Integration

Arbeitssenatorin kritisiert Angebote für Flüchtlinge

Linke-Politikerin Elke Breitenbach fordert ein neues Konzept bei der Vermittlung von Geflüchteten in den Arbeits- und Ausbildungsmarkt.

Sozialsenatorin Elke Breitenbac

Sozialsenatorin Elke Breitenbac

Foto: Ricarda Spiegel

Arbeits- und Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) ist unzufrieden mit der bisherigen Vermittlung von Flüchtlingen in den Berliner Arbeits- und Ausbildungsmarkt. Sie fordert Reformen. "Wir brauchen eine neue Konzeption, um geflüchtete Menschen in Arbeit zu bringen. Es gibt in Berlin dafür sehr viele Ansätze. Aber vieles läuft noch auseinander statt zusammen", sagte die Senatorin der Berliner Morgenpost.

So würden zum Beispiel mehrere Institutionen die Kompetenzen der Flüchtlinge bezüglich ihrer Schulbildung, Ausbildung und bisherigen Arbeitserfahrungen ermitteln. "Unsere Senatsverwaltung bezahlt Träger, die das in den Unterkünften und den Deutschkursen übernehmen. Aber es gibt keine Mindeststandards und keine Verzahnung", kritisierte Breitenbach. Sie habe Geschäftsführer der Jobcenter gefragt, was sie mit den Unterlagen der Flüchtlinge zur Kompetenzfeststellung machen. "Ergebnis: Nichts, sie stellen sie selbst noch einmal fest."

Wichtig sei, dass die Geflüchteten eine realistische Vorstellung und eine sinnvolle Unterstützung bekommen, was sie auf der Basis ihrer Bildung und ihrer Erfahrungen in Deutschland beruflich erreichen könnten, sagte die Senatorin. "Wenn beispielsweise jemand sagt, er hat zehn Jahre als Maler gearbeitet, aber keinen ausgewiesenen Berufsabschluss, dann halte ich es für sinnvoll, dass er etwa auf einem Lehrbauhof seine Kompetenzen zeigt. Dort kann dann beurteilt werden, was er kann und was nicht. Das macht mehr Sinn als ihn in ein Praktikum in einem völlig anderen Berufsfeld zu schicken", erklärte sie. Zu viele Menschen gäben den Geflüchteten unterschiedliche Ratschläge.Zu viele Menschen gäben Geflüchteten unterschiedliche Ratschläge. "Das muss besser abgestimmt werden. Sonst sorgt es für Verunsicherung."

"Viel Gutes wurde begonnen, aber es läuft nicht zusammen"

Neben einem einheitlichen Standard und einer abgestimmten Vorgehensweise bei der Kompetenzfeststellung vermisst Breitenbach vor allem "wirksamere Strukturen" bei der Vermittlung von Flüchtlingen in den Arbeits- und Ausbildungsmarkt. Diese würden, etwa in den Arrivo-Projekten, Berufsorientierung und Praktika erhalten. Doch wie es danach weitergehen könne, sei oft unbestimmt.

"Viel Gutes wurde begonnen an unterschiedlichen Stellen. Die Regionaldirektion der Arbeitsagentur macht etwas, die Senatsarbeitsverwaltung, das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten. Auch die Bundesregierung hat gute Programme aufgelegt. Aber es läuft nicht zusammen. Diese Probleme müssen wir schnell lösen", sagte die Linke-Politikerin. Sie führe darüber bereits Gespräche mit der Regionaldirektion, den Gewerkschaften und Unternehmensvertretern.

"Kommunikation zwischen Jobcentern und Unternehmen funktioniert nicht"

Es gebe offenbar erhebliche Probleme in der Praxis. "Es kann nicht sein, dass mir Firmenchefs sagen, ich würde ja gern einen Flüchtling einstellen, aber ich finde keinen. Die Kommunikation zwischen Jobcentern und Unternehmen funktioniert offenbar noch nicht", so die Senatorin. Das von der Regionaldirektion der Arbeitsagentur gebildete "Team Asyl" leiste zwar gute Arbeit, sei aber offenbar längst nicht in allen Firmen bekannt. Die Kooperation müsste enger werden. "Das ist sonst auch verlorene Zeit und verbranntes Geld", kritisierte Breitenbach.

Sie führe jetzt Branchengespräche, weil sich Chancen und Probleme jeweils unterschiedlich darstellten. "Ich möchte von den Unternehmen ganz konkret wissen, wo etwas fehlt oder nicht funktioniert und welche Unterstützung sie brauchen, um einen Geflüchteten auszubilden", erklärte sie. Wenn ein Geflüchteter mehrere Sprachen spricht, sei das etwa im Hotel- und Gaststättenbereich eine hervorragende Kompetenz, selbst wenn er diese Sprachen nicht perfekt beherrsche.

"Viele Bauunternehmen suchen Bauingenieure. Weil auch hier die Digitalisierung voranschreitet, ist oft wichtiger, dass der Bewerber gut Englisch spricht, als Deutsch zu beherrschen", nennt Breitenbach ein weiteres Beispiel. Wer aber etwa in Syrien studiert habe, spreche meist Englisch.

Sprachproblem ist die entscheidende Hürde

Generell sei das Sprachproblem aber die entscheidende Hürde, sagte Breitenbach. "Wir brauchen berufsbezogene Aufbau-Deutschkurse, die eine Ausbildung begleiten. Viele Azubis scheitern nicht in ihrer Firma, da klappt es oft mit der Verständigung, sondern sie scheitern in der Berufsschule", erläuterte sie.

Die Notwendigkeit solcher berufsspezifischer Sprachkurse betont auch Constantin Terton, Bereichsleiter Fachkräfte und Innovation bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin. Es müssten mehr solcher Kurse angeboten werden. Es dauere länger als viele ursprünglich erwartet hatten, bis Flüchtlinge so gut Deutsch sprechen, dass sie eine Ausbildung abschließen oder eine qualifizierte Arbeit übernehmen könnten. Rund 200 Geflüchtete würden derzeit in Berlin eine Ausbildung oder Einstiegsqualifizierung absolvieren, so Terton. Bei den Einstiegsqualifizierungen machten sie inzwischen ein Drittel der registrierten Teilnehmer aus.

Potenzial in vielen Branchen auch für geringer Qualifizierte

Terton betonte, die Flüchtlinge repräsentierten einen Querschnitt der Bevölkerung, es kämen auch Analphabeten. Dennoch sähen viele Branchen ein hohes Potenzial, auch für geringer Qualifizierte. Aber auch dann seien ausreichende Sprachkenntnisse die entscheidende Voraussetzung. Das "Team Asyl" des Arbeitgeberservice der Regionaldirektion Berlin sei sehr kompetent und biete guten Service für Arbeitgeber. Allerdings könnte die Regionaldirektion noch intensiver für die Arbeit des Teams werben, räumte Terton ein, gerade bei den Unternehmen.

Die Kritik der Arbeitssenatorin an Doppelarbeit bei der Kompetenzfeststellung teilt Terton nicht. Grundsätzliche Probleme damit seien ihm nicht bekannt. Generell hält es der IHK-Experte für unabdingbar, die Flüchtlinge innerhalb der Regelsysteme der Arbeitsvermittlung fit für den Ausbildungsmarkt zu machen. Diese Regelsysteme seien ausreichend und würden auch greifen. Eine gezielte oder bevorzugte Vermittlung von Flüchtlingen könne es nicht geben, das wäre auch gesellschaftlich nicht vermittelbar.

"Das Angebot ist freiwillig"

Die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit erklärte, sie biete eine Kompetenzfeststellung an, sofern diese nicht bereits anderweitig erfolgt ist. "Das Angebot ist für die Menschen freiwillig und bezieht sich auf eine Auswahl von Berufen", sagte Frank Hufnagel, Sprecher der Regionaldirektion, der Berliner Morgenpost. Der deutsche Arbeitsmarkt stütze sich stark auf formale Bildungs- und Berufszertifikate, so Hufnagel. Sofern im Herkunftsland vergleichbare Ausbildungen absolviert worden seien, könnten diese im Rahmen eines Anerkennungsverfahrens bescheinigt werden.

Auch der Sprecher der Regionaldirektion betonte, das im Januar 2016 gegründete Team "Arbeitgeber Service Asyl" der Agentur für Arbeit Süd arbeite berlinweit eng mit der Wirtschaft zusammen und habe mit den Unternehmen Integrationsprojekte erfolgreich realisiert und Geflüchtete in Arbeit gebracht. Das Team führt nach eigenen Angaben unter anderem Projekte mit Großkunden durch, macht Akquise von Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Flüchtlinge, berät Arbeitgeber und Bewerber und organisiert Messen und Jobbörsen

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