Projekt

Mit dem "Bus der Begegnungen" für Demokratie auf Tour

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Martin Niewendick
Das Team will sich gegen rechte Stimmungsmache einsetzen

Das Team will sich gegen rechte Stimmungsmache einsetzen

Foto: Peter van Heesen

Ein Team um den Berliner Aktivisten Shai Hoffmann will vor der Bundestagswahl durchs Land fahren und für Zusammenhalt werben.

Je näher der Herbst und damit die Bundestagswahl rückt, desto näher rücken viele Politiker dem Bürger. Ob die Grünen auf Haustür-Wahlkampf gehen, Martin Schulz öffentlich eine Currywurst verdrückt oder Angela Merkel die Bierzelt-Rednerin gibt: Ohne die „kleine Mann“-Rhetorik stürzt sich kaum ein Volksvertreter ins Getümmel. Bürgernähe heißt das Stichwort, aber die hat in Zeiten schwindender Wahlbeteiligung und Politikverdrossenheit ein Glaubwürdigkeitsproblem.

Deshalb wollen einige Engagierte eine Woche vor der Bundestagswahl die Dinge selbst in die Hand nehmen und herausfinden, was die Menschen wirklich umtreibt. Der Berliner Schauspieler und Aktivist Shai Hoffmann hat gemeinsam mit rund 15 Mitstreitern den „Bus der Begegnungen“ ins Leben gerufen. Mit diesem möchten sie sechs Tage lang durch Deutschland touren und dabei vor allem kleine und mittelgroße Städte ansteuern. Am Ende der Reise soll der rot-weiße Doppeldecker-Bus in Pankow ankommen.

"Wir reden auch mit Neonazis"

Bei gemeinsamen Aktionen wollen die Teilnehmer mit den Bürgern vor Ort ins Gespräch „über Gott, die Welt und Politik“ kommen. In einem mobilen Videostudio sollen dazu filmische Porträts der Begegnungen festgehalten und in einem Videotagebuch archiviert werden. Die Initiative ist überparteilich, Organisationen wie die Berliner „Salaam Schalom Initiative“ oder „Kleiner Fünf“ sind mit an Bord.

„Wir möchten mit den Menschen kochen, mit ihnen ‚Urban Gardening‘ betreiben und spielen“, sagt Shai Hoffmann. Über die Aktivitäten wolle man auf eine Ebene kommen, auf der man sich nicht mehr hassen könne, weil man sich sympathisch finde.

In einigen Orten auf der Route könnte dies durchaus zur Herausforderung werden. Mit dabei ist etwa der 12.000-Einwohner-Ort Anklam in Mecklenburg-Vorpommern, der wegen seiner großen neonazistischen Szene überregional berüchtigt ist. Die NPD ist hier eine feste Größe. Bei der Landtagswahl 2011 bekam die rechtsextreme Partei 9,3 Prozent der Stimmen. 26,2 Prozent entfielen auf die AfD. Was tun, wenn plötzlich Neonazis im Demokratie-Bus sitzen?

„Wir werden auch zum Gespräch bereite Neonazis auf einen Kaffee oder eine Ofenkartoffel einladen“, sagt Hoffmann. Dank der Diskussionsleitfäden der Demokratie-Initiative „Kleiner Fünf“ sei man auf rassistische Argumente vorbereitet und könne entsprechend reagieren. Auch seien geschulte Menschen dabei, die im Zweifel deeskalieren könnten. „Uns geht es um die Protestwähler und Unentschlossenen, denen wir ehrlich und aufrichtig begegnen möchten.“

Einen Haken hat die Bus-Tour durch Deutschland dann doch. Weil der „Bus der Begegnung“ nur 60 Km/h fährt und die Zeit begrenzt ist, wird sich die Reise auf Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin beschränken. Sachsen-Anhalt werde nicht angefahren, da dort bereits eine andere Initiative unterwegs sei. „Damit wollen wir keinesfalls signalisieren, dass es nur Probleme in Ostdeutschland gibt“, sagt Hoffmann. „Uns ist bewusst, dass Demokratie-Müdigkeit ein gesamtdeutsches Phänomen ist.“ Am Montag startete das Crowdfunding für die privat finanzierte Aktion.