Interview

"Die Kanzlerin soll das Humboldt Forum zur Chefsache machen"

Manfred Rettig, ehemaliger Chef der Stiftung Berliner Schloss, sorgt sich, dass das Humboldt Forum nur ein besseres Museum wird.

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Manfred Rettig, bis vor anderthalb Jahren Chef der Stiftung Berliner Schloss und somit Herr über die Mega-Baustelle am Schloßplatz, ist bekannt für seine Entschlusskraft. Um ein Zeichen zu setzen und die künftigen Nutzer des Humboldt Forums im Berliner Schloss für mehr Planungs- und Kostendisziplin zu bewegen, war er als Stiftungschef zurückgetreten. Als Kuratoriumsmitglied ist der 65-Jährige dem Humboldt Forum aber auch weiterhin verbunden.

Im Interview mit der Berliner Morgenpost erhebt der Mann, der einst den Regierungsumzug von Bonn nach Berlin störungsfrei leitete, erneut mahnend seine Stimme. Diesmal ist es jedoch nicht der Kosten- und Zeitrahmen des Gebäudes, den er durch das Handeln der Nutzer in Gefahr sieht. Ihn treibt nun die Sorge um, dass "das 600 Millionen-Euro-Projekt nur ein besseres Museum" wird. Es fehle, so Rettig, eine Vision, wie man das multifunktionale Gebäude tatsächlich zu dem mache, was eigentlich vorgesehen war: ein Haus des Dialoges der Weltkulturen.

Herr Rettig, Sie könnten sich entspannt zurücklehnen, schließlich sind Sie nicht mehr der Manager der größten Kulturbaustelle Deutschlands. Warum tun Sie es nicht?

Manfred Rettig: Auf der Baustelle geht alles seinen Gang, da habe ich nichts zu kritisieren. Mich bewegt vielmehr, wie sich die Politik mit dem Thema beschäftigt.

Nämlich?

Leider so gut wie gar nicht. Der Einzige, der bisher das enorme Potenzial dieses Gebäudes erkannt zu haben scheint, ist der jetzige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Noch als Außenminister hatte er die Diplomaten aus aller Welt in den Rohbau eingeladen, um ihnen zu zeigen, dass dies das Haus ist, in dem der Dialog der Kulturen der Welt seinen Platz finden soll. Das ist genau die Art von Nutzung, für die das Humboldt Forum großartige Möglichkeiten bietet. Doch bei diesem singulären Ereignis ist es bisher leider geblieben.

Stattdessen hat es bislang zwei Ausstellungen in der Humboldt-Box neben der Baustelle gegeben, die Lust machen sollen auf das, was im Schloss ab 2019 zu sehen sein soll. In den Feuilletons wurden beide gnadenlos verrissen.

Vermutlich ist es ganz egal, was die Gründungsintendanten unter der Leitung von Neil MacGregor machen, es wird ohnehin kritisiert werden, weil die Erwartungshaltung natürlich enorm ist und es sonst ja noch nicht viel Konkretes zu den Inhalten gibt, mit denen man sich auseinandersetzen könnte. Das muss man als Museumsmacher ertragen können. Die große Aufregung um diese beiden kleinen Vorschauen weisen aber auf ein Problem ganz anderer Natur hin.

Auf welches?

Weil die große Geste, die große Idee für das Gebäude fehlt, arbeiten sich alle an diesen Klein-Klein-Diskussionen ab. Was anderes bleibt ja mittlerweile nicht mehr übrig, denn die große Architektur-Debatte um Sinn oder Unsinn einer Schloss-Rekonstruktion hat sich mit dem sichtbaren Baufortschritt ja nun erledigt.

Die Ausstellungs-Verrisse waren aber nicht die einzige Kritik an den Inhalten des Forums?

Das ist richtig. Es gibt aktuell eine Kolonialismusdiskussion, angestoßen von der Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy ...

... die aus der Expertenkommission des Humboldt Forums ausgetreten ist, weil die Herkunft der Exponate aus außereuropäischen Kulturen nicht ausreichend beleuchtet werden.

Das ist sicher auch ein wichtiger Aspekt. Aber ich bleibe dabei: Medial hochgekocht ist das Thema doch nur mangels einer übergeordneten Vision, mit der man sich auseinandersetzen könnte. Dies führt dann eben dazu, dass Randthemen plötzlich enorm wichtig werden.

So wie auch die Debatte um das christliche Kreuz auf dem Kuppeldach?

Allerdings. Letztlich ist das doch eine Alibiveranstaltung, weil die Protestluft aus dem Architekturstreit raus ist. Wer dann plötzlich meint, öffentlich erklären zu müssen, das Kreuz auf der Kuppel verhindere den Dialog mit den Kulturen der Welt, hat sich offenbar noch nie mit Vertretern dieser Kulturen unterhalten, sonst wüsste er, dass das totaler Quatsch ist.

Haben Sie sich denn mit den Vertretern anderen Kulturen darüber unterhalten?

Ja, habe ich. Ich bin tatsächlich nicht nur im Kuratorium des Humboldt Forums, sondern auch noch in einer Menge anderer Organisationen aktiv. Beispielsweise im Freundeskreis des Hauses für die Vereinten Nationen im Palais am Festungsgraben. Und ich berate das House of One, das gerade unweit des Humboldt Forums auf dem Petriplatz von Juden, Christen und Muslimen gemeinsam gebaut wird. Als Haus der Begegnung, für ein Kennenlernen und den Austausch von Menschen unterschiedlicher Religionen.

In die Kreuz-Debatte hat sich dann aber immerhin wieder die Politik zurückgemeldet. Das wollten Sie doch?

Meinen Sie damit die Kulturstaatsministerin?

Ja, Monika Grütters hat das Kreuz auf dem Dach verteidigt. Das müsste Sie doch freuen?

Das ist schön, aber wie gesagt, reicht es eben nicht, sich nur zu Detailfragen zu äußern.

Was erwarten Sie denn von ihr?

Ehrlich gesagt, gar nicht viel. Mir geht es ja gerade darum, dass das Humboldt Forum eben nicht zum reinen Museum wird. Um lediglich ein besseres Museum zu schaffen, hätten wir nicht 600 Millionen Euro ausgeben müssen. Das ist mir viel zu kurz gesprungen. Ich finde es auch nicht gut, dass man die Leitung eines solchen Hauses allein in die Hände von Museumsmachern legt. Denn eigentlich haben die Abgeordneten im Bundestagsbeschluss aus dem Jahr 2002 den Auftrag gegeben, ein Haus der Weltkulturen zu schaffen, in dem die museale Nutzung lediglich den passenden Rahmen bieten sollte. Ich bin der Meinung, da ist nicht eine Kulturstaatsministerin gefragt, sondern die Kanzlerin. Angela Merkel sollte sich des Projektes annehmen, es zur Chefsache machen.

Was würde das denn bringen?

Nur dann ist gewährleistet, dass dort beispielsweise Friedenskonferenzen oder Nachhaltigkeitsgipfel stattfinden, auf denen sich die Akteure der ganzen Welt zusammenfinden. Das Humboldt Forum hat die Chance, das Weltfriedenszen­trum oder das Zentrum für Nachhaltigkeit zu werden. Andere Staatsoberhäupter stehen doch auch ein für solche Projekte ein. Etwa der frühere französische Staatspräsident Georges Pompidou, auf dessen Wunsch hin das Centre Pompidou gebaut wurde oder auch in Deutschland der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, der maßgeblich für die Gründung des Deutschen Historischen Museums eintrat.

Beim Wort Gipfel fällt einem mit Grausen der G20-Gipfel in Hamburg ein ...

Mir schwebt auch nicht ein G20-Gipfel vor, sondern Veranstaltungsformate, in denen die bürgerlichen Stimmen aus Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu den brennenden Themen der Welt vernehmbar wären. Also eine Art Alternativ-G20-Gipfel und auch mit deutlich mehr als nur 20 beteiligten Nationen. Und ich wiederhole noch einmal: Damit solche Veranstaltungen regelmäßig, also beispielsweise im Zweijahres-rhythmus, im Humboldt Forum tatsächlich verankert werden können, braucht es schon das politische Gewicht einer Kanzlerin oder eines Kanzlers.

Was sagen denn die Gründungsintendanten Neil MacGregor, Hermann Parzinger und Horst Bredekamp dazu und die jeweiligen Nutzervertreter des Ethnologischen Museums, des Berliner Stadtmuseums und der Humboldt-Universität?

Das kann man sich ja unschwer vorstellen, dass ausgewiesene Museumsmacher damit ein Problem haben. Doch ich bleibe dabei: Es ist gut und richtig, wenn die beiden oberen Etagen im Schloss für die museale Nutzung reserviert bleiben. Aber im Erdgeschoss und der ersten Etage reicht es mir nicht, wenn dort wechselnde Ausstellungen zu sehen sein werden. Wir reden immerhin von einer Gesamtfläche von 40.000 Quadratmetern. Auf 20.000 Quadratmetern muss ein echter Veranstaltungsbereich entstehen, der sich nicht allein um die oft sehr elitären Wissensvermittlung und die großartigen Exponate dreht.

Was schlagen Sie also vor?

Ich will die Leistungen der Gründungsintendanz gar nicht schmälern, es sind alles drei hervorragende Männer, die Großartiges geleistet haben. Dennoch halte ich die Besetzung der Gründungsintendanz mit diesen drei für unglücklich. Unter ihrer Regie besteht die Gefahr, dass der museale Aspekt überbetont und das Dialogzentrum lediglich ein Anhängsel wird. Deshalb schlage ich vor, dass wir die Gründungsintendanz erweitern um eine echte Leitfigur. Diese sollte auch international so viel Gewicht haben, dass der Anspruch, ein Haus für den Dialog der Kulturen zu sein, Realität werden kann.

Wer könnte diese Rolle übernehmen?

Ideal wäre ein 45-jähriger Kofi Annan, ein Mensch mit Weltbildung, der die Probleme der Welt kennt und bestens vernetzt ist. Im Ernst: Ich denke, am ehesten wird man im Umfeld der Vereinten Nationen einen solchen Menschen finden.

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