Schulserie

„Zu enge Räume bedeuten Stress für alle“

Wie gut sind unsere Schulen? Die Schulgebäude können der wachsenden Schülerzahl nicht mehr gerecht werden. Teil 6 der Serie.

Die Kinder der altersgemischten schulanfangsphase in der Reginhard-Grundschule drängen sich in einer winzigen Leseecke

Die Kinder der altersgemischten schulanfangsphase in der Reginhard-Grundschule drängen sich in einer winzigen Leseecke

Foto: Sergej Glanze

Wenn Schulleiterin Antje Mikolajski die Tür zum verstaubten Dachboden der Reginhard-Grundschule aufschließt, gerät sie ins Schwärmen: „So viel ungenutzter Platz, für uns wäre das die Rettung“, sagt sie, denn die Schule in Reinickendorf platze aus allen Nähten.

An diesem Sonnabend werden 31.880 Erstklässler voller Vorfreude eingeschult, doch vielen Schulleitern treibt der bevorstehende erste Schultag der Lernanfänger Sorgenfalten auf die Stirn. Vor allem in Wohngebieten, in denen viele neue Wohnungen für Familien entstanden sind, müssen die Klassen voller werden, selbst in Brennpunktgebieten, wo eigentlich kleinere Klassen vorgesehen sind. Fachräume oder Computerräume müssen zu zusätzlichen Klassenräumen umfunktioniert oder die Essenszeiten in den Mensen noch enger getaktet werden.

Viele Bezirksämter hatten vor dieser Situation gewarnt, doch viel zu spät hat der Senat die Warnungen ernst genommen und die nötigen Mittel für den Schulneubau zur Verfügung gestellt. Bis zum Unterrichtsjahr 2024/25 benötigt die Stadt Plätze für 86.000 zusätzliche Kinder. Nun stehen zwar 5,5 Milliarden Euro für die Sanierung der bestehenden Gebäude und für den Bau von 51 neuen Schulen bereit. Zusätzlich sollen in den kommenden zwei Jahren 21 modulare Ergänzungsbauten die vorhandenen Schulstandorte erweitern. Die Bildungsverwaltung versucht die Planungen zu beschleunigen, mit dem Wachstum der Schülerzahlen können sie dennoch kaum Schritt halten. Die Folge: Immer mehr Kinder müssen sich die vorhandenen Räume teilen. Betroffen von der Raumnot sind inzwischen nicht nur Innenstadtbezirke, sondern auch Außenbezirke wie Reinickendorf.

Was das im Alltag bedeutet, zeigt sich an der Reginhard-Schule besonders drastisch: In den altersgemischten Klassen der Grundschule an der Letteallee sitzen jeweils 24 Kinder. Eigentlich könnte die Klassenstärke auf 22 Kinder abgesenkt werden, denn die Schule liegt in einem sozial schwierigen Gebiet. Die Schüler kommen aus 45 Herkunftsländern, zehn Prozent von ihnen haben einen sonderpädagogischen Förderbedarf. Durch kleinere Klassen sollen Kinder in Brennpunkten besser gefördert werden. Doch zu viele Familien sind in den vergangenen Jahren in Reinickendorf-Ost hinzugekommen, sodass auch die benachbarten Schulen keine zusätzlichen Kinder mehr aufnehmen können.

Förderunterricht in der Besenkammer

An der Reginhard-Grundschule kommt erschwerend hinzu, dass viele Klassenräume in dem denkmalgeschützten Gebäude zu klein sind. Die 24 Stühle und die dazu gehörigen Tische passen kaum hinein. Nur mit Mühe kann man sich zwischen den Bänken bewegen. Dabei verlangt das jahrgangsgemischte Lernen, dass sich die Kinder in Gruppen in verschiedene Bereiche zurückziehen und sich selbst aus den Regalen die passenden Materialien zu ihren Lernplänen heraussuchen können.

Die winzige Lese-Ecke auf einem zwei Meter breiten Stück Teppich sieht aus wie ein verzweifelter Versuch, an diesem Konzept festzuhalten. Der freiwillige Lesepate sitzt mit ein paar Kindern auf dem Flur. In einer Besenkammer, in der eigentlich Reinigungsmittel gelagert wurden, versucht eine Sonderpädagogin, Kleingruppen zu fördern. „Die engen Räume bedeuten mehr Stress für alle, für die Schüler genau so wie für die Lehrer“, sagt die Klassenlehrerin Bärbel Knoblauch, die die altersgemischte Gruppe unterrichtet. Bei den Kindern leide vor allem die Konzentration.

Bisher hatten sich die Pädagogen mit dem Platzmangel arrangiert, denn vorgesehen war ein Dachausbau, der für Entspannung sorgen sollte. Anderthalb Jahre haben die Lehrer, Eltern und ein Architekturbüro die neuen Räume unter dem Dach geplant. „Und dann, als alles fertig war, kam vor zwei Monaten die Absage vom Schulamt“, sagt die Schulleiterin. Das Projekt wurde vom Bezirk gestoppt. Begründung: Angesichts der wachsenden Schülerzahl würden auch die Räume unter dem Dach nicht ausreichen. Für das Geld könne auf der anderen Straßenseite ein Ergänzungsbau errichtet werden, der einen ganzen zusätzlichen Klassenzug aufnehmen könnte. Wann der Bau tatsächlich kommt, steht aber noch nicht fest. „Wir prüfen noch“, hieß es auf Anfrage der Berliner Morgenpost aus dem Schulamt.

Noch immer sind die Planungszeiten für Schulneubauten, Ergänzungsbauten oder Sanierungen viel zu lang. Die rot-rot-grüne Koalition wollte das durch eine Strukturreform nach dem Hamburger Modell beschleunigen. Dort werden alle Bauarbeiten an Schulen in einer Gesellschaft gebündelt. Hamburg hat es damit geschafft, die Zeiten von der Planung bis zur Fertigstellung eines Neubaus auf zwei bis drei Jahre zu verkürzen. In Berlin dauert es acht bis neun Jahre, bis eine Schule fertig ist. Doch die Pläne der Koalition mussten teilweise zurückgeschraubt werden. Die Bezirke haben sich in den Ferien gegen eine komplette Ausgliederung des Schulbaus ausgesprochen. Lediglich der Bau von ganz neuen Schulstandorten soll künftig an einer Wohnungsbaugesellschaft angesiedelt werden.

Der Landeselternausschuss ist verärgert

Mit einem neuen Raumkonzept, das die Standards für moderne Schulbauten festlegt, will Senatorin Sandra Scheeres (SPD) die Planungen zusätzlich beschleunigen und gleichzeitig die Qualität sichern. Doch auch dieses Programm ist ins Stocken geraten. Das Konzept der Expertengruppe, das Lern- und Teamhäuser vorsieht, liegt seit fünf Monaten vor, aber die Abstimmung im Senat und im Abgeordnetenhaus steht immer noch aus. Der Landeselternausschuss ist deswegen verärgert. Wochenlang wurden die Vertreter hingehalten, Gesprächstermine immer wieder verschoben. „Wir wollen, dass nicht nur alle Neubauten, sondern auch alle mobilen Ergänzungsbauten, die jetzt in Angriff genommen werden, nach den neuen Standards gebaut werden“, sagt Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses. Viele der Gebäude würden derzeit geplant, deshalb müsse das Raumkonzept schnell umgesetzt werden. „Die Schulbauten, die heute entstehen, beeinflussen die Pädagogik der nächsten 70 bis 80 Jahre“, sagt Heise. Für die Ganztagsschule und Inklusion seien neue Standards dringend nötig.

An der Reginhard-Schule geht der Stress für die Kinder nach dem Unterricht weiter. Das Mittagessen nehmen sie in fünf Durchgängen ein, dabei haben sie maximal 15 bis 20 Minuten Zeit. An Regentagen müssen sich bis zu 40 Kinder einen Hortraum teilen. Wenn man die Schüler fragt, wo sie sich am liebsten aufhalten, dann sind sich alle einig: auf dem Schulhof.

Lernhäuser ersetzen die alten Klassenzimmer

Die althergebrachte Flurschule mit langen Fluren, von denen die Klassenzimmer abgehen, hat ausgedient. Berlin will künftig nur noch einen Schultyp bauen, der auch der modernen Pädagogik angepasst ist. Die Bildungsverwaltung hatte eine Arbeitsgruppe mit 70 Experten eingerichtet, die ein neues Raumkonzept entwickeln sollte. Seit März liegt dieses Konzept vor.

Die neuen Schulgebäude sollen demnach aus „Lern- und Teamhäusern“ bestehen. Ein großes Schulgebäude wird in mehrere Kleinschulen aufgeteilt. Dort sind jeweils drei bis vier Klassen und 15 bis 20 Pädagogen unter sich. Die Klassenzimmer sind in den jeweiligen Lernhäusern um ein Forum gruppiert. In dieser Mitte können sich die Gruppen versammeln, Präsentationen halten oder Debatten führen. Schüler und Lehrer kennen sich in den Lernhäusern gut, sodass die Atmosphäre familiärer wird. Die Pädagogen haben ein gemeinsames Teamzimmer.

Anregungen für dieses Konzept hatten sich die Experten in Hamburg und München geholt, wo bereits Schulen nach diesem Muster gebaut wurden. Bedingung für die zügige Umsetzung ist, dass der Senat der Vorlage zustimmt. Geprüft werden vor allem die finanziellen Auswirkungen. Nach den neuen Standards würden die Schulneubauten mehr Fläche benötigen als bisher. Derzeit stehen einem Schüler in Berlin etwa neun Quadratmeter zur Verfügung. Nach dem neuen Konzept wären es zwölf Quadratmeter, wie es auch im bundesweiten Mittel üblich ist.

An jeder neuen Grundschule soll es künftig beispielsweise einen Raum von 30 Quadratmetern für Ergotherapie geben, die Lernwerkstatt für Naturwissenschaften soll eine Fläche von 80 Quadratmetern haben. Genauso viel Platz ist für einen Werkraum vorgesehen. Zudem sei auch geplant, dass Teile der Schule, wie etwa die Bibliothek, in den Kiez geöffnet werden. Neben der Mensa soll es eine Kochwerkstatt und eine Aula geben. Der Schulneubau soll ab 2019 in der Hand einer Landesgesellschaft liegen. Bis diese arbeitsfähig ist, ist die Stadtentwicklungsverwaltung für die Planungen verantwortlich.

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