Antisemitismus

„Du Jude“ ist auf Berliner Schulhöfen gängiges Schimpfwort

| Lesedauer: 4 Minuten
Regina Köhler
- Teilnehmer der Kundgebung „Steh auf! Nie wieder Judenhass!“ des Zentralrats der Juden in Deutschland 2014 vor dem Brandenburger Tor (Archivbild)

- Teilnehmer der Kundgebung „Steh auf! Nie wieder Judenhass!“ des Zentralrats der Juden in Deutschland 2014 vor dem Brandenburger Tor (Archivbild)

Foto: Maja Hitij / dpa

Berliner Lehrer sagen in einer Befragung, dass Antisemitismus und Islamismus unter Schülern zunehmen.

Antisemitismus und Salafismus unter Berliner Schülern mit türkisch oder arabischem Migrationshintergrund nimmt zu. Dies ist das Ergebnis einer Befragung von Lehrern an 21 Berliner Schulen, in Auftrag gegeben vom American Jewish Committee (AJC).

Deidre Berger, Direktorin des AJC Berlin sagte der Berliner Morgenpost, dass die Entwicklung besorgniserregend sei. Man wolle zwar keinesfalls ganze Gruppen stigmatisieren. Salafismus als Strömung des radikalen Islam sei aber stark missionierend und habe zunehmenden auch Einfluss an Schulen. Antisemitische Einstellungen seien bei Salafisten stark verbreitet.

Das Problem sei nicht neu, habe sich aber verstärkt, sagte Thorsten Metter, Sprecher von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Die Bildungsverwaltung werde jetzt noch intensiver dagegen vorgehen. Bedeutsam sei etwa das Modellprojekt „Demokratie stärken – aktiv gegen Antisemitismus und Salafismus“, das die Bildungsverwaltung vor zwei Jahren gemeinsam mit dem AJC aufgelegt habe. Im Rahmen dieses Projektes seien Lehrer von Berliner Schulen zu den Themen Antisemitismus und Salafismus fortgebildet worden.

Mit dem Start des Projektes begann das AJV auch mit der Befragung von 27 Lehrkräften an Schulen in acht Berliner Bezirken. Darunter waren Schulen in sozialen Brennpunkten in Mitte, Neukölln oder Reinickendorf aber auch solche in bürgerlichen Bezirken wie Steglitz-Zehlendorf oder Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Umfrage fand zwischen Herbst 2015 und Frühjahr 2016 statt. In diesem Zeitraum war eine Zunahme antisemitischer Tendenzen an den Schulen zu beobachten.

Identifikation mit der Religion steht im Vordergrund

Auf den Schulhöfen gehöre es zum Alltag, so die befragten Lehrer, sich unter den Schülern gegenseitig mit „Du Jude“ zu beschimpfen. Einige Lehrkräfte sprachen von einer Höherstellung der Glaubensinhalte durch Teile der Schülerschaft. Hätten sich die Schüler früher oft über eine ethnische Zugehörigkeit definiert, stehe heute die Identifikation mit dem Islam im Vordergrund, heißt es. Diese äußert sich nach Aussagen einiger Lehrer auch in einem ausgeprägten Wir-Ihr-Denken und in einer Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen, wie Nichtgläubigen, Christen, Juden oder anderspraktizierenden Muslimen.

Einige der Befragten berichteten auch von einer „Überprüfung“ des Schulstoffs durch religiöse Autoritäten wie Koranlehrer oder Moscheen. Mitunter würden die Aussagen dieser Institutionen von Schülern höher gewichtet, heißt es in der Studie. „Wir haben mittlerweile so eine Art Parallelbildung. Wir haben einerseits das, was in der Schule offiziell unterrichtet werden muss und dann haben wir bei vielen Schülern eben Moschee-Besuche, Moschee-Vereine, die da Einfluss nehmen“, sagte eine Lehrkraft.

Laut Deidre Berger berichteten einige Lehrer, dass Themen wie der Nahost-Konflikt oder das Judentum in manchen Klassen kaum besprochen werden könnten. „Die Jugendlichen setzen ihre Religion höher als demokratische Gesetze oder die Autorität des Lehrers.“ Zugleich würden sie Mitschüler, vor allem muslimische Mädchen, unter Druck setzen, sich absolut religionskonform zu verhalten. Berger sprach sich dennoch für einen Dialog in Schulklassen über den Nahost-Konflikt, über Israel und die Juden aus. Das Projekt „Demokratie stärken – Aktiv gegen Antisemitismus und Salafismus“ sei ein mutiger Schritt und deutschlandweit einmalig. „Wir sind zuversichtlich, dass wir damit etwas verändern können“, so Berger.

Laut Thorsten Metter habe man das Projekt gestartet, weil Lehrkräfte immer wieder gesagt hätten, dass sie unsicher seien und weiteres Arbeitsmaterial bräuchten um besser auf Antisemitismus und Salafismus unter Schülern reagieren zu können.

Kooperation mit Gedenkstätte Yad Vashem gestartet

Ein weiteres Projekt sei die gerade vereinbarte Kooperation mit Yad Vashem für einen Lehrkräfteaustausch und die Fortbildung von Pädagogen. Vorgesehen seien jährliche Fortbildungsmaßnahmen in Jerusalem und Berlin. Schwerpunkt dieser Fortbildungen sei der Holocaust.

Laut Metter forderte Bildungssenatorin Sandra Scheeres die Schulen auf, in konkreten Fällen von Antisemitismus schneller zu reagieren und sich umgehend an die Anti-Diskriminierungsbeauftragte der Bildungsverwaltung, Saraya Gomis zu wenden. Dies sei etwa im Fall der Friedenauer Gemeinschaftsschule nicht geschehen, sagte Metter. Dort war ein jüdischer Schüler von seinen türkisch- und arabischstämmigen Mitschülern wegen seines Glaubens beleidigt und angegriffen worden. Er wechselte schließlich die Schule.

Scheeres appellierte an die Schulen, sich in solchen und ähnlichen Fällen sofort bei der Bildungsverwaltung Hilfe zu holen oder andere externe Experten zu Rate zu ziehen.