Berlin

Studie zeigt Skepsis gegenüber der Demokratie

Forscher befragten Jugendliche im Bezirk Marzahn-Hellersdorf

Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen, die im Bezirk Marzahn-Hellersdorf leben, stehen der Demokratie distanziert gegenüber. Nur jeder Fünfte interessiert sich für Politik und nur ein Drittel der Jugendlichen glaubt, dass es wichtig ist, sich für die Gesellschaft zu engagieren. Ein Viertel der befragten Jugendlichen würde keine Partei wählen, wenn jetzt Wahl wäre. Die AfD würden allerdings nur 9,3 Prozent wählen. Das sind erste Ergebnisse einer Untersuchung von Forschern der Alice-Salomon-Hochschule Berlin, die ihren Standort in Hellersdorf hat.

Heinz Stapf-Finé, Professor für Sozialpolitik an der Hochschule, sagte am Dienstag bei der Vorstellung erster Ergebnisse, dass es Ziel der Untersuchung sei, herauszufinden, wie solche demokratiedistanzierten Haltungen bis hin zu menschenfeindlichen Handlungen entstehen. Marzahn-Hellersdorf sei beispielhaft für die Entwicklung von Demokratieferne. Zunächst habe es so ausgesehen, als habe man dort das Problem durch viele Programme gegen Rechtsextremismus und zur Stärkung der Demokratie im Griff. Im Zuge der Aufnahme vieler Flüchtlinge seien rassistische Ressentiments aber wieder aufgeflammt. Bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus im September 2016 sei die AfD zur stärksten politischen Kraft im Bezirk geworden.

Die Studie enthält auch Handlungsempfehlungen

Die Studie der Alice-Salomon-Hochschule enthält auch Handlungsempfehlungen für die Politik. Für diesen Part war Stefan Komoß (SPD) verantwortlich, der bis 2016 Bürgermeister des Bezirks war. Komoß sagte, dass es wichtig sei, den Menschen zuzuhören und sie zu respektieren. „Die Vertreter der Demokratie müssen aktiv auf die Menschen zugehen, die sich distanziert verhalten“, forderte er. Man müsse verhindern, dass sie abdriften und ihnen dort, wo sie wohnen, politische Angebote zur Verbesserung ihres Lebens machen. Zudem müssten Ehrenämter und Engagement in Musikschulen oder Sportvereinen stärker anerkannt werden. Politik finde eben nicht nur in Parteien statt. Gleichzeitig betonte Komoß, dass man Demokratiefeinden klare Kante zeigen müsse. Wer sich als Gegner der Demokratie äußere, müsse geächtet werden.

Die Untersuchung, die von der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin gefördert wird, läuft seit März dieses Jahres und soll insgesamt 20 Monate dauern. Heinz Stapf-Finé sagte, dass jetzt auch Erwachsene befragt werden sollen. „Wir wollen herausfinden, warum Menschen der Demokratie skeptisch gegenüberstehen.“ Als Potenzial, das es zu nutzen gilt, bezeichneten die Forscher indes die Tatsache, dass 60 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen gern in Marzahn-Hellersdorf leben und 63 Prozent optimistisch in die Zukunft schauen. „Das müssen wir nutzen“, sagte Komoß.