Insolvente Airline

Kurzfristig Air Berlin buchen kann sich jetzt lohnen

Kann man jetzt noch bei der insolventen Airline buchen? Welches Risiko gehen Passagiere ein? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

In den nächsten Wochen sind die roten Jets sicher noch in der Luft

In den nächsten Wochen sind die roten Jets sicher noch in der Luft

Foto: Adam Berry / Getty Images

Als erste deutsche Fluggesellschaft ist die Air Berlin in ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung eingetreten. Der Betrieb soll weiterlaufen, damit die Geldgeber über die Zukunft des Unternehmens oder einzelner Teile davon entscheiden können. Die Morgenpost beantwortet die wichtigsten Fragen.


Kann man noch bei Air Berlin buchen?

Ja. Wer zeitnah fliegen will, kann sogar Schnäppchen machen. Air Berlin ist mit Kampfpreisen am Markt. Die kurzfristigen Buchungszahlen sind nur wenig zurückgegangen, die Rede ist von sechs Prozent. Für Langfristbuchungen sieht es anders aus. Buchungen bei der nicht insolventen Urlaubsflieger-Tochter Niki sind hingegen aus heutiger Sicht sicher.


Welches Risiko gehen Passagiere ein?

Je weiter ein gebuchter Flug in der Zukunft liegt, umso unsicherer ist die Perspektive. Eine Kompensation für wegen Insolvenz abgesagte Flüge gibt es für direkte Air-Berlin-Kunden nicht, anders als für Reisende, die über einen Veranstalter gebucht haben. Entschädigungen für ausgefallene oder verspätete Flüge zahlt Air Berlin nicht mehr. Betroffene Passagiere müssten ihre Ansprüche als Insolvenzforderung anmelden.

Was wird aus den Bonusmeilen?

Noch immer ist unklar, was mit den Meilen der Air-Berlin-Kunden passiert. Etihad, die das Vielfliegerprogramm Topbonus zu 70 Prozent gehört, konnte am Donnerstag keine Angaben machen. Die von Air Berlin geäußerte Vermutung, Etihad wolle das Programm nicht fortführen, will das Unternehmen weder dementieren noch bestätigen. Wie berichtet, ist das Sammeln und Einlösen von Meilen derzeit nicht möglich.

Gemäß Vereinbarung muss Air Berlin der Topbonus die Meilen bezahlen, sobald sie eingelöst werden. Das könnte erklären, warum das Einlösen nicht möglich ist – Air Berlin ist pleite. Tatsächlich droht Topbonus die Insolvenz, da Etihad die Finanzierung beendet habe, sagte der für Air Berlin zuständige Insolvenzexperte Frank Kekbekus der „Wirtschaftswoche“.

Laut Alexander Koenig von der Vielfliegerberatung First Class & More könnte eine Option sein, dass Etihad die Meilen in ihr eigenes Programm Etihad Guest überführt. So könne Etihad nach außen guten Willen zeigen und das mit überschaubarem Verlust, da die Meilen von Etihad weniger wert seien. „Etihad hätte das Gesicht gewahrt, denn dem Kunden wurde ein Transfer in das Programm einer Fünf-Sterne-Airline angeboten“, so Koenig, der vermutet, dass viele Kunden ihre Meilen verfallen lassen würden, da sie sich mit Etihad Guest nicht auskennen.

Eine andere Möglichkeit wäre eine Schließung des Topbonus-Programms. „Allerdings würde Etihad damit für Jahre sämtlichen Kredit bei den betroffenen Vielfliegern verspielen, so dass ich diesen Schritt für weniger wahrscheinlich halte“, sagt Koenig. Laut allgemeinen Geschäftsbedingungen müssen Meilen noch 18 Monat gültig sein, wenn das Programm nicht mehr fortgeführt wird. Unklar ist aber, was im Fall einer Insolvenz passiert.

Wie funktioniert ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung?

Anders als früher geht es heute nicht mehr nur darum, das Vermögen eines insolventen Unternehmens meistbietend zu verwerten. Im Falle von Air Berlin wäre das auch für die Gläubiger schlecht, weil eine in Betrieb befindliche Airline mit ihren Landerechten mehr wert ist als eine mit eingestelltem Betrieb. Das Insolvenzgericht bestellt einen Sachwalter, der die Interessen der Gläubiger wahren soll, und einen Generalbevollmächtigten, der dem Management an die Seite gestellt wird.

Wer hat jetzt die Führung?

Als Sachwalter agiert der Insolvenzexperte Lucas Flöther. Generalbevollmächtigter ist der als Sanierer erfahrene Düsseldorfer Jurist Frank Kebekus. Das letzte Wort hat der Gläubigerausschuss. Dort sitzen Vertreter der Banken, der Leasinggesellschaften, der Eurowings als Leasingnehmer von 38 Air-Berlin-Jets sowie Vertreter der Arbeitsagentur, die das Insolvenzgeld für die Beschäftigten bezahlt, und der Kreditanstalt für Wiederaufbau, die mit dem Überbrückungskredit der Bundesregierung über 150 Millionen Euro den Betrieb wohl bis Oktober sichert.

Wie ist das weitere Prozedere?

Die Sanierer und das Management der Air Berlin müssen jetzt die vorliegenden Angebote für die Airline prüfen. Vor September sei aber nicht mit größeren Verkäufen zu rechnen, sagte Kebekus der „Wirtschaftswoche“. Die Lufthansa bietet für Niki und weitere Unternehmensteile. Die Nachrichtenagentur Reuters zitiert Insider, wonach die Lufthansa einen dreistelligen Millionenbetrag für 90 der noch 140 Air-Berlin-Jets geboten habe. Auch die Airline des Reisekonzerns Thomas Cook, Condor, wolle eine zweistellige Zahl von Flugzeugen übernehmen. Das Gleiche wird dem britischen Billigflieger Easyjet nachgesagt, der in Düsseldorf zum Zuge kommen und 40 Flugzeuge übernehmen könnte.

Kann Air Berlin komplett erhalten werden?

Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD) sieht die Aussichten dafür kritisch. Tatsächlich prüft aber der Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl eine Komplettübernahme. Man sei für den kommenden Mittwoch zu Sondierungsgesprächen eingeladen, teilte Wöhrls Intro-Verwaltungsgesellschaft mit. Bisher hatte Wöhrl sein Interesse in einem zweiseitigen Schreiben an die Insolvenzverwalter bekundet. Auch der irische Billigflieger Ryanair hat angekündigt, eine Übernahme anstreben zu wollen. Kebekus räumte ein, der Zeitdruck gebe der Lufthansa Startvorteile, weil sie bereits vor dem Insolvenzantrag am Tisch gesessen und damit einen Informationsvorsprung habe. „Das hat auch nichts mit einem abgekarteten Spiel zu tun.“ Der Verkaufsprozess sei offen, jeder seriöse Interessent habe Zugang zu den Daten und könne ein Angebot abgeben.

Was sagen die Arbeitnehmer?

Je ein Arbeitnehmervertreter sitzt in den beiden Gläubigerausschüssen für die Technik- und die Flugbetriebsgesellschaft. Berichten dürfen sie daraus aber nicht. Verdi fordert, die Präsenz von Mitarbeitern zu erhöhen, um die Interessen der 8000 Mitarbeiter besser wahren zu können. Als positiv wertete die Gewerkschaft die Aussage, nun doch über eine Komplettübernahme der Airline zu verhandeln. Das würde eine Zerschlagung vermeiden und Jobs in der Berliner Zentrale sichern. Würde Air Berlin zerlegt, fielen hier viele Jobs weg. Die Lufthansa-Tochter Eurowings hat unterdessen Jobs für 200 Piloten und 400 Flugbegleiter ausgeschrieben.

Was passiert mit den Aktionären?

Die Eigentümer dürften leer ausgehen. Experten befürchten den Totalverlust. Das gilt auch für den Hauptaktionär Etihad aus Abu Dhabi.

Was sagt die Berliner Politik?

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) wird sich kommende Woche mit Arbeitnehmern treffen. Im Inforadio bezeichnete er die Lufthansa als „starken und verlässlichen Partner“. Es gehe um gute Arbeitsplätze zu guten Bedingungen. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) sagte, alle Bieter müssten gehört und ihre Angebote geprüft werden. Das fordert auch die CDU. Wirtschaftsexperte Christian Gräff hatte wegen der scheinbaren Bevorzugung der Lufthansa eine Strafanzeige angedroht. Nach Aussagen der Insolvenzverwalter will er davon zunächst Abstand nehmen.

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