Wirtschaft

Touristen bringen 11,6 Milliarden Euro nach Berlin

Viele Touristen kommen auch nur kurz in die Stadt. Und sie geben mehr Geld aus als noch vor zwei Jahren.

Touristen am Brandenburger Tor

Touristen am Brandenburger Tor

Foto: pa

Wie viele Besucher kommen eigentlich wirklich pro Jahr nach Berlin? Für 2016 zählte das Statistische Landesamt 31 Millionen Übernachtungen. In dieser Erhebung tauchen aber lediglich die Gäste auf, die in Hotels, Pensionen und auf Campingplätzen übernachten und dort über die Anmeldung erfasst werden. Statistiker sind schließlich exakte Naturen, deshalb lassen sie all diejenigen, die in einer Ferienwohnung oder bei Verwandten oder Freunden auf dem Sofa nächtigen, links liegen.

Eine Studie, die die Berliner Tourismusgesellschaft "Visit Berlin" bei einem Consulting-Unternehmen in Auftrag gegeben hatte, bringt jetzt Aufschluss: Zu den 31 Millionen Übernachtungen in der Hotellerie kommen demnach 33,2 Millionen Übernachtungen von "Schlafsofa-Besuchern". Knapp fünf Millionen Übernachtungen entfallen laut Studie zusätzlich auf Touristen, die bei Privatvermietern gebucht haben. Die größte Gruppe der Berlin-Gäste bilden die Tagesbesucher mit insgesamt 109 Millionen Aufenthaltstagen. Das sei alles wissenschaftlich ermittelt, versprach "Visit Berlin"-Chef Burkhard Kieker am Donnerstag.

Der Berlin-Tourismus verzeichnet seit mehreren Jahren hohe Zuwächse. Doch es reisen nicht nur mehr Gäste in die Stadt, sie geben zudem etwas mehr Geld aus als noch vor zwei Jahren. Laut der Studie, die auch den Tourismus als Wirtschaftsfaktor beleuchtet, hat jeder Berlin-Besucher 2016 pro Tag 64,89 Euro in der Stadt gelassen, gut zwei Euro mehr als noch 2014. Bei Hotelgästen liegt der Betrag bei 205,80 Euro pro Tag. Gäste, die bei privaten Vermietern wohnen, geben durchschnittlich 107,50 Euro pro Tag aus, die Übernachtungskosten eingerechnet. Wer bei Verwandten oder Freunden nächtigt oder nur zu einem Tagesbesuch nach Berlin kommt, bringt es durchschnittlich auf 32,90 Euro an täglichen Ausgaben.

Fast jeder zweite Euro der Besucher für Gastgewerbe

Zahlreiche Branchen profitieren vom Tourismus. 5,6 Milliarden Euro pro Jahr und damit 48 Prozent des Bruttoumsatzes fließen dem Gastgewerbe, also Hotellerie und Gastronomie, zu. Jeden dritten Euro geben die Gäste im Einzelhandel aus. Der Rest, knapp 20 Prozent, entfällt, so die Studie, auf Dienstleistungen, in erster Linie auf Tickets für Busse und Bahnen, sowie auf Kultur- und Sportveranstaltungen. Rechnerisch leben 235.000 Berliner vom Tourismus.

Also alles in bester Ordnung? Nicht ganz. Bei aller Freude über die erneute Steigerung bei Übernachtungen und Gästen beklagt Burkhard Kieker den zu geringen Anteil außereuropäischer Besucher. "Das entspricht nicht der Rolle der deutschen Hauptstadt", kritisierte er am Donnerstag bei der Vorstellung der Zahlen für das erste Halbjahr 2017. Aus Asien, aus Nord- und Südamerika kämen mehr Gäste, so der "Visit Berlin"-Geschäftsführer, wenn es mehr Langstrecken-Flugverbindungen gäbe.

Deshalb, so Kieker, müsse der BER so schnell wie möglich eröffnet werden. Er kritisierte zudem Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt. Als Verantwortlicher für die Erteilung von Flugrechten mache der CSU-Minister Verkehrspolitik zulasten von Berlin und zugunsten von München und der Lufthansa. Das betreffe etwa mehr Verbindungen nach China und in die Arabischen Emirate. Der Flugverkehr schlage sehr schnell auf das Tourismusgeschäft durch, erläuterte der "Visit-Berlin"-Chef – im Positiven wie im Negativen. Der starke Zuwachs bei den Besucherzahlen aus Frankreich etwa sei wesentlich auf neue Verbindungen von und nach Toulouse, Lyon, Bordeaux und Marseille zurückzuführen. Hingegen hätten die Streiks an den Berliner Flughäfen zu Jahresbeginn und die Schwäche von Air Berlin die Entwicklung im Tourismus gebremst.

Die "Schattenseiten des Tourismus"

Als weiteres Hemmnis nannte Burkhard Kieker fehlende Kongress-Kapazitäten . Berlin habe mit dem City Cube auf dem Messegelände und dem Hotel "Estrel" nur zwei "Spielstätten" für große Kongresse mit mehr als 5000 Teilnehmern. Die Konkurrenten in den weltweiten Top Five – Paris, Barcelona, Wien und Singapur – verfügten jeweils über mindestens vier.

Berlins oberster Tourismuswerber begrüßte die Entscheidung von Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne), der Messe Berlin den Bau eines zweiten City Cubes zu genehmigen. Trotz dieser Widrigkeiten legte das Kongressgeschäft indes zu. Im ersten Halbjahr 2017 kamen 4,96 Millionen Kongress- und Fachbesucher (plus 1,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr) zu 64.000 Veranstaltungen. Die Kongressteilnehmer übernachteten 3,9 Millionen Mal in Berlin – ein Plus von acht Prozent. Inzwischen entfällt jede vierte Hotelübernachtung in Berlin auf sie.

Burkhard Kieker betonte, er nehme die Kritik an "Schattenseiten des Tourismus" ernst. "Wir arbeiten daran, dass die Menschen nicht voneinander genervt sind", bekannte er sich zu einem stadtverträglichen Tourismus. Das werde sich auch im neuen Tourismuskonzept niederschlagen, das die Wirtschaftssenatorin im kommenden Frühjahr vorstellen wolle. Immerhin: Der Anteil der Partytouristen ist schon mal auf 16 Prozent gesunken.

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