Wedding

Campingurlaub mitten in der Großstadt

Nahe dem Bahnhof Gesundbrunnen bietet die „Wohnmobil-Oase“ auf 14.000 Quadratmetern 100 Stellplätze für Touristen.

Justine Gréhal (36) und Anthony Rousset (28) vor ihem Wohnmobil

Justine Gréhal (36) und Anthony Rousset (28) vor ihem Wohnmobil

Foto: Jörg Krauthöfer

Justine Gréhal (36) sitzt in einem Campingstuhl vor ihrem Wohnmobil und trinkt eine Tasse Kaffee. Ihr Lebensgefährte Anthony Rousset (28) schläft noch. Die Rezeptionistin und der Koch haben vor einigen Wochen ihre Jobs im Schweizer Skigebiet Leysin aufgegeben, sich für 8000 Euro ein Wohnmobil des Typs "Hobby 600" gekauft und beschlossen, die nächsten drei Monate auf Reisen zu gehen. Mit seinem Wohnmobil tingelt das Pärchen, das ursprünglich aus der Kleinstadt Angers im Westen Frankreichs stammt, jetzt durch Europa. Nach einem Aufenthalt in Kroatien sind sie nun für zwei Wochen in Berlin.

Camping liegt im Trend, auch in der Großstadt

Es ist ein Campingurlaub der etwas anderen Art: Der Stellplatz "Wohnmobil-Oase", auf dem das Pärchen urlaubt, liegt an der Hochstraße, mitten in Wedding, zwei Gehminuten von der Badstraße entfernt, mit ihrem Chaos aus türkischen Supermärkten und Spielcasinos, unweit von der Häuserwand, auf der überlebensgroß die Gesichter der Boateng-Brüder prangen, darüber ein Satz, der nicht nur auf die Fußballstars, sondern auf das ganze Viertel passt: "Gewachsen auf Beton". Campingurlaub in der Asphaltwüste – wie geht das zusammen? "Wir lieben Berlin und sind froh, dass wir hier mit dem Wohnwagen so zentral unterkommen können", sagt Gréhal. Stadturlaub im Wohnwagen: Was zunächst merkwürdig klingt, ist sehr angesagt. Das Reisen im Camping-Fahrzeug hat in den vergangenen Jahren sein angestaubtes Image verloren. Das zeigen auch Zahlen des Caravaning Industrie Verbands (CIVD). In den ersten sieben Monaten dieses Jahres seien mehr als 48.000 Freizeitfahrzeuge neu zugelassen worden – ein neuer Rekord, so der Verband. Und auch die Verkaufszahlen seien im Vergleich zum Vorjahr um fast 14 Prozent gestiegen.

Lange vorbei ist die Zeit, als Camper vor allem spießige Urlauber waren, die ihre Freizeit im Klappstuhl vor dem Wohnwagen verbrachten und darüber wachten, wer sich zu weit in ihren "Vorgarten" wagte. Die modernen Wohnmobil-Touristen schätzen die Freiheit und Flexibilität, die diese Art des Reisens bietet.

Der Weg zur Wohnmobil-Oase war mühsam

Seit Oktober vergangenen Jahres kann man nun auch in Berlin-Mitte so seinen Urlaub verbringen. Die "Wohnmobil-Oase" bietet auf 14.000 Quadratmetern Platz für 100 Wohnmobile. Die Idee zu einem solchen Stellplatz kam Kathleen Schmidt vor zehn Jahren. Damals verbrachte die Unternehmerin, die ihr Leben lang schon begeisterte Camperin ist, mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen einen schönen Urlaub auf einem Campingplatz in der Nähe Venedigs. Das Besondere: Die Angestellten dort litten unter körperlichen, geistigen oder psychischen Behinderungen. Der Platz war ein Stück geglückte Inklusion. Schmidt, deren jüngerer Sohn eine Lernbehinderung hat und unter Skoliose leidet, war beeindruckt. Sie und ihr Mann beschlossen, in Berlin etwas ähnliches auf die Beine zu stellen.

Doch der Weg dorthin war mühsam, erzählt Kathleen Schmidt. Viele Berliner Bezirksämter hätten die Idee wenig begeistert aufgenommen, konkrete Pläne scheiterten mehrmals. "Wir sind bei vielen Bezirksämtern damit abgeblitzt, manche sagten, sie wollen keine ,Zigeunerkultur' in der Stadt", sagt sie. Vor zwei Jahren verunglückte ihr Mann tödlich – und wieder sah es so aus, als würde der Traum von der Wohnmobiloase platzen. "Mein Sohn Felix hat mir dann ins Gewissen geredet und mich daran erinnert, wie schwer es für Behinderte ist, Arbeit zu finden", sagt sie. "Und wieviel Arbeit mein Mann in die Planung des Projekts schon gesteckt hatte." Jetzt leitet der ältere Sohn Felix (26) den Stellplatz, auf dem neben der Familie Schmidt ausschließlich Menschen mit Behinderung arbeiten. Derzeit sind es vier Mitarbeiter, die Gäste empfangen, sich um die Stromversorgung, Handwerkliches oder Gartenarbeiten kümmern. Auch ein Biergarten soll noch auf dem Gelände, zu dem im hinteren Teil auch ehemalige Stallungen und eine Remise gehören, eröffnen.

"Sehr ruhig, viel Platz für den Wohnwagen und zentral"

Die Bilanz nach knapp einem Jahr fällt positiv aus, sagt Felix Schmidt. Gäste kämen aus Italien, Schweden, Australien, China, sogar aus Nordkorea habe man schon einen Parteibund zu Besuch gehabt, der mit dem Camper durch Europa reiste. Je nach Größe des Fahrzeugs kostet eine Nacht zwischen 23 und 32 Euro, Strom und Abwasser inklusive.

Auch Sven Kessner (50), der seit 15 Jahren in der Dominikanischen Republik lebt, macht mit seiner Familie gerade Urlaub auf dem Campingplatz in Wedding. "Es ist erstaunlich ruhig, sehr zentral und anders als auf vielen Stellplätzen Italiens stehen die Wagen hier nicht dicht an dicht", sagt der Bier-Importeur. Er und Frau Viola Francouis (37) fahren jeden Sommer mehrere Monate mit dem Wohnwagen durch Europa. Was er daran schätzt? "Im Alltag ist alles durchgetaktet und lange im Voraus geplant. Wenn wir mit dem Wohnwagen unterwegs sind, müssen wir nichts buchen", sagt er. "Wir entscheiden spontan, wo es hingeht und wie lange wir bleiben. Wann ist man schon jemals so flexibel?" Kessner und seine Familie werden an diesem Sonntag noch eine Bootstour machen, dann ist der Urlaub vorbei. "Aber im nächsten Jahr machen wir auf jeden Fall wieder hier Halt."

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