Demonstration

Hanfparade zieht zum 21. Mal durch Berlin

Bei der 21. Hanfparade fordern Kiffer, Politiker und Schmerzpatienten die Legalisierung von Hanf und Cannabis-Therapien.

Teilnehmer demonstrieren in Berlin bei der 21. Hanfparade für eine Legalisierung von Hanf als Rohstoff, Medizin und Genussmittel.

Teilnehmer demonstrieren in Berlin bei der 21. Hanfparade für eine Legalisierung von Hanf als Rohstoff, Medizin und Genussmittel.

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Seit März diesen Jahres darf Cannabis unter bestimmten Auflagen medizinisch eingesetzt werden. Patienten können die Präparate auf Rezept bei praktisch jedem Hausarzt bekommen. Dennoch gibt es weiterhin rechtliche Unsicherheiten. Eines der Themen der 21. Hanfparade, die am Sonnabend vom Washingtonplatz zum Alexanderplatz zog. Bereits um 10 Uhr trafen sich die Teilnehmer vor dem Berliner Hauptbahnhof. Unter dem Motto "Breiter kommen wir weiter" setzen sich die Demonstranten für die Legalisierung von Hanf als Medizin, Rohstoff und Genussmittel ein.

Angemeldet waren laut Polizei 10.000 Demonstranten, jedoch erschienen zum Auftakt bei herbstlichen Temperaturen und Nieselregen zunächst nur wenige Teilnehmer. Die rund 250 Polizeibeamten waren anfangs noch in der Überzahl. Erst um die Mittagszeit füllte sich der Platz. Nach Angaben der Polizei nahmen in den ersten Stunden etwa 2000 Menschen an der Parade teil - im Vorjahr waren es insgesamt 4000 gewesen. Unter ihnen viele jüngere Besucher, viele Männer, teils aus alternativen Szenen, aber auch Rollstuhlfahrer wie Türkay Bakir (40) aus Schleswig-Holstein und Danny-Ralph Cäsar (24) aus Hamburg.

"Ich war bettlägerig. Cannabis hat mich aus dem Bett geholt", erzählt Bakir. Er versteht sich als Aktivist für die Legalisierung von Medizinhanf. Er vertrete all jene, die auf eine Cannabis-Therapie ansprächen, aber nicht dafür mitdemonstrieren könnten, weil Besitz, Anbau und Handel von Cannabis in Deutschland weiterhin verboten sind. "Patienten werden kriminalisiert, das eigentliche Problem ist doch der Suchtkonsum", ergänzt Cäsar. Er verweist darauf, dass Länder wie die USA, Portugal oder die Niederlande gute Erfahrungen mit der Legalisierung gemacht hätten. Denn der Cannabis-Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) als Joint, als Tee oder in Lebensmitteln kann nachweislich Linderung für Patienten verschaffen, die an Multipler Sklerose, Neuropathie, Rheuma oder Nebenwirkungen von Chemotherapien leiden.

Wenig Rechtssicherheit trotz Teillegalisierung

Ebenso ist die appetitanregende Wirkung von Cannabis Teil der Behandlung von Anorexie und Gewichtsverlust durch HIV/AIDS, Tumorerkrankungen und Alzheimer. Auch bei Glaukomen (Grüner Star) ist Cannabis eine Option, um den Augeninnendruck zu senken. Dennoch gibt es weiterhin Probleme mit Cannabis auf Rezept. Denn laut Expertenmeinung gestaltet sich die tatsächliche Kostenübernahme durch die Krankenkassen als schwierig, wie der RBB berichtet. Konsumenten medizinischer Cannabisprodukte, die zuvor eine Ausnahmegenehmigung hatten, erhielten nun Ablehnungsbescheide. Wegen der langwierigen Gerichtsprozesse würden sich viele für den illegalen Selbstanbau von Cannabis entscheiden.

"Patienten werden nicht ernst genommen und als Kiffer abgestempelt", so Micha Greif, Sprecher der Ortsgruppe München des Deutschen Hanf Verbandes (DHV) auf der Hanfparade. Für ihn entfaltet sich dabei ein Konflikt zwischen der Pharmalobby auf der einen Seite, die, wie zum Beispiel in USA, Umsatzeinbrüche fürchte und daher wenig Forschungsinteresse zeige. Auf der anderen Seite seien viele Ärzte in Deutschland noch nicht entsprechend fortgebildet, sodass sie oft nicht einschätzen könnten, welche Cannabissorte in welcher Dosis bei welcher Erkrankung sinnvoll eingesetzt werden könne. In der Praxis könnten somit einige Patienten Ihren medizinischen Cannabisbedarf besser einschätzen als der eigene Arzt.

Greif plädiert auch für eine kontrollierte Abgabe an volljährige Konsumenten, um den Schwarzmarkt auszutrocknen. Doch erst Anfang Juli scheiterte ein Antrag auf ein wissenschaftlich begleitetes Versuchsprojekt mit kontrollierter Abgabe von Cannabis aus Thüringen, Bremen und Berlin vor dem Bundesrat. Die Bundesländer hätten somit derartige Projekte zukünftig selbst genehmigen können.

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