Potsdam/Caputh

Ab in die Pilze

Der Regen hat Pfifferlinge oder Champignons aus dem Boden schießen lassen. Aber nicht in allen Wäldern

Potsdam/Caputh.  Zu früh gefreut. Noch im Juli schossen Täublinge, Pfifferlinge, Sommersteinpilze, Hexenröhrlinge, Champignons und Maronen reichlich aus dem märkischen Boden. In Mengen, die selbst Wolfgang Bivour überraschten. „Der Regen und die eher kühlen Tage Ende Juni waren die besten Voraussetzung fürs gute Wachstum“, erklärt der Chef des Brandenburgischen Landesverbandes der Pilzsachverständigen, ansässig im Potsdamer Ortsteil Satzkorn. Doch mit der prächtigen Ernte könnte es nun schon wieder vorbei sein. Das fürchtet zumindest die in Caputh lebende Biologin und Pilzexpertin Sylvia Hutter. „Die vergangenen Tage waren sehr trocken und heiß – trotz der gelegentlichen starken Regenfälle.“ Das seien keine idealen Bedingungen für Pilze. Eine Woche mit Temperaturen über 25 Grad könne das Gedeihen schnell stoppen, sagt Hutter.

Auf der Wiese vor seinem Haus in Potsdam seien vor vier Wochen so viele Champignons gewachsen, dass er sie säckeweise hätte ernten können, erzählt der Sachverständige Bivour. In der Uckermark und der Prignitz sei die Pilzflut dagegen allerdings ausgeblieben. Insgesamt jedoch dürften Pilzliebhaber schon auf ihre Kosten gekommen sein: „Denn sogar seltene Arten wie der Tintenfischpilz, der vor 100 Jahren aus Australien über Mitteleuropa nach Deutschland eingeschleppt wurde, ließen sich in den Laubwäldern entdecken“, sagt Bivour. Und das, obwohl doch in den Brandenburger Wäldern – mit bis zu 70 Prozent Kiefern – eigentlich eher Maronenröhrlinge zu Hause seien.

Das wussten auch erfahrene Sammler und stürmten in den vergangenen Wochen die beliebten Pilzreviere – vor allem im Naturpark Dahme-Heideseen und dem Schlaubetal.

Auch Bivour rechnet mit einem „zeitweisen Rückgang der aktuellen vielfältigen Pilzschwemme“. Allerdings dürfte sich das Bild lokal durchaus unterscheiden. „Pfifferlinge sind sicherlich auch weiterhin vielfach in Brandenburg zu finden“, schätzt der Pilzliebhaber ein. Die Generalisten unter den Pilzarten seien anspruchslos, könnten die schwankenden Wetterbedingungen gut ab. Das Wetter sei auch nicht allein die Ursache für zu erwartenden Schwund. „Die Pilze wachsen in Schüben“, erläutert der Fachmann. Die Myzelen – also das Geflecht im Boden, aus dem der sichtbare Fruchtkörper erwächst – müssten erst einmal wieder Kraft tanken. „Jede Pilzart braucht andere Verhältnisse. Hier Vorhersagen zu treffen, ist schwierig“, will sich Bivour nicht festlegen und empfiehlt Sammlern, einfach die Augen aufzuhalten.

Sylvia Hutter sieht das nicht anders. Auch wenn aktuell kein ideales Pilz-Wetter sei: „Mit geübtem Blick und dem nötigen Wissen über Speise- und Giftpilze kann man das ganze Jahr über fündig werden“, sagt die 36-Jährige. Im Frühling stoße man auf Morcheln, ab Juni auf Pfifferlinge, selbst im Winter könnten Feinschmecker noch Austernseitlinge oder Schnecklinge ausmachen. Vor einigen Jahren hat die Biologin, die an der Universität Graz über die mit Bäumen in Symbiose lebenden Waldpilze promovierte, der akademischen Welt den Rücken gekehrt. Auf ihrem Hof in Caputh hat sie sich ganz dem Thema Pilz verschrieben. „Mein theoretisches Wissen wollte ich in der Praxis anwenden, dabei Menschen einbeziehen“, sagt die gebürtige Österreicherin.

Auf Wanderungen durch den Caputher Forst erläutert sie den Teilnehmern ihrer Workshops die Unterschiede zwischen essbaren und giftigen Pilzen, erklärt in Kursen, wie man mit allen Sinnen – vom bloßen Augenschein über das Riechen bis zum Tasten – die Pilzart erkennen kann. Laien rät sie von Pilzerkennungsbüchern ab: „Die Fachbegriffe können falsch ausgelegt werden, die Fotos bilden das idealtypische Aussehen ab.“ Doch das könne sich rasch ändern, wenn beispielsweise Hitze auf den Pilz einwirke und ihn in seiner Optik beeinflusse.

Auf dem eigenen Balkon kann man Austernpilze ziehen

Hutter referiert über die gesundheitsfördernde Wirkung von Heil- und Vitalpilzen und bringt diese in einem Drei-Gänge-Menü auch gleich auf den Tisch. Unter dem Label „Pilzreich“ verkauft sie außerdem selbst entwickelte Zuchtsets, mit denen man im eigenen Garten oder auf dem Balkon Austern- oder Lungenseitlinge ziehen und ernten kann. Dafür liefert sie rund 33 Zentimeter lange Buchenstämme. Die hat die Expertin allerdings präpariert: Mit einem Pilzgeflecht beimpft sie die kleinen Buchenstämme, die sie von den Berliner Forsten bezieht. Der Kunde muss die Stämme nur noch in die Erde graben und regelmäßig gießen, bis sich die Speisepilze zeigen. Ihr Ehrenamt als Pilzberaterin liegt Hutter ebenso am Herzen. „Sind sich Sammler unsicher, steht ihnen meine Tür offen.“

Für Bivour nur ein Beleg, wie wichtig die Arbeit der Pilzberater sei. Rund 30 der 55 Mitglieder seines Vereins seien auf diesem Feld aktiv. Zu wenige, um ganz Brandenburg abzudecken. „In der Uckermark und entlang der Oder, im Nordosten und Südwesten Brandenburgs fehlen uns Pilzsachverständige.“ Bivour setzt aufs öffentliche Werben fürs Ehrenamt. Gelegenheit bietet sich dazu wieder im September und Oktober, wenn der Verein auf dem Bassinplatz in Potsdam seine kostenlosen Beratungsdienste anbietet.

Informationen unter: www.blp-ev.de