zahlreiche" der aktuell 30 betroffenen Kinder und Jugendlichen müssten außerhalb Berlins leben. Die Begründung ist jeweils nahezu wortgleich: Berlin verfüge nicht über ausreichende Angebote für diese Zielgruppe, also für junge Menschen mit hohem Betreuungsaufwand.

Kritik von Abgeordneter

Die Abgeordnete Burkert-Eulitz sieht das kritisch. Eine Unterbringung weit entfernt vom Wohnort der Familie stelle eine große Belastung für Eltern und Kinder dar, sagt sie. Zudem erschwere es die Kontrolle, ob überall die vorgeschriebenen fachlichen Standards der Jugendhilfe eingehalten würden und wem die Heimaufsicht obliege. Die Grüne fordert, dass die Berliner Politik das Problem viel stärker in den Fokus nimmt und die Betreuungskapazitäten in Berlin ausgeweitet werden. Dies müsse mit den Trägereinrichtungen besprochen und Pflegefamilien mehr unterstützt werden.

Die Situation versorgungsintensiver Kinder und Jugendlicher müsse insgesamt verbessert werden, was auch im Koalitionsvertrag verankert sei und nun bei den Haushaltsberatungen besprochen werde. Ein guter Ansatz dazu sei die Versorgung nach dem Prinzip des "Case-Managements". "Wir brauchen ein solches Management, das die zersplitterten Hilfesysteme zusammenführt und den Familien koordinierende Hilfen anbietet", so Burkert-Eulitz. Heute würden Eltern in diesen Systemen und den unterschiedlichen Zuständigkeiten förmlich zerrieben. Das Case-Management könnte Hilfen aus den verschiedenen Sektoren bereitstellen, also Aufgaben, die den Senatsverwaltungen für Jugend und Soziales, der Krankenkasse und der Pflegekasse zugeordnet werden können. Um das zu organisieren, seien aber Haushaltsmittel nötig.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.