Milieuschutz

Weddinger Sprengelkiez stemmt sich gegen Gentrifizierung

Im Weddinger Südwesten öffnen hippe Restaurants. Der Milieuschutz soll die Kiezbewohner vor Verdrängung schützen. Ein Ortstermin.

Ole Wichern, Besitzer der Bar Freya Fuchs im Weddinger Sprengelkiez

Ole Wichern, Besitzer der Bar Freya Fuchs im Weddinger Sprengelkiez

Foto: David Heerde

Alexander Koss (57) ist ein Weddinger Original: 1960 wurde er in einer Erdgeschosswohnung an der Tegeler Straße mitten im Sprengelkiez geboren. Seit 1960 ist das Angelhaus Koss im selben Hauseingang eine Institution – auch über den Kiez hinaus. Erst geführt von Koss' Mutter Hildegard, später dann von ihm selbst. Drinnen im Laden kann man Tausende Köder kaufen, Angeln und Angelpokale, draußen steht ein Automat für Maden – wirft man einen Euro ein, spuckt die Maschine ein gefülltes Döschen aus. Es ist einer jener Läden, die man wahrscheinlich nur noch dort findet, wo der Kiez noch die Identität der Bewohner ausmacht. Im Sprengelkiez gibt es diese Läden. Noch.

Bis 2016 war der Kiez Quartiersmanagementgebiet – ein Stadtteil also, der drohte, abgehängt zu werden. Ebenfalls 2016 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung von Mitte, dass das Gebiet Milieuschutzgebiet werden solle. Damit sollen die Einwohner im Kiez vor sozialer Verdrängung durch steigende Mieten geschützt und Luxussanierungen verboten werden. Denn die Mieten im Sprengelkiez sind seit 2009 um 73 Prozent gestiegen.

90 Prozent der Grundschüler sind nichtdeutscher Herkunft

Fast 17.000 Menschen leben in dem Gründerzeitquartier im südwestlichen Teil des Stadtteils Wedding, etwa 30 Prozent davon sind abhängig von staatlichen Transferleistungen, über 40 Prozent der Anwohner haben einen ausländischen Pass, fast 90 Prozent der Grundschulkinder sind nichtdeutscher Herkunftssprache.

Will man mehr über den Kiez erfahren, so spricht man am besten mit Claudia Schwarz. Seit 1993 arbeitet sie im Kiez und leitet heute das Nachbarschaftszentrum Sprengelhaus. In der Sprengelstraße 15 wird jeden Montag ein gemeinsames Kiezfrühstück angeboten, Deutsch- und Arabischkurse oder Kung-Fu-Unterricht. "Der Kiez lebt von den vielen unterschiedlichen Kulturen, ob sie aus dem asiatischen Raum, verschiedenen afrikanischen Ländern, der Türkei oder Deutschland kommen", beschreibt sie die Nachbarschaft.

Vor dem offenen Bereich des Hauses, "dem Wohnzimmer" wie Schwarz sagt, steht deswegen seit 2012 eine blaue Bank, die ihr als Symbol dient für den nachbarschaftlichen Austausch, den sie erreichen möchte. Ob dies heute besser funktioniere als vor einigen Jahren, da möchte sie sich nicht festlegen. "Allerdings gibt es eine stärkere Durchmischung, die dafür sorgt, dass immer mehr Menschen hierbleiben wollen", sagt Schwarz. Durchmischung, das bedeutet im Sprengelkiez "mehr Studierende, mehr Mittelschicht". Eltern würden ihre Kinder mittlerweile wieder in die beiden Grundschulen im Kiez schicken und nicht wegen der Kinder wegziehen.

Tatsächlich tut sich einiges rund um die Sprengelstraße, das pulsierende Herz des Kiezes. Es kommen viele neue Bars und Restaurants, jene mit Craft Beer, Sofas vom Flohmarkt und abgerissenen Tapeten, die ein bisschen hippe Ausgehkultur in den Kiez tragen. Alteingesessene Bars gehen, jene, die ein Glas Schultheiß für einsachtzig verkaufen und vergilbte Zettel zum Anschreiben haben. Einer der Alten ist Ernst Voß, Eigentümer der Kneipe "Nachtschwärmer bei Ernst" und seit zehn Jahren Anwohner. Bei Ernst bekommt man sein Bier auch, wenn das Licht eigentlich noch aus ist. "1994 habe ich angefangen, da gab es noch die alte Berliner Kneipenkultur mit Zettelwirtschaft und viele Leute ohne Zähne – das Proletariat eben, die mit ihrer Berlinzulage hierherkamen", erzählt der 60-Jährige.

Heute hat Ernst Menschen aus aller Welt zu Gast, die Jamsessions im Laden sind legendär und ziehen Kulturinteressierte aus ganz Berlin an. Viele alte Nachbarn sind zwar gegangen, doch Veränderung gehört für Ernst dazu. "Es ist geiler geworden im Sprengelkiez", ruft er fast euphorisch, "Du kannst hier mittlerweile an jeder Ecke einen guten Kaffee trinken – ich finde es toll, dass hier so viel Neues entsteht." Ab dem Sommer 2018 wird jemand anderes den Nachtschwärmern ihr Bier zapfen müssen. Ernst will dann mehr Zeit mit seinen Enkeln Mattis und Valentin verbringen.

Bürgermeister: "Bei uns stimmt die Mischung noch"

Dass sich jemand finden wird, steht außer Frage. Monatlich eröffnen in der Sprengelstraße neue hippe Bars und moderne Restaurants. Bereits seit zwei Jahren gibt es das "Freya Fuchs" dort, wo früher der "Bierbrunnen" war. "Wo vorher eine alte Berliner Eckkneipe war, wollten wir ein Wohnzimmer für den Kiez schaffen", erzählt Besitzer Ole Wiechern. Anders als im Norden Neuköllns, wo immer wieder von Brand- und Farbanschlägen gegen neue Läden zu hören ist, schreitet die Gentrifizierung im Sprengelkiez anscheinend geruhsamer voran. "Bis vor ein paar Jahren gab es hier noch nicht viel, deswegen tut die Entwicklung dem Kiez gut, denke ich", erzählt der Barbesitzer.

Spaziert man an sonnigen Tagen die Sprengelstraße entlang, zeigt sich ein aufstrebender, doch gemütlicher Kiez, ein buntes Sprachgewirr hallt durch die Luft. "Bei uns stimmt die Mischung noch – wir haben hier mittlerweile eine interessante Kneipenszene, sind aber nicht am Ballermann", sagt Stephan von Dassel (Grüne). Der Bezirksbürgermeister von Mitte wohnt selbst im Sprengelkiez. Die Entwicklung müsse man aber im Auge behalten, deswegen sei im vergangenen Jahr das Milieuschutzgebiet eingerichtet worden. Auch dem Angelhaus Koss droht Veränderung nach 57 Jahren Sprengelkiez. Das Haus an der Tegeler Straße soll saniert werden, die Miete womöglich verdoppelt. "Dann müssten wir hier raus und uns woanders umschauen", sagt Besitzer Koss und zuckt mit den Schultern. Ganz ohne Verlierer scheint auch im Sprengelkiez Gentrifizierung nicht zu funktionieren.

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