Forschung

Mehr Geld: Charité entwickelt Alternativen zu Tierversuchen

In Berlin soll ein neues Zentrum geschaffen werden, in dem medizinische Kompetenzen gebündelt und ausgebaut werden.

Berlin soll "Hauptstadt der Erforschung von Alternativen zu Tierversuchen"

Berlin soll "Hauptstadt der Erforschung von Alternativen zu Tierversuchen"

Foto: imago stock&people

Berlin.  Die Zahl der Tierversuche in der medizinischen Forschung soll in den kommenden Jahren deutlich reduziert werden. Die Charité will gemeinsam mit der Freien Universität Berlin und weiteren wissenschaftlichen Einrichtungen verstärkt Alternativmethoden entwickeln und die Initiative für ein Umdenken in der biomedizinischen Forschung übernehmen.

Dafür soll ein überregional bedeutendes Zentrum geschaffen werden, in dem medizinische Kompetenzen gebündelt und ausgebaut werden. So sieht es der neue Finanzierungs- und Leistungsvertrag zwischen dem Land Berlin und der Charité für die Jahre 2018 bis 2022 vor, der in Kürze unterzeichnet werden soll. Der Vertragsentwurf liegt der Berliner Morgenpost vor.

Im Vertrag mit dem Land Berlin sind bereits Zuschüsse von insgesamt 8,6 Millionen Euro in den kommenden fünf Jahren für das wissenschaftliche Zentrum enthalten. Ein Gesamtfinanzierungskonzept soll nun zusammen mit der Einstein-Stiftung und weiteren Partnern und Geldgebern erarbeitet werden. „Ziel ist, Berlin zur Hauptstadt der Erforschung von Alternativen zu Tierversuchen zu machen“, heißt es im Vertrag. „Tierversuche sind notwendig, wenn wir die Medizin nach vorne bringen und Menschen heilen wollen“ erklärte der Charité-Vorstandsvorsitzende Karl Max Einhäupl.

Er räumte aber ein, dass es auch unnötige Versuche gebe. Wichtig sei ein bewussterer und strikterer Umgang damit. Alternativen könnten etwa durch die Nutzung von Zellkulturen entwickelt werden. Einhäupl will „eine neue Kultur des Umgangs mit Tierversuchen“ an der gesamten Charité etablieren. Diesen Prozess soll das geplante Institut führen, sagte er der Berliner Morgenpost. In Berlin wurden 2015 insgesamt rund 188.000 Tiere in Tierversuchen eingesetzt. Das Charité-Labor in Buch hat eine Kapazität für 40.000 Tiere.

In dem Vertrag verpflichtet sich das Universitätsklinikum auch, einen zusätzlichen Studiengang einzurichten. Dort sollen Pflegeexperten ausgebildet werden. Der Studiengang wird voraussichtlich zum Wintersemester 2019/2020 mit einer jährlichen Kapazität von 60 Studenten eröffnet. Damit erhöht sich die Anzahl der Studienplätze an der Charité deutlich. Die Zahl der Studienplätze in den grundständigen medizinischen Studiengängen bleibt mit mindestens 840 allerdings gleich.

Weitere Neuerungen, die der Vertrag vorsieht, sind eine Einrichtung für Palliativmedizin mit einer zusätzlichen Professur sowie die Weiterentwicklung der „Berlin School of Public Health“, die die Charité in Kooperation mit Universitäten und Hochschulen betreibt. Die bereits existierenden Studiengänge und die Kooperation mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst in Berlin sollen ausgebaut werden.

Charité bekommt mehr Geld vom Land Berlin

Der neue Finanzierungsvertrag stellt die Charité finanziell besser als bisher. Der Zuschuss des Landes beträgt im kommenden Jahr 203,7 Millionen Euro und wird analog zu der Regelung in den Hochschulverträgen jedes Jahr um 3,5 Prozent erhöht. 2022 beträgt er dann bereits 235,5 Millionen Euro. Zudem erhält die Charité jährlich 11,4 Millionen Euro Bundesmittel aus dem Hochschulpakt. Aus diesen Zuschüssen muss die Charité allerdings auch die beschriebenen Leistungen finanzieren.

Wichtig sind für das Universitätsklinikum auch Investitionszuschüsse, mit denen Neubauten und Sanierungen finanziert werden. Der Vertrag sieht auch bei den allgemeinen investiven Zuschüssen eine jährliche Steigerung von 3,5 Prozent vor. Sie liegen 2018 bei 33,7 Millionen Euro und 2022 bei 38,6 Millionen Euro. Da weitere Einzel-Bauvorhaben über den Landeshaushalt finanziert werden, kann die Charité in den kommenden fünf Jahren mit Investitionszuschüssen von 90 bis 100 Millionen Euro pro Jahr rechnen.

Charité-Vorstandschef Karl Max Einhäupl ist zufrieden mit dem neuen Finanzierungsvertrag. „Es ist zu begrüßen und anzuerkennen, dass das Land Berlin, das ja noch andere wichtige Aufgaben zu erfüllen hat, etwa 90 bis 100 Millionen pro Jahr für Investitionen zur Verfügung stellt.“ Damit könne man vieles reparieren, die Charité habe aber auch einen großen Sanierungsstau, sagte Einhäupl der Morgenpost. Die Steigerung um 3,5 Prozent pro Jahr auch beim konsumtiven Zuschuss sei mehr, als andere Bundesländer ihren Universitätskliniken zubilligten.

Finanzielle Sorgen durch Charité Facility Management

Dennoch plagen die Charité auch finanzielle Sorgen. Da sind zum einen Rückstellungen, die aufgrund von Zinsbelastungen gebildet werden müssten, so der Charité-Chef. Dieses Geld, immerhin etwa 13 bis 15 Millionen Euro in den kommenden fünf Jahren, stehe dann nicht zur Verfügung. Einhäupl hofft, dass der Senat diese Rückstellungen übernimmt, die Verhandlungen darüber sind noch nicht abgeschlossen.

Das größte Risiko aus Sicht des Universitätsklinikums stellt aber die von der rot-rot-grünen Regierungskoalition geplante vollständige Überführung der Dienstleistungstochter Charité Facility Management (CFM) in öffentliches Eigentum dar. Damit sollen auch die Beschäftigten besser entlohnt werden. Am vergangenen Mittwoch wurde der Stundenlohn bei der CFM von durchschnittlich zehn auf elf Euro angehoben.

„Mit diesen elf Euro können wir die Charité noch im grünen Bereich halten“, so Einhäupl. Werde der Stundenlohn weiter erhöht, etwa auf Niveau des Tarifvertrages im Öffentlichen Dienst (TVÖD), sei dies ausgeschlossen. Die Mehrkosten müssten an anderer Stelle eingespart werden, ein Krankenhaus könne nicht die Preise erhöhen. Die vollständige Anwendung des TVÖD würde die Charité nach ihren Berechnungen etwa 29 Millionen Euro pro Jahr kosten und den Betrieb ohne Ausgleich vom Land Berlin ins Defizit führen.

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