Berlin

Wie sich Berliner für andere engagieren

Bundespräsident Steinmeier lädt 4000 Ehrenämtler zum Bürgerfest ins Schloss Bellevue. Darunter auch Helfer aus Berlin und Brandenburg.

Maria Blöcher arbeitet als Ehrenamtliche

Maria Blöcher arbeitet als Ehrenamtliche

Foto: Jörg Krauthöfer

Online-Universitätskurse für Flüchtlinge: Am heutigen Freitag lädt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier etwa 4000 Ehrenämtler aus ganz Deutschland zum Bürgerfest in den Garten von Schloss Bellevue. Darunter auch Helfer aus Berlin und Brandenburg. Eine davon ist Maria Blöcher. Wie kann man dafür sorgen, dass junge studierfähige Geflüchtete in Übergangssituationen keine Zeit verschwenden? Mit dieser Frage hat sie sich beschäftigt. "Viele geflüchtete Studenten oder Schulabgänger, hatten gerade den Schulabschluss in der Tasche oder mussten ihr Studium unterbrechen", erklärt die 28-Jährige. "Während sie auf die Anerkennung ihrer Dokumente warten, sind sie zum Nichtstun verdammt."

Mit der Idee portable Hochschulbildung in eben diesen Übergangssituationen anzubieten, bewarb sie sich beim Mercator Kolleg für Internationale Aufgaben. Ein Stipendium ermöglichte ihr, 13 Monate zu ihrem Thema "University-in-a-box: Zugänge zu Hochschulbildung in Flüchtlingslagern" in Ruanda und Jordanien zu arbeiten. In Ruanda unterstützte sie eine Hilfsorganisation, die Online-Universitätskurse in einem Flüchtlingslager anbietet. Schon als Studentin und später als Hochschuldozentin bei Studieren Ohne Grenzen e.V. und beim Asylarbeitskreis Heidelberg e.V. engagierte sich Blöcher . Mit den neuen Medien könne man überall Universitätskurse anbieten. "Absolvierte Online-Kurse müssen von den Universitäten entsprechend anerkannt werden", erklärt sie die größte Hürde des Projektes.

Im Dienste der Wetterprognosen: Was für viele im Sommer ein Ärgernis war, hat Olaf Fröhlich seinen ersten Rekord gebracht: der Regen. Der 54-jährige Angestellte aus Wulfersdorf ist ehrenamtlicher Niederschlagsbeobachter. Am 30. Juni konnte er eine Menge von 60 Litern Regen pro Quadratmeter innerhalb 24 Stunden melden. Die größte Niederschlagsmenge seit 18 Jahren. Seit den 50er-Jahren steht eine Niederschlagsmessstation im Garten seines Elternhauses in Wulfersdorf, einem Ortsteil von Wittstock. "Meine Mutter hat 30 Jahre täglich die Niederschlagsmenge abgelesen." Er habe diese Aufgabe 1999 übernommen. Während der Sommerzeit um 7.50 Uhr, in der Winterzeit um 6.50 Uhr liest Fröhlich am Auffanggerät auf den Millimeter die Regenmenge ab, die gefallen ist und gibt die Daten an den Deutschen Wetterdienst in Offenbach weiter, der die Millimeterangaben auf Liter pro Quadratmeter umrechnet. Der liefert dann Wetterprognosen für die Landwirtschaft und den täg-­lichen Wetterbericht. Zum Gartenfest des Bundespräsidenten nimmt Fröhlich einen Schirm mit. Es soll regnen.

Kampf für die Gleichstellung Behinderter: Martin Marquard war 38 Jahre alt, als er wegen Rheumas seinen Lehrerberuf aufgeben musste. Seit 1985 ist der heute 72-Jährige auf den Rollstuhl angewiesen. Er kämpft für die Rechte von Menschen mit Behinderungen, engagierte sich ehrenamtlich in Berliner Behindertenorganisationen, war im Vorstand des Berliner Behindertenverbandes und gestaltete Behindertenpolitik mit. Mit diesem Wissen und seinen Erfahrungen als Rollstuhlfahrer wurde er 2000 Landesbehindertenbeauftragter. Hauptberuflich. "Im Mai 1999 ist das Landesgleichberechtigungsgesetz in Berlin in Kraft getreten und damit die rechtliche Grundlage der Behindertenpolitik in Berlin", so Marquard. 2010, mit 65, ging er in den Ruhestand und wurde ehrenamtlicher Sprecher für Barrierefreiheit und Gesundheitspolitik der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. (ISL).

Ein Café als Begegnungsort hilft der Integration: "Spannend, herausfordernd und bereichernd", so beschreiben Martina und Günther Kruse die nun knapp eineinhalb Jahre seit der Gründung des Begegnungscafés der Evangelischen Kirche Babelsberg im Februar 2016. Es ist ein Treffpunkt für Gemeindemitglieder, Potsdamer und vor allem Menschen aus Syrien, dem Iran, Afghanistan und afrikanischen Ländern in der Freizeitstätte in der Kirchengemeinde. "Unsere Motivation für das Begegnungscafé kam aus der Situation der vielen ankommenden Geflüchteten 2015", sagen sie. "Wir mussten und wollten etwas tun, was für längere Zeit trägt und andere zum Mit-machen anzieht." Eine Gruppe von 30 Ehrenamtlichen bietet sonntags Flüchtlingen und Einheimischen die Möglichkeit, sich bei Kaffee, Tee und Kuchen kennenzulernen. "Das erleichtert den Zugezogenen die Inte­gration"

Im Einsatz für die Senioren im Landkreis Spree-Neiße: "Es gibt keinen Tag in der Woche, an dem ich nicht unterwegs bin", sagt Marlies Lobeda. Die 67-jährige Rentnerin ist aus dem öffentlichen Leben der Gemeinde Drachhausen des Amtes Peitz im Landkreis Spree-Neiße kaum wegzudenken. Seit 2011 ist sie die Vorsitzende des Seniorenbeirates des Amtes Peitz und ihrer Heimatgemeinde. "Ich kümmere mich um die Belange der Senioren in der Gemeinde", sagt sie. Ungefähr 1300 der 5000 Einwohner haben bereits das Rentenalter erreicht, gut ein Viertel. "Wir haben einen starken Seniorenbeirat mit 16 Seniorenbeauftragten. Ohne deren Hilfe wäre diese Arbeit so nicht möglich", sagt sie. Weihnachtsfeiern, Kaffeenachmittage, Ausflüge und andere Aktivitäten werden organisiert. Als ehemalige Finanzökonomin eines Kaufhaus-konzerns bringt sie das Know-how für die ehrenamtliche Tätigkeit als Schatzmeisterin im Kreisseniorenbeirat des Landkreises Spree-Neiße mit. Zudem engagiert sie sich auch in der Seniorenbegegnungsstätte Oase 99, in der Volkssolidarität, der AWO und betreut Kinder aus Tschernobyl.

Urlaub und Erholung trotz Einschränkungen: "Mit dem Eintritt der Pflegebedürftigkeit scheint der Traum vom Reisen ausgeträumt zu sein", sagt André Scholz. Urlaub und Erholung würden in den häufigsten Fällen im Pflege­alltag keine Rolle mehr spielen. Der hauptberufliche Pflegeberater bei den Pflegestützpunkten Berlin wollte, dass seine Klienten nicht nur in ihren Reiseerinnerungen schwelgen. Sein Wunsch war und ist es, ihnen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und ihnen somit das Reisen, trotz Einschränkungen zu ermöglichen. Er gründete 2016 den Verein "Reisemaulwurf e.V. "Häufig wissen Pflegebedürftige und ihre Angehörigen überhaupt nichts von den Angeboten der Tourismusbranche", erklärt der 51-Jährige. "Wir ermutigen Menschen mit Hilfe- oder Pflegebedarf und deren Angehörige dazu, eine Auszeit und Urlaub zu planen." Gerade in Pflegesituationen sei es wichtig, den Wunsch nach Erholung und Reisen zuzulassen. Der Verein veranstaltet selbst keine Reisen. Durch seine Kenntnisse im Pflegebereich und im Tourismus, kann "Reisemaulwurf" jedoch auf die individuelle Situation zugeschnitten Hotels, Transportmittel, Ausflüge und ganze Reisen empfehlen. Neben der ehrenamtlichen Beratung sucht Scholz auch den Kontakt zur Tourismusbranche, um auf die Bedürfnisse von Hilfe- und Pflegebedürftige aufmerksam zu machen. "Viele kranke Menschen können sich einen Urlaub in ihrer Situation überhaupt nicht mehr vorstellen", sagt er. "Wir versuchen, ihnen eine Auszeit zu ermöglichen."

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