„Politische Bildung geht im Unterricht unter“

Der neue Rahmenlehrplan tritt in jetzt Kraft, doch die Schüler fordern eine wichtige Korrektur: ein verbindliches Politik-Fach mit Noten

Konstantin Gülden ist Landesschulsprecher und Vorstandsvorsitzender des Landesschülerausschusses Berlin

Konstantin Gülden ist Landesschulsprecher und Vorstandsvorsitzender des Landesschülerausschusses Berlin

Foto: joerg Krauthoefer#

Die Lehrbücher der vergangenen Jahre werden eingemottet, ab diesem Schuljahr ist alles neu. Nach heftigen Debatten tritt nun der neue Rahmenlehrplan für Berlin und Brandenburg in Kraft. Betroffen von den Neuerungen sind alle Fächer, alle Schulformen und alle Klassenstufen vom ersten bis zum zehnten Jahrgang. Doch hinter verschlossenen Türen gab es in den Ferien erneut Streit. Denn noch in diesem Herbst soll die Entscheidung für eine wesentliche Nachbesserung fallen. So jedenfalls hatte es die Senatsverwaltung für Bildung vor den Ferien angekündigt.

Es geht um die Einführung eines für alle Schüler verbindlichen Faches Politik in der Mittelstufe. Seit sieben Jahren fordert der Landesschülerausschuss ein solches Fach, um die politische Bildung zu stärken. Jetzt kommt endlich Bewegung in die Diskussion. Einer, der Druck macht, ist der oberste Schülervertreter Kon­stantin Gülden. Der 18-Jährige wurde im Januar zum Vorsitzenden des Landesschülerausschusses gewählt und ist entschlossen, noch in seiner Amtszeit zu einem Ergebnis zu kommen. Wer ihn auf Diskussionen erlebt, zweifelt nicht daran, dass ihm das gelingen könnte. Wenn er redet, ist er pragmatisch, nimmt alle freundlich mit und bleibt dennoch in der Sache sehr hartnäckig.

Dabei erhält er von vielen Politikern und Entscheidungsträgern Rückenwind. „Vor allem der Rechtsruck in der Gesellschaft hat dafür gesorgt, dass unsere Forderung plötzlich auch Gehör findet“, sagt Konstantin Gülden. Nach Pegida und Co. seien die Parteien daran interessiert, etwas gegen die Politikverdrossenheit zu unternehmen. „Wenn jemand sagt ‚Ausländer raus‘, ist es wichtig, dass man eine eigene Meinung dagegensetzen kann“, sagt Konstantin Gülden.

Die politische Bildung jedoch kommt in der Schule zu kurz. Viele Schüler würden sich erst am Gymnasium ausführlich mit Politik befassen und selbst dort auch nur, wenn sie das entsprechende Wahlpflichtfach oder in der Oberstufe das Fach Politikwissenschaft gewählt haben. Schüler, die nach der zehnten Klasse die Schule verlassen, hätten dagegen häufig nie etwas im Unterricht über das politische System, in dem sie wählen gehen sollen, erfahren.

Natürlich ist auch jetzt schon politische Bildung Bestandteil des Lehrplans. Doch häufig geht diese unter. Das ist auch die Erfahrung von Konstantin Gülden. Immerhin, seine Lehrer für Ethik und Englisch hätten ab und zu politische Themen angeschnitten, erinnert er sich. Doch das sei eben immer abhängig vom persönlichen Engagement des einzelnen Lehrers gewesen.

Politische Bildung in der fünften und sechsten Klasse

Mit dem neuen Lehrplan wird sich daran wohl nicht viel ändern. Politische Bildung soll in den fünften und sechsten Klassen in dem neuen Fach Gesellschaftswissenschaften stattfinden. Politik wird darin mit den Fächern Geschichte und Erdkunde zusammengefasst. In den siebten bis zehnten Klassen werden Geschichte und Politische Bildung in einem Fach unterrichtet. Politik soll dort ein Drittel der Unterrichtszeit einnehmen und auf dem Zeugnis auch eigenständig benotet werden. Neben der chronologischen Abhandlung der geschichtlichen Ereignisse wird es auch fachübergreifende Module mit Geografie und Politik geben. Schulintern haben sich die betroffenen Fachbereiche zusammengesetzt und gemeinsame Unterrichtsinhalte entwickelt. Robert Rauh, Geschichtslehrer, der auch die neuen Lehrbücher für den Schulbuchverlag Cornelsen mit entwickelt hat, beschreibt, wie das funktioniert: „Wir haben zum Beispiel beraten, wie wir fächerübergreifend das Thema Migration umsetzen“, sagt Rauh. Ausgegangen werde in Politik von der aktuellen europäischen Flüchtlingskrise. „In Erdkunde können verschiedene Ursachen der Flucht in den Regionen behandelt werden und in Geschichte geht es um Wanderungen von Bevölkerungsgruppen in der Vergangenheit. Denn Migration ist kein Phänomen der Gegenwart.“

Politische Bildung finde damit aber nur punktuell statt, meint auch Rauh, der das Anliegen der Schüler unterstützt. Denn auch der neue Lehrplan sei inhaltlich überfrachtet. Die Geschichtslehrer werden bei zwei Wochenstunden an den Gymnasien und einer Stunde an den Sekundarschulen ohnehin Mühe haben, alle historischen Epochen bis zur zehnten Klasse unterzubringen. Es bestehe also die Gefahr, dass Politik weiter zu kurz kommt.

Schülervertreter fordern ein eigenständiges Fach

Die Schülervertreter fordern deshalb ein eigenständiges Fach mit Bewertung. „Wir haben 14 Vorschläge gemacht, wie unsere Forderung umgesetzt werden könnte“, sagte Kon­stantin Gülden. Doch ein Konsens scheint schwer zu finden. Eine zusätzliche Stunde wäre kaum umsetzbar, da die Stundenpläne an den Sekundarschulen in den siebten Klassen mit 31 Stunden pro Woche und an den Gymnasien mit 34 Stunden schon jetzt sehr voll sind. Zudem würden zusätzlich 130 Lehrer benötigt. Bliebe die Möglichkeit, die Zeit bei den anderen gesellschaftswissenschaftlichen Fächern Geschichte, Erdkunde und Ethik wegzunehmen. Auch eine Verbund-Lösung Ethik-Politik, wäre möglich, denn für das Fach Ethik steht mit zwei Stunden pro Woche doppelt so viel Zeit zur Verfügung wie für Geografie.

Doch gegen all die Vorschläge wehren sich die jeweiligen Fachlehrerverbände heftig. Die Ethik-Lehrer wittern eine Abschaffung ihres Faches und haben bereits eine Online-petition dagegen gestartet, nachdem zuvor schon die Geografie-Lehrer mit einer Petition protestiert hatten. Dabei war eigentlich Stillschweigen über die Gespräche vereinbart worden. „Jeder hält sein Fach für das allerwichtigste, damit müssen wir umgehen“, sagt Konstantin Gülden. Der Schülervertreter will die Verhandlungen vorantreiben, damit das Fach Politik im Jahr 2018/19 eingeführt werden kann. Die Note auf dem Zeugnis als Teilbereich des Faches Geschichte könnte auch schon früher kommen, so der Schüler. Damit wäre schon ein Stück mehr Verbindlichkeit gewonnen.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) gibt sich zurückhaltend. „Wir werden nicht über die Köpfe der Betroffenen entscheiden, die Fachverbände und die Schüler müssen sich einigen“, sagte die Sprecherin der Senatorin, Beate Stoffers.