Schulserie

Berliner Lehrerin: „Wir wollen für alle da sein“

Lehrerin Karin Petzold arbeitet an einer Spandauer Schule mit vielen Schülern, die besonderen Förderbedarf haben. Eine Herausforderung.

Karin Petzold stellt hohe Ansprüche an sich und ihre Arbeit

Karin Petzold stellt hohe Ansprüche an sich und ihre Arbeit

Foto: Anikka Bauer

Karin Petzold arbeitet an der Spandauer Charlie-Rivel-Grundschule in Spandau. Das Umfeld ist schwierig. Mehr als 50 Prozent der Kinder sind auf staatliche Hilfen angewiesen. In ihrer Klasse lernen 27 Kinder, davon ein geistig behindertes Kind und etwa sechs auffällige Kinder, die wohl einen Förderstatus beantragen könnten. Während der eine regelmäßig im Unterricht geweckt werden muss, gibt es andere, die ständig in Bewegung sein müssen und immer wieder wechselnde Aufgaben benötigen, um am Ball zu bleiben.

Doch Karin Petzold ist Überzeugungstäterin: Die Lehrerin glaubt daran, dass Inklusion gelingen kann. Aber für den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern muss sich an den Berliner Schulen einiges ändern. Dabei geht es der 52-Jährigen nicht nur um mehr Personal. Sondern auch um andere Unterrichtsmethoden, neue Raumkonzepte und bessere Zusammenarbeit mit Jugendämtern.

In Berlin werden mehr als 70 Prozent der Kinder mit einem besonderen Förderbedarf bereits an Regelschulen unterrichtet. Der Anteil der Kinder an Förderschulen dagegen geht zurück. Und diese Entwicklung soll auch in diesem Schuljahr weiter vorangetrieben werden. Denn die Bundesländer haben sich verpflichtet, die UN-Konvention von 2007 umzusetzen, nach der jedes behinderte Kind auch das Recht auf eine Förderung an der Regelschule hat.

In Berlin soll Inklusion weiter gefasst werden und die optimale Förderung soll jedes Kind erhalten. Egal welche Muttersprache, welches Geschlecht oder welche besondere Begabung es hat. Doch können die Schulen tatsächlich allen Kindern gerecht werden?

Die Lehrerin Karin Petzold nimmt von Pankow aus einen langen Fahrweg auf sich, um jeden Morgen genau an der Spandauer Charlie-Rivel-Schule zu unterrichten. „Das Konzept kommt meinen Idealvorstellungen von Inklusion am nächsten, auch wenn wir an Grenzen stoßen“, sagt die Lehrerin. Zuvor hatte sie eher negative Erfahrungen an verschiedenen anderen Schulen gemacht, darunter auch eine Förderschule und eine ehemalige Gesamtschule. „An der Förderschule sind die geistig behinderten Kinder in kleinen Gruppen unter sich und die Lehrer und Betreuer müssen ständig aufpassen, dass sie sich nicht gegenseitig wehtun“, sagt sie. An einer Regelschule zusammen mit nicht behinderten Schülern würden diese Kinder schon in der Hofpause viel lernen. An der Gesamtschule hingegen sei ein Schüler nicht weiter unterrichtet worden, nur weil er nach einem Unfall im Rollstuhl saß.

In ihrer Klasse an der Charlie-Rivel-Schule lernen Kinder von der ersten bis zur dritten Jahrgangsstufe. Während die einen schon im Zahlenraum bis 1000 rechnen, knetet das geistig behinderte Kind die Zahlen bis zur Zehn und ordnet ihnen kleine Steinchen zu. „Häufig sind wir zu zweit im Unterricht, manchmal sogar zu dritt mit einem Schulhelfer oder einer Erzieherin“, sagt die Lehrerin. Die Kinder können aufstehen, sich ihr Arbeitsmaterial holen, sich mal in die Sofaecke zurückziehen oder sich in der Sitzecke auf dem Gang gegenseitig abfragen. Mit dem häufig an Schulen noch üblichen Frontalunterricht wäre das nicht möglich. Ab und zu kommt die Ergotherapeutin oder die Logopädin in den Unterricht und davon profitieren dann auch die anderen Kinder. Um sich im Team abzustimmen, machen die Lehrer und Erzieher Überstunden.

Doch das Konzept geht nicht immer auf. Wenn Kollegen ausfallen, weil sie krank sind, müssen die Co-Lehrer in anderen Klassen einspringen, um den Unterricht abzusichern. „Wenn ich allein in der Klasse bin, können nicht alle Kinder die Hilfe bekommen, die sie benötigen“, sagt Karin Petzold.

Um allen gerecht zu werden, müsste es dringend eine Vertretungsreserve an den Schulen geben, meint sie. Doch das ist im neuen Schuljahr nicht in Sicht. Vielmehr treibt viele Schulen die Sorge um, dass sich die Personalsituation verschlechtern könnte, wenn die nächsten Schritte im Inklusionskonzept des Senats wie geplant umgesetzt werden.

Sonderpädagogen werden von nun an pauschal verteilt

So werden Förderbedarfe in den Bereichen Lernen, Sprache oder emotionale und soziale Entwicklung ab diesem Schuljahr in den dritten Klassen nicht mehr diagnostiziert. Später dann schrittweise auch in den anderen Jahrgangsstufen nicht mehr. Bisher gab es zusätzliche Stundenkontingente für Kinder mit festgestellten Förderbedarfen in diesen Bereichen. Die soll es jetzt pauschal für jede Schule geben, je nach Anteil der Kinder aus sozial schwachen Familien. Durch die steigende Schülerzahl in diesen Förderbereichen erhalten die Schulen nach Angaben der Bildungsverwaltung 90 Stellen mehr für Sonderpädagogen. Zudem soll es ein zusätzliches Kontingent von 47 Pädagogen gibt, die einspringen, wenn eine Schule durch die neue Berechnung schlechtergestellt sein sollte als vorher.

Doch es gibt die berechtigten Zweifel, ob es angesichts des Fachkräftemangels überhaupt möglich ist, im laufenden Schuljahr ad hoc auf freie Sonderpädagogen zurückzugreifen. „Es gibt einen Fachkräftemangel, besonders bei den sonderpädagogischen Lehrkräften, sodass eher Regelschullehrkräfte eingesetzt werden“, sagt dazu Marion Kochs­kämper von der Arbeitsgruppe Inklusion in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Und zur Inklusion gehören neben der Schule auch viele andere Akteure. Auch die Jugendämter und Schulpsychologen müssten schneller helfen können.

Wenn etwa ein Kind drohe, aus dem Fenster zu springen, müsse es sofort Hilfe bekommen, sagt Kochskämper. Doch dafür fehle in den Jugendämtern oft das Personal. Ähnlich sei es in den schulpsychologischen und inklusionspädagogischen Unterstützungs- und Beratungszentren (SIBUZ): Werde ein Kind in den Beratungszentren der Bezirke auf einen Förderbedarf getestet, würde oft ein halbes Schuljahr vergehen, bis das Ergebnis da ist.

An der Spandauer Schule von Karin Petzold wird es zudem im neuen Schuljahr einen Einschnitt geben, der die Inklusion zusätzlich erschweren statt vereinfachen wird. Zu den bereits sechs bestehenden Schwerpunktschulen, die eine besondere personelle und bauliche Ausstattung haben, kommen fünf weitere hinzu. Und diese benötigen qualifiziertes Personal und können bessere Arbeitsbedingungen versprechen. Drei von vier Integrationserzieher wandern deshalb von der Spandauer Grundschule an eine dieser Schwerpunktschulen ab. „Diese Experten werden uns fehlen“, sagte Karin Petzold. Gelungene Inklusion bedeutet aus ihrer Sicht, dass alle Schulen Schwerpunktschulen werden: „Wir wollen an unserer Grundschule für alle Kinder im Kiez da sein – ohne Ausnahme.“

Berlin plant 36 Schwerpunktschulen

Da baulich und personell nicht an allen Schulen die optimale Förderung von behinderten Kindern gewährleistet werden kann, setzt Berlin auf sogenannte Schwerpunktschulen mit besonderen Ausstattungen. Insgesamt sind 36 Schwerpunktschulen geplant, sechs wurden im vergangenen Schuljahr etabliert und fünf weitere sollen in diesem Schuljahr hinzukommen. Diese gibt es bereits:

Grundschule am Barbarossaplatz (Schwerpunkt geistige Entwicklung und körperliche und motorische Entwicklung)

Grundschule am Rüdesheimer Platz (Schwerpunkt geistige Entwicklung, körperlich und motorische Entwicklung)

Paul-und-Charlotte-Kniese-Schu­le (Gemeinschaftsschule mit den Förderschwerpunkten körperlich und motorische Entwicklung sowie Sehen)

Charlotte-Salomon-Grundschule (Förderschwerpunkte geistige Entwicklung, körperlich und motorische Entwicklung, Hören und Kommunikation)

Schule am Königstor (Förderschwerpunkte geistige Entwicklung und Autismus)

Schule am Grüngürtel (Förderschwerpunkte geistige Entwicklung und körperlich und motorische Entwicklung). Diese starten in diesem Schuljahr:

Heinrich-Zille-Grundschule (Schwerpunkt geistige Entwicklung)

Paul-Moor-Schule (Schwerpunkt geistige Entwicklung)

Temple-Grandin-Schule (Förderschwerpunkt Autismus)

Paul-Löbe-Schule (Schwerpunkt Autismus)

Heide-Schule (Schwerpunkt Hören und Kommunikation).

Daneben gibt es auch weiter Förderzentren. An diesen Schulen werden nur Kinder und Jugendliche mit dem jeweiligen Schwerpunkt unterrichtet. Die Schüler mit Behinderung bleiben unter sich. Der Unterricht findet in kleinen Klassen mit sechs bis dreizehn Schülern statt. Die Förderzentren sind nicht nur personell, sondern auch räumlich und technisch speziell auf die Schüler mit den jeweiligen Behinderungen ausgerichtet.

Mehr zum Thema:

Alle Teile der Schulserie

Quereinsteiger als Lehrer: Uns fehlt pädagogische Bildung

So funktioniert der Quereinstieg an Berliner Schulen