Mobilität

So soll der Berliner Nahverkehr besser werden

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Lorenz Vossen
Der Busverkehr in Berlin soll ausgebaut werden

Der Busverkehr in Berlin soll ausgebaut werden

Foto: Jörg Krauthöfer

Mehr Spuren, bessere Ampelschaltungen: BVG, Verkehrslenkung und Senatsverwaltung wollen Nahverkehr beschleunigen.

Manch einer wird sich noch an das putzige Lied „M41, du kommst nie allein“ erinnern. Zwei Neuköllner brachten den Song vor knapp drei Jahren unters Volk – als kleinen Trost für alle Fahrgäste der Linie zwischen Hauptbahnhof und Sonnenallee, wenn mal wieder lange kein Bus auftaucht, und dann plötzlich wieder zwei oder drei auf einmal. Besonders passend die Textzeile: „Du bist der Bus, der im Rudel fährt und an unseren Nerven zerrt.“

Der Song hat immer noch seine Berechtigung. Denn die Pünktlichkeit bei den Bussen ist und bleibt eine Sorge der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Im vergangenen Jahr waren nur 87,2 Prozent aller Fahrten pünktlich, wobei nur solche statistisch als unpünktlich erfasst werden, die maximal 90 Sekunden zu früh beziehungsweise 210 Sekunden zu spät sind. Laut Verkehrsvertrag mit dem Senat ist die BVG aber zu knapp 90 Prozent Pünktlichkeit verpflichtet.

Mit mehreren Maßnahmen soll jetzt alles besser werden. Seit Sommer letzten Jahres bildet die BVG zusammen mit Senatsverkehrsverwaltung und Verkehrslenkung Berlin die sogenannte Taskforce Beschleunigung. Das Konsortium will den öffentlichen Nahverkehr auf den Straßen pünktlicher und attraktiver gestalten. Dabei liegt der Fokus auf verschiedenen Instrumenten, wie die Juli-Ausgabe der BVG-Mitarbeiterzeitung „Profil“ schreibt: darunter die Einrichtung oder Verlängerungen von Busspuren, sogenannte Haltestellen-Kaps, bei denen sich Busse nicht extra wieder in den Verkehr einfädeln müssen, und die Beeinflussung von Ampelschaltungen. Alle drei Maßnahmen seien auf der Linie M41 bereits erfolgreich erprobt worden, heißt es. Die Busse sollen dadurch pro Strecke vier Minuten schneller geworden sein.

Busse sollen dieselbe Technik wie Trams nutzen

Noch in diesem Jahr sind Verbesserungen auf den Spandauer Buslinien 136 (Gatower Straße/Heerstraße–S-Bahnhof Hennigsdorf) und 236 (Gatower Straße/Heerstraße–U-Bahnhof Haselhorst) geplant. „Neben der Beschleunigung des öffentlichen Personennahverkehrs in der Innenstadt müssen wir den Fokus auch auf den Stadtrand legen, wo keine U- oder S-Bahn-Verbindungen zur Verfügung stehen“, schreibt Verkehrsstaatssekretär Jens-Holger Kirchner (Grüne) in „Profil“. Kommendes Jahr folgen die Linien M27 (Pankow–Jungfernheide), M48 (Busseallee–Alexanderplatz) und M85 (Lichterfelde Süd–Hauptbahnhof). Ebenso die Tramlinien M4 (Falkenberg/Hohenschönhausen–Hackescher Markt) und M6 (Riesaer Straße–Hackescher Markt).

Bei allen Linien steht eine veränderte Ampelschaltung ganz oben auf der To-do-Liste. Für die Busse soll dabei eine Technik genutzt werden, wie sie bei der Straßenbahn schon länger zum Einsatz kommt: Per Funksignal kündigt der Bus sein Kommen an, und die Ampel verlängert entsprechend ihre Grünphase.

Ebenfalls geplant sind neue Busspuren

Auch sollen die Vorrangschaltungen der Ampeln wieder verstärkt in Betrieb genommen werden. So steht es auch im Koalitionsvertrag von SPD, Linken und Grünen. Dabei gibt es für Busse ein eigenes Signal, das den Fahrzeugen an Kreuzungen erlaubt, früher loszufahren. Diese „Permissivsignale“ wurden in der Vergangenheit immer wieder abgeschaltet und nur sporadisch reaktiviert. „Wir fragen uns seit Jahren, was eigentlich so schwer daran ist, die Vorrangschaltung wieder zu aktivieren“, kritisiert Jens Wieseke vom Fahrgastverband Igeb.

Ebenfalls geplant sind neue Busspuren. Laut „Profil“ hat die Taskforce dabei 157 Maßnahmen zusammengetragen, wo das sinnvoll sein könnte. 35 davon, die einer Länge von 16,3 Kilometern entsprechen, haben Priorität und sollen in diesem und im nächsten Jahr kommen. Wohin genau die Busspuren kommen, will die Verkehrsverwaltung nicht verraten und verweist auf die derzeitige Prüfung durch die Verkehrslenkung, die das letzte Okay geben muss. Dem Vernehmen nach tun sich Verkehrslenkung und Verkehrsverwaltung beim Thema schwer. Denn dort, wo Busspuren hinkommen, fallen in der Regel Fahrstreifen oder Parkplätze weg. Auch soll Berlin gemäß dem neuen Mobilitätsgesetz an jeder Hauptstraße breite Radwege bekommen. Wie genau die Verteilung dabei funktionieren soll, ist vollkommen unklar.

TXL-Linie wurde durch Busspuren pünktlicher

Bekannt ist, dass sich die BVG Spuren auf der Kantstraße in Charlottenburg und der Rheinstraße in Steglitz sowie auf Urbanstraße (Kreuzberg) und Torstraße (Mitte) wünscht. Ziel aller Beteiligten ist, das Busspurennetz von derzeit rund 100 Kilometern zu verdoppeln. Dass die Einrichtung sogar kleiner Abschnitte von Busspuren sinnvoll sein kann, zeigt der Fall des Flughafenbusses TXL. Im September wurden auf der Route 570 Meter Straße umgewandelt. In der Folge verbesserte sich die Pünktlichkeit des chronisch verspäteten TXL von 79,6 Prozent auf 85,7 Prozent.

Durch die Freigabe der Spuren für Radfahrer, Taxis, Krankenfahrzeuge und andere Busse sowie temporär für Lade- und Lieferverkehre sei auch von einem positiven Einfluss auf andere Verkehrsteilnehmer auszugehen, so die Verkehrsverwaltung. Für den Fahrgastverband ist deshalb umso unverständlicher, warum Berlin hier nicht noch mehr aufs Tempo drückt. „Die Beschleunigungsmaßnahmen sind schnell und günstig umzusetzen“, sagt Wieseke. „Wir resignieren so langsam.“

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