Jugendliche in Berlin

„Jugendliche sind Experten in der Stadt und in ihrem Kiez“

Junge Menschen sollten mehr Gelegenheit haben, den öffentlichen Raum zu gestalten, meint der Berliner Stadtforscher Tristan Biere.

Der Berliner  Stadtforscher  Tristan Biere

Der Berliner Stadtforscher Tristan Biere

Foto: privat / BM

Die meisten Jugendlichen leben gern in Berlin, doch sie wünschen sich mehr eigenen Raum. Der Berliner Stadtforscher Tristan Biere hat sich in vielen Projekten mit der Frage beschäftigt, welche Bedürfnisse Jugendliche überhaupt im öffentlichen Raum haben und wie sie stärker in Stadtentwicklungsthemen einbezogen werden können.

Ist Berlin eine jugendfreundliche Stadt?

Tristan Biere: Berlin ist in dieser Hinsicht sehr heterogen. Es gibt hier viel Kultur und Subkultur und auch ein großes Angebot an Trendsportarten. Berlin ist zugleich Hauptstadt von Jugendtourismus und Jugendobdachlosigkeit. Als europäische Metropole bietet Berlin für Jugendliche einen spannenden und spannungsgeladenen Rahmen, um sich auszuprobieren und auszudrücken.

Gibt es in Berlin genug Raum für Jugendliche?

Berlin hat im Vergleich zu anderen Me­tropolen noch nicht so eine starke Verdichtung. In Paris leben mehr als fünfmal so viele Menschen auf der gleichen Fläche. Allerdings hat auch die Stadt Berlin mit ihrem Bevölkerungszuwachs eine starke Tendenz zur Nachverdichtung und dadurch bedingt mit einer zunehmenden Kommerzialisierung sowie Privatisierung von Räumen zu tun. Das heißt, dass sich auch die Nutzungsmöglichkeiten für Jugendliche einschränken.

Werden bei dieser Nachverdichtung und der Erschließung neuer Quartiere die Interessen von Jugendlichen berücksichtigt?

Ich sehe hier Defizite. Ich bezweifle, dass bei der Geschwindigkeit, mit der sich die Nachverdichtung vollzieht, die Möglichkeiten der Einbindung von Jugendlichen ausgeschöpft werden. Hier fehlt es oft an Offenheit und Kommunikation und den passenden Methoden.

Wie sieht Einbeziehung von Jugendlichen aus?

Urbane Bildung ist wichtig. Wenn man Jugendliche mit dem Thema Stadtentwicklung konfrontiert, dann können sie damit erst einmal wenig anfangen. Aber wenn man ihnen Grundbegriffe erklärt und ihnen zeigt, dass auch sie dabei eine wichtige Rolle spielen, weckt man schnell ihr Interesse und nimmt die Einstiegsbarrieren. Die urbane Bildung sollte schon in der Schule ansetzen. Viele Untersuchungen haben jedenfalls gezeigt: Je mehr Einbindung stattfindet, umso mehr Kreativität entwickeln Jugendliche, um Räume zu gestalten.

Gibt es positive Beispiele in Berlin, wo die Einbeziehung von Jugendlichen bei der Gestaltung von Räumen gut geklappt hat?

Nach dem Fall der Mauer gab es viele Projekte, in denen Jugendliche bei der Erschließung von Brachflächen beteiligt wurden. Der Mellowpark an der Wuhlheide, der als Europas größter BMX- und Skateboardpark geplant wurde, wäre ohne das Engagement von Jugendlichen sicher nicht entstanden. Auch bei der Entwicklung neuer Bildungsquartiere gibt es eine gute Zusammenarbeit zwischen Jugendlichen verschiedener Altersgruppen und verschiedener sozialer Herkunft sowie von Institutionen wie dem Quartiersmanagement. Der Campus Rütli in Nordneukölln hat hier wichtige Impulse gesetzt.

Wie sieht denn überhaupt der Raum aus, den Jugendliche sich wünschen?

Jugendliche stellen oft unspezifische Anforderungen an öffentliche Räume. Sie suchen einfach einen Ort, an dem sie Zeit verbringen und sich mit ihrer Clique treffen können. Oft spielen auch widersprüchliche Interessen eine Rolle. Auf der einen Seite wollen sie gesehen werden, auf der anderen Seite brauchen sie einen Rückzugsort. Außerdem experimentieren sie mit ihrer Freizeit und ihren Aktivitäten. Jugendliche sind ja auch nicht homogen, es ist zum Beispiel nicht jeder ein Skateboarder. Daher gibt es auch kein klassisches Modell, wie ein Jugendraum aussieht. Aber wenn Jugendliche an einem konkreten Projekt beteiligt sind, entwickeln sie schnell konkrete Vorstellungen.

Übernehmen Jugendliche auch Verantwortung für „ihre“ Räume?

Entgegen der Ansicht vieler Erwachsener übernehmen sie durchaus Verantwortung, was zum Beispiel Lärm oder Müll anbelangt, wenn es ein Raum ist, den sie mitgestaltet haben und der ihnen auch Freiheiten lässt. Mit Verbotsschildern wird man das nicht erreichen. Das zeigen zum Beispiel auch die öffentlichen Schwimmbäder. Es sind immer noch Orte, die für viele Jugendliche sehr wichtig sind. Aber in den Schwimmbädern gibt es auch eine immer stärkere soziale Kontrolle. Man muss erst mal durch die Security, bevor man ins Bad kommt. Das ist natürlich ein Widerspruch. Einerseits ist das Wasser ein Ort der Freiheit, andererseits gibt es eine Zunahme an gesellschaftlicher Kontrolle. Im Schwimmbad finden Jugendliche so immer weniger einen Rückzugsort für die eigene Clique.

Inwieweit kann Berlin von der Mitgestaltung durch Jugendliche profitieren?

Jugendliche sind Experten in der Stadt, in ihrem Kiez und sie experimentieren gern. Ihr Gestaltungswille ist groß, die Ideen sind da. Die Stadt könnte von den Ideen der Jugendlichen durchaus viele neue Impulse bekommen. Die Einbeziehung von Jugendlichen muss dafür aber einen höheren Stellenwert bekommen.

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