Klaus Lederer

"Wir arbeiten mit Feuereifer für das Humboldt Forum"

Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) über die Widersprüche beim Schlossbau - und in der rot-rot-grünen Koalition.

Kultursenator Klaus Lederer (Linke) glaubt nicht an eine rot-rot-grüne Koalition im Bund nach der Bundestagswahl im September

Foto: Sergej Glanze / Glanze/Berliner Morgenpost

Klaus Lederer (Linke) ist seit Dezember 2016 Berlins Kultursenator. Er geht Konflikten nicht aus dem Weg, etwa wenn es um die Zukunft der Volksbühne oder den Anspruch geht, der sich mit dem Humboldt Forum im wiedererrichteten Schloss verbindet. Die Regierungskoalition sieht er indes optimistisch.

Herr Lederer, wenn die Linke in der Bundesregierung wäre, was würde sie mit dem Schloss und dem Humboldt Forum machen?

Klaus Lederer: Das Humboldt Forum soll ein Symbol für ein vielfältiges, liberales, weltoffenes Deutschland sein. Das Schloss hat jedoch eine ambivalente Geschichte. Es war nicht nur Schatzkammer, sondern auch Symbol für Herrschaftsanspruch und koloniales Machtstreben. Diesen Widerspruch muss man sehen, fühlen und begreifen können im Humboldt Forum; auf diese Widersprüche müssen die Besucher geradezu mit der Nase gestoßen werden. Sonst bleibt die Idee des Humboldt Forums, hinter einer Fake-Fassade aus dem 19. Jahrhundert die Probleme dieses Jahrtausends verhandeln zu wollen, reine Schutzbehauptung von Schlossbau-Nostalgikern. Für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hieße das zum Beispiel konkret, dass sie nicht nur Provenienzforschung betreiben muss, sondern auch die Präsentation der Sammlung selbst, die ja aus einem Anspruch der deutschen kolonialen Überlegenheit entstanden ist, kritisch aufzuarbeiten ist. Wären wir in der Bundesregierung, würden wir Hermann Parzinger, den Präsidenten der Stiftung, massiv dabei unterstützen, den kolonialen Kontext sichtbar zu machen.

Sie haben gesagt, Sie wünschen sich einen "diskursiven Neuanfang" beim Humboldt Forum. Bezieht der sich also auf die ethnologischen Sammlungen?

Den diskursiven Neuanfang wünsche ich mir in erster Linie für den historischen Kontext der Kolonialzeit, wo die Lücke zwischen Anspruch und Form am größten ist. Natürlich ist beim Humboldt Forum Berlin auch gefragt. Wir haben 4000 Quadratmeter Fläche in der ersten Etage, die wir gestalten.

"Die Verflechtungen zwischen Berlin und einer sich globalisierenden Welt" sollen dort gezeigt werden, heißt es. Können Sie das anschaulicher formulieren?

Berlin ist eine Metropole von vielen auf der Welt. In jeder Metropole spiegeln sich globale Kontexte und kulturelle Denkweisen auf besondere Weise wider. Was wir hier in Berlin machen, was der Chefkurator Paul Spies und sein Team machen, machen wir also immer auch Pars pro Toto für den Globus.

Die Vorfreude auf das Humboldt Forum ist begrenzt. Was wurde verabsäumt?

Das zentrale Problem ist schon im Ursprung angelegt: Erst ein Schloss in die Mitte der Stadt stellen und sich dann erst überlegen, was man eigentlich mit dem Schloss macht. Das Erbe eines Alexander von Humboldt, der sehr global gedacht hat, kontrastiert mit dieser Form. Diesen Urfehler bekommt man nicht weg. Niemand wird es jetzt mehr abreißen. Wir werden als Team, gemeinsam mit allen anderen Partnern, nun alles tun, damit es ein Erfolg wird.

Das heißt?

Einen offenen Diskurs führen. Die Debatte über das Kreuz zum Beispiel, über die sich viele lustig gemacht haben, ist zentral. Über die Frage, warum die Kuppel mit dem Kreuz, die ja nicht auf dem ursprünglichen Schloss stand, sondern die in der Folge von 1848 auf das Schloss gesetzt wurde, kann nicht einfach so hinweggegangen werden. Es war eine explizite Absage an Demokratie und Verfassungsstaatlichkeit, ein ausdrückliches Symbol dafür, dass die einzige Legitimation königlicher Macht vom Himmel kommt. Wir können uns natürlich einreden, dass wir zu den Guten gehören, aber diese historische Hypothek anzunehmen, erfordert mehr als diese Selbstgewissheit – wir müssen es in unserem Tun beweisen.

Der Weg, wie Entscheidungen im Humboldt Forum zustande kommen, ist für Außenstehende oft nicht nachvollziehbar.

Das verstehe ich. Das liegt daran, dass wir sehr unterschiedliche Beteiligte haben: Wir haben die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Humboldt-Universität, das Land Berlin dabei, wir haben die Gründungsintendanz und die Schloss-Stiftung, die wiederum eine eigene Organisation ist. Die zentrale Frage ist: Gelingt es, sich auf eine gemeinsame Organisationsstruktur zu einigen, in der klar ist, welcher der Beteiligten eigentlich wofür verantwortlich ist. Wir sind nur einer von vielen Akteuren, und wir können anregen und Vorschläge machen. Und das tun wir.

Wer muss diesen Kommunikationsprozess in Gang setzen?

Das ist Aufgabe der Intendanz, meine ich.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat in einem Interview die Möglichkeit aufgeworfen, dass "der eine oder andere" aus dem Projekt Humboldt Forum ausscheidet. Könnte es sein, dass Berlin sich zurückzieht?

Einen Rückzug des Landes Berlin kann ich absolut ausschließen. Wir arbeiten mit Feuereifer und viel Energie für den Erfolg des Projektes.

Ist es gesetzt, dass die Kudamm-Bühnen vorübergehend in das Schiller-Theater ziehen?

Das Schiller-Theater ist eine naheliegende Option für die Kudamm-Bühnen, aber auch nur eine Option. Wir werden ab 2020/21 die Komische Oper zu sanieren haben, und auch hier brauchen wir eine Lösung, wie während der Sanierung der Spielbetrieb weitergehen kann. Hier fällt mir keine andere Lösung als das Schiller-Theater als Spielstätte ein.

Wie sollen die Kudamm-Bühnen, die ohnehin schon eine schlechte Auslastung haben, ausgerechnet das viel größere Schiller-Theater füllen?

Für die Nutzung der Staatsoper wurde am Schiller-Theater gebaut. Falls die Kudamm-Bühnen einziehen, wird das erneut passieren. Ob der Raum in seiner ganzen Breite genutzt wird, gehört mit zur Prüfung. Ich halte ihn nicht für überdimensioniert, außerdem kann man Theaterräume auch flexibel gestalten.

Die Volksbühne wird am 10. September die Saison eröffnen, auf dem Tempelhofer Feld. Werden Sie dabei sein?

Wenn es zeitlich geht, auf jeden Fall.

Gibt es etwas, das Sie Chris Dercon für seine Amtszeit wünschen?

Dass es ihm gelingt, einen Repertoire- und Ensemblebetrieb an der Volksbühne zu gestalten. Und ein ansprechendes Programm, damit das Theater die Ausstrahlung behält, die es in der Vergangenheit erworben hat.

Wie beurteilen Sie den öffentlichen Umgang mit Dercon?

Künstler stehen jederzeit in der öffentlichen Debatte und Kritik, das gehört dazu. Worauf ich Wert lege, ist, dass die Auseinandersetzungen sachlich und nicht unter der Gürtellinie geführt werden. Andererseits muss Herr Dercon das, was vertraglich vereinbart wurde, nämlich die Volksbühne als Repertoire- und Ensembletheater zu entwickeln, liefern. Der beste Weg, Kritik zu begegnen, ist zu beweisen, dass man seine Aufgabe bewältigt. Diese Chance hat Chris Dercon verdient.

Und wenn er das nicht leistet?

Die Spekulation ist unangebracht. Ensemble- und Repertoiretheater sind für mich klar definiert. Es gibt ein wiederkehrendes Repertoire an Stücken, die am Theater produziert werden mit einem festen Stamm von Schauspielerinnen und Schauspielern, durchaus auch Tänzerinnen und Tänzern. Darüber muss man nicht diskutieren. Ich bezweifele, dass eine Interpretation "Ensemble ist immer das, was auf der Bühne steht" mit dem Begriff Ensembletheater vereinbar ist. Das habe ich Chris Dercon auch gesagt.

Nächstes Thema: Einheits- und Freiheitsdenkmal. Wird es nun gebaut?

Die Entscheidung liegt beim Bund. Der Bundestag hat beschlossen, dass es gebaut wird, und es liegt eine Baugenehmigung vor. Solche Beschlüsse waren in der Vergangenheit allerdings nicht immer stabil. Am 24. September ist Bundestagswahl, dann werden wir sehen, ob dieser Beschluss Bestand hat. Ich warte jetzt in Ruhe ab.

Sind Sie mit der Entwicklung des Kulturforums zufrieden?

Diese Debatte ist wichtig. Ist es sinnvoll, das Museum der Moderne dort zu bauen und ansonsten das städtische Areal mit allen Problemen so zu belassen? Die Potsdamer Straße zerteilt das Kulturforum. Wir werden doch Lösungen finden, um diesem Ort zu mehr Leben und Aufenthaltsqualität zu verhelfen.

Senatsbaudirektorin Lüscher möchte die Verkehrsachse nicht in Frage stellen.

Erst einmal ist sie Realität. Die Außenraumgestaltung wird dort jedoch in den nächsten Jahren immer wieder Thema sein. Ich habe mit Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher gesprochen. Wir wollen einen Prozess anschieben, gemeinsam mit allen Anrainern am Kulturforum perspektivisch die kulturelle Belebung des Ortes voranzubringen. Beides muss zusammengedacht werden.

Aus finanziellen Gründen soll offenbar die Fassade des künftigen Museums der Moderne ohne Glasziegel gestaltet werden. Könnten Sie das akzeptieren oder lehnen Sie das ab?

Wenn der Entwurf mit den Glasbausteinen den Wettbewerb gewonnen hat, sollte er nach Möglichkeit auch genau so verwirklicht werden.

Sie hatten angekündigt, die Spitzengehälter im Kulturbereich veröffentlichen zu wollen. Wie weit ist das gediehen?

Wir arbeiten daran. Das ist rechtlich nicht einfach. Ich gehe davon aus, dass wir eine gesetzliche Grundlage brauchen, um es rechtssicher zu gestalten. In vielen bestehenden Verträgen ist Vertraulichkeit über das Gehalt vereinbart. Das kann man nicht ohne Weiteres von heute auf morgen ändern.

Was bringt es mir, wenn ich weiß, was ein Opernintendant verdient?

Transparenz. Es geht um Steuergeld, das dafür ausgegeben wird. Und bei den Chefs der großen Landesbetriebe wird es ja auch längst praktiziert. Ich weiß, Kritiker sagen, das Offenlegen von Gehältern führt zu einer Neiddebatte und man bekommt gute Leute dann nicht mehr nach Berlin. Ich meine, auch für Leitungsfunktionen im Kulturbereich sollte gelten, was für Senatoren oder alle Beschäftigten im öffentlichen Dienst gilt. Die Öffentlichkeit hat einen Anspruch darauf, zu erfahren, was mit dem Geld geschieht. Außerdem besteht dann Klarheit bei Vertragsverhandlungen.

Verlassen wir mal die Kultur und kommen zum Tegel-Volksentscheid. Wenn sich tatsächlich eine deutliche Mehrheit der Berliner am 24. September dafür aussprechen sollte, dass Tegel offen bleiben soll: Wie will die Linke damit umgehen?

Wir werden noch einmal sehr transparent, nachvollziehbar und ehrlich alle Optionen prüfen müssen, ob Tegel offen zu halten ist. Wir werden auch mit dem Bund und Brandenburg reden, ob es diese Optionen gibt. Nach allem, was ich heute weiß, gibt es diese Optionen rechtssicher und wirtschaftlich darstellbar nicht. Aber man muss ein solches Votum, sollte es so kommen, natürlich ernst nehmen. Es zwingt uns zu einer weiteren gründlichen Prüfung.

Die FDP hat schon damit gedroht, eine Neuwahl-Initiative zu starten. Hat Sie das geärgert oder waren Sie erschrocken?

Weder noch, ich habe nur darauf gewartet. Auf eins kann man sich bei der FDP mit Sicherheit verlassen: Wenn sie glaubt, dass sie auf der Siegerstraße ist, fängt sie an, größenwahnsinnig zu werden. Um Tegel geht es der FDP aber nicht. Hätte sie ernsthaft Interesse daran gehabt, dass die Frage um Tegel noch einmal neu gestellt wird, hätte sie einen Gesetzentwurf für den Volksentscheid eingebracht und nicht eine unverbindliche Willensbekundung.

Wie ist denn das Klima in der Koalition? Es gibt öffentlich ausgetragene Streitigkeiten um die Verkehrspolitik, um Personalpolitik, den Wohnungsbau. Sieht nicht gut aus ...

Den Eindruck kann ich nicht teilen. Wenn drei verschiedene Beteiligte zusammenarbeiten, die unterschiedliche politische Wurzeln und Kulturen mitbringen, laufen die Dinge nicht gleich reibungslos. Sie laufen aber im Großen und Ganzen sehr gut. Wir haben in den ersten acht Monaten nach holprigem Start wirklich viel erreicht. Wir haben zum Beispiel den Entwurf eines Doppelhaushalts für die nächsten zwei Jahre vorgelegt, in dem sich viele Projekte finanziell abgesichert wiederfinden, die sich die Koalition vorgenommen hat, etwa im Schul- oder Wohnungsneubau, in der Mietenpolitik. Für mein Ressort heißt das beispielsweise, wir können endlich beginnen, den Sanierungsstau bei Kultureinrichtungen aufzulösen, wir stärken die bezirkliche Kulturarbeit, die Kinder- und Jugendtheater.

Was bleibt übrig?

Die größte Herausforderung, die wir stemmen müssen, ist, den öffentlichen Dienst funktionsfähig zu machen, also Stellen schneller zu besetzen und gute, motivierte Mitarbeiter zu finden. Aber da haben wir auf der Senatsklausur im Juli mit dem Personalentwicklungskonzept die richtigen Schritte eingeleitet. Ich sehe die Situation besser, als sie sich in der öffentlichen Wahrnehmung oft darstellt. Wenn jetzt noch alle Beteiligten lernen, diese gemeinsamen Erfolge in den Mittelpunkt ihrer Kommunikation zu stellen und nicht so schnell frustriert über Kleinigkeiten zu reden, werden wir das auch vermitteln können.

An welche "Kleinigkeiten" denken Sie?

(Klaus Lederer lächelt und schweigt).

Abschlussfrage zur Bundestagswahl: Rot-Rot-Grün im Bund – ist das überhaupt noch eine Option?

Ich habe den Eindruck, dass sich die Bundes-SPD auf eine Neuauflage der großen Koalition einrichtet und sich auch die nächsten fünf Jahre in die babylonische Gefangenschaft von Frau Merkel begeben will. Ich habe trotz alledem den Anspruch, dass wir unsere Arbeit in Berlin gut machen. Nicht, weil es eine Blaupause für den Bund ist, sondern weil man Vertrauen in politische Alternativen nur gewinnen kann, wenn man vorführt, dass sie funktionieren – wie etwa auch in Brandenburg und Thüringen. Ich glaube nicht, dass es nach dem 24. September eine rot-rot-grüne Koalition im Bund geben wird, aber wir müssen weiter daran arbeiten, dass es eine Option im politischen Gestaltungsraum bleibt.

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