Stand-up-Paddling

Berlin-Challenge: Von Geschicklichkeit und eigener Balance

Die Berlin-Challenge: Morgenpost-Reporter stellen sich besonderen Herausforderungen. Serie, Teil 11 — Stehpaddeln.

Das Gleichgewicht auf dem Board zu finden, ist nicht so einfach. Vor allem nicht, wenn im Hintergrund die Gäste der Fischerhütte zusehen

Das Gleichgewicht auf dem Board zu finden, ist nicht so einfach. Vor allem nicht, wenn im Hintergrund die Gäste der Fischerhütte zusehen

Nein, ich habe keine Angst vor Wasser. Ich schwimme leidenschaftlich gerne und gerade im Meer gern auch mal viel zu weit hinaus. Sich aufs Wasser zu wagen ist also für mich beim Stehpaddeln nicht die Herausforderung. Dass diese Trendsportart, bei der man auf einem Brett steht und sich mithilfe eines Paddels fortbewegt, eine gewisse Geschicklichkeit und Koordination vorauszusetzen scheint, schon eher.

Ich war schon immer tollpatschig. Im Sportunterricht kam ich einmal beim Bocksprung derartig doof auf, dass sogar der für seine brutale Strenge bekannte Sportlehrer an unserem Gymnasium davon absah, es mich noch einmal probieren zu lassen. Zum Trost gab's eine Drei.

Meine Tanzkarriere an der Ballettschule, die ich als kleines Mädchen besuchte, endete jäh nach einer Aufführung unter dem Motto "Im Zirkus", bei der mich die Ballettlehrerin dazu verdammte, in die Rolle eines Zirkusbären zu schlüpfen. Heute lache ich über die treffsichere Entscheidung der Dame, die sicher auch eine gute Casting-Agentin geworden wäre. Aber kindliche Egos sind fragil und meine Besetzung als Meister Petz traf mich damals tief.

Fünfundzwanzig Jahre später ist die Kenntnis des eigenen Selbst natürlich fortgeschrittener als mit neun. Man weiß um seine Fähigkeiten und richtet seinen Alltag dementsprechend ein. Es sei denn, man wird gebeten, sich im Rahmen einer Sommerserie einer Herausforderung zu stellen. Ist mein 34-jähriges Ich graziler und geschickter als das aus Kindheitstagen?

Um das herauszufinden, radele ich an einem Freitagnachmittag bei mildem Sommerwetter zum Schlachtensee. Gleich neben der Fischerhütte verleihen die "Stehpaddler" Boards und Ruder. Als ich von meinem Rad steige, sehe ich schon ein halbes Dutzend Menschen, die auf ihren Brettern tiefenentspannt über den Schlachtensee treiben. Darunter Kinder und auch zwei ältere Herren. Ich werte das als gutes Zeichen.

Am Ausgabestand wartet Bela auf mich. Bela ist 19 und gibt Kurse im Stand-up-Paddling. Braun gebrannt, sportlich, Typ: jugendlicher Surflehrer. Bela wohnt in Zehlendorf und kam durch die Nähe zum Schlachtensee zum Stehpaddeln. Es sei ein Trendsport, aber auch einer für jedermann. "Egal ob acht oder achtzig, Stehpaddeln kann wirklich jeder lernen", sagt er. "Es macht unheimlich viel Spaß, und weil man die ganze Zeit sein Gleichgewicht halten muss, trainiert es auch die Tiefenmuskulatur."

Ein zweites böses Wort: Gleichgewicht. Auch nicht so meine Stärke. Weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinne. Erst kürzlich bin ich bei einem Rudertrip durch Böhmen mit meinem Ruderpartner an einem Tag dreimal gekentert. Unter den spöttischen Blicken der Tschechen trugen wir unser Kanu in nasser Kleidung an Wehren vorbei, ein kleines Mädchen lachte uns aus, als wir mitten auf der Moldau zwischen zwei Steinen stecken blieben und ins Wasser fielen. Fasst man den Begriff Balance etwas weiter, in Richtung Maß halten: Ich bin in ein und demselben Jahr erst einen Marathon gelaufen und habe dann wieder mit dem Rauchen angefangen. So viel dazu. Insofern ist das hier für mich genau die richtige Übung.

Bela weiß von alledem nichts und passt das Paddel auf meine Größe an. Dazu muss ich den Arm heben. Das Paddel soll mich nämlich um genau eine Armlänge überragen. Die Seite vom Paddel, die vorne sein soll, ist mit einem Sticker markiert, den ich mehrmals brauchen werde, um mich zu vergewissern, dass ich es richtig herum halte.

Am Verleihtresen steht auf einem Schild in Großbuchstaben "Im Knien starten und enden!". Gerade für Anfänger sei das wichtig, sagt Bela, damit man sich im seichten Wasser am Ufer nicht verletzt. Mein Brett liegt schon bereit. Es kann losgehen, eigentlich. Bela rät mir noch, mich zu Beginn möglichst mittig zu halten. "So, dass der Griff zwischen deinen Füßen ist", sagt er. Leider sei es heute etwas windig, deswegen müsse ich mich anstrengen, nicht abzutreiben. Der junge Mann scheint mir meine Skepsis anzusehen. Das Letzte, was ich von ihm höre, ist die Frage: "Haben Sie Wechselklamotten dabei?". Ja, habe ich. Ohne alles vorwegzunehmen: Ich werde sie auch brauchen.

Unfreiwillige Slapstickeinlage auf dem Schlachtensee

Kaum knie ich auf dem Board, schon merke ich, wie windig es wirklich ist. Eigentlich wollte die Fotografin mich nah am Ufer bei der Verleihstelle fotografieren. Doch ich kann gar nicht anders, als in Richtung Fischerhütte zu treiben. Dort sitzen an diesem sonnigen Nachmittag viele Gäste und genießen den Blick auf den See. Dass ich unfreiwillig für deren Unterhaltung sorgen würde, hatte ich bei der Wahl des Anbieters nicht bedacht. Ich versuche trotzdem, aus dem Knien in den Stand zu kommen, und merke, dass mir die Knie schlottern. Zwar mehr aus Angst, mich zu blamieren und vor den Augen aller filmreif ins Wasser zu segeln, als aus Furcht davor, in den See zu fallen. Aber für das Fortkommen ist die Ursache meiner Zittrigkeit egal.

Seit Jahren sehe ich versierte Stehpaddler auf der Spree und diversen Seen in und um Berlin und finde, sie sehen auch ganz ohne ins Wasser zu plumpsen albern aus. Bei mir hat das Ganze jedoch auch noch etwas von Slapstick. Das Bord will nicht in die gleiche Richtung wie ich. Die Fotografin ist mittlerweile an das andere Ufer gelaufen und winkt mir zu. Ich versuche, meinen Weg dorthin zu machen. Irgendwie gelingt es mir dann. "Vielleicht kannst du dich ja neben das Brett stellen und wir machen davon ein Bild", sagt die Kollegin, nachdem wir uns einige Male an dem Motiv versucht haben, bei dem ich sichtlich wackelig auf dem Brett stehe und ihre Aufforderung, zu lächeln, mit dem gleichen irren Grinsen quittiere, das ich auch bei Situationen wie "Beim Mitmach-Theater auf die Bühne gezerrt werden" aufsetze. Ein Lächeln, bei dem der Blick leider alles verrät. Bald darauf probiere ich es noch einmal ganz in Ruhe. Leider halte ich das Ruder falsch herum. Immerhin merke ich es dank des Stickers relativ schnell. Aber es hilft nichts: Irgendwie verliere ich dann doch wieder das Gleichgewicht und falle unvermittelt ins Wasser. Glücklicherweise habe ich die Terrassengäste der Fischerhütte bei meinem Sturz wenigstens schon im Rücken. Ich schlucke etwas Wasser und greife instinktiv erst mal das Brett und mein Ruder. Wie ein Herr sagte, der uns vor einigen Wochen beim Kentern in der Moldau beobachtet hatte: "Hauptsache nicht das Ruder verlieren. Ohne Ruder sind Sie verloren!" Weise Worte.

Am Ende finde ich doch noch mein Gleichgewicht

Da ich ohnehin schon nass bin, werde ich mutiger und paddele ein bisschen schneller vor mich hin. Außerdem habe ich auf einmal den Wind im Rücken. Ich beginne, mich etwas sicherer zu fühlen. Endlich habe ich auch Augen für den Schlachtensee, dessen Wellen glitzern und die Sonne reflektieren. Wie schön es doch hier ist! Vom Wind befeuert nehme ich Tempo auf und fühle mich auf einmal ganz majestätisch, wie ich da mitten auf dem See vor mich hintreibe. So muss es Schiffskapitänen gehen. Herrlich! Der ältere Herr von vorhin passiert mich und hat ebenfalls ein Lächeln auf den Lippen. Jetzt, wo ich die Balance gefunden habe, ist es auf einmal ganz leicht. Ich mache den Weg in die Mitte des Sees und genieße die herrliche Sicht vom Wasser auf die Bäume, die den Schlachtensee säumen. Sehe die Menschen, die am Ufer liegen und die in diesem Sommer raren Sonnenstrahlen aufsaugen. Nach zwei Stunden fühle ich mich richtig ausgeglichen. Geht doch.

Mehr zum Thema:

Alle Teile der Sommerserie

Mit Anfänger-Arabisch unterwegs auf den Straßen Neuköllns

Die Leichtigkeit in Berlins Unterwasserwelt

Dreieinhalb Minuten Rockstar beim Karaoke im Mauerpark

Ein Tag und eine Nacht allein unter Campern

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.