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Ein App gegen Essstörungen als Therapieersatz

Im „Impact Hub“ am Kreuzberger Mehringplatz dürfen Gründer nur Projekte vorantreiben, die die Welt zum Guten verändern.

Impact Hub sind (v.l.): Vishal Jodhani , Nele Kapretz, Leon Reiner, Anna Laesser

Impact Hub sind (v.l.): Vishal Jodhani , Nele Kapretz, Leon Reiner, Anna Laesser

Foto: Ricarda Spiegel

Essstörungen sind eine Geißel für viele junge Menschen, meist junge Frauen. Mit einer Handy-App wollen Vivian Otto und Ekaterina Alipiev mit ihrer jungen Firma Jourvie Patienten unterstützen. Sie können ihr Essverhalten und ihre Stimmung protokollieren, das Programm liefert Motivationshilfe und sendet die Daten an den behandelnden Arzt. „Die App ist kein Therapieersatz“, sagt Vivian Otto. Als sie nach einer Geschäftsidee suchten, wollten sie etwas wählen, „was Sinn macht“, sagt ihre aus Bulgarien stammende Partnerin.

Die beiden sitzen an einem Holztisch an ihren Laptops und feilen an ihrem Produkt, das inzwischen auch die AOK Nordost einsetzt. Nebenan sprechen andere junge Leute miteinander. Was aussieht wie einer der vielen Co-Working-Spaces in der Stadt, ist Berlins Zentrum der Guten. Denn im „Impact Hub“ am Kreuzberger Mehringplatz dürfen Gründer nur solche Projekte vorantreiben, die die Welt besser machen.

„Es gibt keine harten Kriterien für die Auswahl“, sagt Nele Kapretz. Sie ist eine von vier Gründerinnen der Impact Hub Berlin GmbH. Das englische Wort „Impact“ bedeutet „Auswirkung“ oder „Einfluss“. Und darum geht es: Was hier entwickelt wird, soll eine positive Auswirkung auf die Gesellschaft haben. Die Gründer wachen über das Profil.

Die Idee für ein neues soziales Unternehmertum ist international auf dem Vormarsch

Aber Geldverdienen ist durchaus erwünscht. „Doing good and doing well“, lautet das englische Motto, also in etwa „Gutes tun und dabei auch gute Zahlen erwirtschaften“. Impact Hub machte schon im dritten Jahr Gewinn, für 2017 peilt man einen Millionenumsatz an. „Wir zeigen den Leuten, dass sie nicht verrückt sind, wenn sie ein Projekt haben“, sagt Mitgründer Leon Reiner, „sondern dass man daran professionell arbeiten kann.“ Er wundert sich, dass in Deutschland Begriffe wie „Gutmenschen“ oder „Weltverbesserer“ eher negativ belegt seien.

Die Idee für ein neues soziales Unternehmertum ist international stark auf dem Vormarsch. Auch in Berlin ist die Kapazität im Zentrum mit der prestigeträchtigen Adresse Friedrichstraße 246 mit 180 Mitgliedern ausgeschöpft, man denkt über eine Expansion nach. Viele Partner forschen zum Klimawandel oder tüfteln an alternativen Verkehrskonzepten. Andere bieten Teach-Surfing an, bei dem sich Reisende in ihrem Zielland mit Organisationen oder Schulen vernetzen, um über ihr Spezialgebiet einen Vortrag zu halten.

Die staatliche Entwicklungshilfeorganisation GIZ managt von hier aus ihr Programm, um Start-ups in Afrika zu unterstützen. Über den Impact Hub in Kigali ist es möglich, Firmen aus Ruanda zu finden, die sich mit alternativer Energie befassen. Und wenn ein großer Telekommunikationsanbieter Firmen sucht, die Frauen besonders fördern, wenden sie sich an den Impact Hub.

Der erste Hub öffnete in London

Weltweit gibt es in 49 Staaten 80 Impact Hubs oder solche, die sich um Aufnahme beworben haben und die gemeinsamen Kriterien anerkennen. Mal sind sie als Verein, mal wie in Berlin als Firma organisiert. Die Idee für ein solches Netzwerk der Zentren junger sozialer Unternehmen ist vor mehr als zehn Jahren entstanden, der erste Hub öffnete in London. Inzwischen sind 11.000 Projekte in diesen Hubs organisiert. Als der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) jüngst in Moskau war, besuchte er den dortigen Hub und lernte etwas über Firmen, die farbenfrohe Handprothesen für Kinder bauen oder ein aussterbendes russisches Dorf mit einer Imkerei wieder beleben.

Im Berliner Impact Hub hat sich noch kein Landespolitiker sehen lassen. Dafür durfte Nele Kapretz mit der Bundeskanzlerin aufs Foto, als es um Sozialunternehmen ging. Sie schrieb mit an einem Papier der Bundesregierung über Innovation. Die Regierung wolle den bisher sehr von Technologie getriebenen Innovationsbegriff um eine soziale Komponente erweitern, sagt Kapretz.

Vorsichtig strecken nun auch die Vertreter der klassischen Sozialwirtschaft die Fühler in Richtung der Start-ups aus. Sie folgt damit verspätet der Industrie, die um neue Ideen der Jungunternehmen buhlt. „Deutschland hat eine große Tradition von Sozialunternehmen“, sagt Mitgründer Leon Reiner und verweist auf Großorganisationen wie das Rote Kreuz, die Caritas oder Genossenschaften wie die Volksbanken.

Keine Lust mehr darauf, Handyverträge zu verkaufen

Er selbst studierte Entwicklungshilfe, wollte dann aber nicht in diesem Sektor arbeiten und wurde Berater. Nele Kapretz sammelte wie viele ihrer Gründer Erfahrungen in der Industrie. Jourvie-Chefin Alipiev arbeitete früher für den Pharmakonzern Pfizer, Kapretz bei T-Mobile. „Ich hatte dann keine Lust mehr, Jugendlichen Handyverträge zu verkaufen“, sagt sie.

Sie studierte nachhaltiges Ressourcenmanagent und ging zum Institut für ökologische Wirtschaftsforschung. Sie wollte aber immer etwas Eigenes gründen, und als sie Impact Hub kennenlernte, übernahm sie das Konzept, das wie ein Franchise-Unternehmen funktioniert. Inzwischen sind 14 Leute in Berlin angestellt. Sie betreuen die Unternehmen, sorgen für den Austausch untereinander oder mit Firmen, die zunächst nicht zu passen scheinen. Sie organisieren Veranstaltungen und Coachings, sorgen für den richtigen Mix und Kontakte zu Anwälten, Beratern oder Steuerexperten.

Ihre Eltern seien Alt-68er, berichtet die Unternehmerin. Aber anders als frühere Weltverbesser habe ihre Generation keine Berührungsängste mit der Großindustrie, man wolle kein losgelöstes Paralleluniversum schaffen. „Wer arbeitet mit diesen Leuten, wenn wir es nicht machen?“, fragt sie und berichtet von einem Führungskräftetagung bei BMW. Wenn dieser Konzern CO2 einspare, dann bringe das viel mehr als die nächste Demo gegen den Klimawandel.

Drei Projekte hätten den Hub zuletzt verlassen, weil sie zu groß geworden seien

Sie wollen mit unternehmerischem Handeln die Welt besser machen. Zu viel Theorie bremst da eher. Man halte sich nicht mit „elendigen Debatten“ auf, wer nun Sozialunternehmer sei und wer nicht. Die Entscheidungen, wer in die schmucken Räume des Berliner Impact Hubs einziehen darf, fallen „auch nicht basisdemokratisch“, sagt Kapretz.

Dennoch scheinen die Gründer einen guten Riecher zu haben. Stress sei selten, so wird versichert. Drei Projekte hätten den Hub in den vergangenen Monaten verlassen, weil sie zu groß geworden seien. Auch das ist normal in einem Gründerzentrum. Dass sie im Problemkiez am Mehringplatz sitzen, finden die Gründer gut, um sich mit den sozialen Realitäten der Stadt zu konfrontieren. „Für wen entwickelt sich die Stadt eigentlich?“, fragt Nele Kapretz. Sie wollen einen Beitrag leisten und Firmen aufbauen, die hier verwurzelt sind. Die meisten Tech-Start-ups, auf die Berlin so fixiert sei, „tun das nämlich nicht“.

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