Umweltschutz

Spandau will mit Kaffeebecher-Projekt Vorreiter werden

„Spandau macht Mehrweg“: 20 Cent soll der Kunde Rabatt erhalten, wenn er seinen eigenen Becher mitbringt.

„Kaffee 26“-Inhaberin Denise Sadowski will bei der „Kaffeetankstelle für Mehrweg“ mitmachen

Foto: Brigitte Schmiemann / BM

Der in Berlin angestrebte Wechsel von Einweg- auf Mehrwegbecher beim Coffee to go nimmt in Spandau bereits konkrete Formen an. "Spandau macht Mehrweg" heißt das Projekt, das Ende des vergangenen Jahres mit vorbereitenden Untersuchungen begonnen hat und jetzt in die Praxis geht – mit Slogans wie "Coffee to stay", "Kaffeetankstelle" und "Spandau beschert Mehrweg". 20 Cent soll der Kunde Rabatt erhalten, wenn er seinen eigenen Becher mitbringt. Bei den Kaffeebechern könnte Spandau im Vergleich zu den anderen Berliner Bezirken Vorreiter werden. Es geht um private Mehrwegbecher, die nachgefüllt werden, sowie um ein Poolsystem mit einem Pfandbecher, der nicht nur in einer Filiale abgegeben werden kann.

Bei ersten Testläufen und Gesprächen mit Betrieben haben Martina Bergk und ihre Kollegin Angelika Schmitt von der Klimawerkstatt Spandau bereits feststellen können: "Die Unternehmen sind Mehrweg gegenüber aufgeschlossen. Aber die Verunsicherung über die Hygienevorschriften ist groß." Cornelia Niemeitz, die die Leitstelle für Nachhaltigkeit und Klimaschutz des Bezirksamtes sowie die Klimawerkstatt leitet, hat deshalb mit der Lebensmittelaufsicht die Vorgehensweise abgestimmt, wie ein hygienisches Befüllen von privaten Bechern in den Geschäften aussehen kann. Nämlich berührungslos.

100 Bäckereien in Spandau werden besucht

In einem Merkblatt werden dazu neun Empfehlungen gegeben: So soll es eine "Übergabezone" zum Befüllen der vom Kunden mitgebrachten Becher geben. Deckel müssen von den Kunden abgenommen werden, mit Umfüllgefäßen außerhalb des Betriebsbereichs soll der Tee, der Kaffee oder das Lebensmittel in die privat mitgebrachten Behälter kommen, ohne dass diese von den Nachfüllkannen, Löffeln oder Portionierbechern berührt werden.

Trotz dieser Handlungshilfen haben viele Betriebe noch Fragen. Aus ihren Erfahrungen wissen die Mitarbeiter der Klimawerkstatt, dass der Beratungsbedarf in den Geschäften in diesem Punkt besonders groß ist: "Sie wollen nichts falsch machen. Viele bitten uns, vorbeizukommen und sie bei der Anwendung zu beraten."

"Die Basisarbeit beginnt jetzt", freuen sich die zwei Mitarbeiterinnen. Als Erstes wollen sie jetzt rund 100 Bäckereien in ganz Spandau besuchen, die Kaffee ausschenken. Nach Einschätzung der Projekt-Mitarbeiterinnen haben die Bäcker nämlich Sorge, dass der Umsatz aus dem To-go-Geschäft wegfallen könnte. "Nur zehn Prozent der Coffee-to-go-Kunden haben überhaupt einen Mehrwegbecher, und eigentlich geht es auch um die Frage, Tasse statt Plastikbecher und im Sitzen statt im Laufen trinken", findet Martina Bergk. Unternehmer für ein Pool-System, Becher gegen Pfand, in Spandau einzuführen, schätzt die Leiterin der Klimawerkstatt als schwierig ein: "Das wird wohl eher in Berlins City beginnen, weil dort die Cafédichte höher ist. Wir werden auch darüber informieren, aber für Spandau sehen wir noch nicht das Potenzial, ein eigenes Netz aufzubauen. Da warten wir auf die Ergebnisse aus der City", sagt Cornelia Niemeitz.

1000 Mehrwegbecher fürs Stadion an der Falkenseer Chaussee

Erfolgreich mit Mehrwegbechern sind die Spandau Bulldogs. Ronaldo Edelmann, Vorsitzender des American-Football-Vereins, hat bereits 2009 die ersten 1000 Mehrwegbecher fürs Stadion an der Falkenseer Chaussee angeschafft. Die etwa 200 bis 400 Zuschauer, die jeweils zu den Spielen kommen, zahlen einen Euro Pfand für den 0,4 Liter Becher. Gereinigt wird er mit herkömmlichen Gastro-Bürstenspülvorrichtungen. Seit zwei Spielen gibt es auch die neuen Becher in den Größen 0,3 und 0,2 Liter. "Klar ist ein Paket Einwegbecher erst mal günstiger, aber auf Dauer mit dem Entsorgen dann allein wegen des Mehraufwands der Arbeit dann doch teurer", hat Edelmann ausgerechnet. Jetzt fehlt dem Verein nur noch der 0,5 Liter Becher für Biertrinker. Ab 2018, wenn der Verein 30 Jahre alt wird, soll es ihn geben. Sogar mit Griff.

Die gemeinnützige Stiftung "Vereinigung Wirtschaftshof Spandau e. V." will das Vorhaben unterstützen. Mehrweg in Spandau, so die Vorstandsvorsitzende Gabriele Fliegel, sei ein schwieriger, aber lohnenswerter Weg: "Für alle Aktionen braucht man Geduld, Überzeugungsarbeit und viele Aktionen und Vorbilder wie dieses, die mit gutem Beispiel vorangehen." Ziel des auf zweieinhalb Jahre angelegten Projekts ist es, die lokale Wirtschaft bei der Plastikvermeidung zu unterstützen, aber auch den Spandauer mit auf den Weg nehmen, warum Mehrweg für die Umwelt und den Klimaschutz besser ist. Es geht nicht nur um Alternativen zu den Einwegbechern beim Coffee to go, sondern auch für die Take-away-Verpackungen sowie die Plastiktüten. Finanziert wird das Projekt, für das insgesamt rund 400.000 Euro zur Verfügung stehen, je zur Hälfte vom Bezirk und der Senatswirtschaftsverwaltung mit Unterstützung aus dem europäischen Fonds für regionale Entwicklung (Efre).

Auch das "Kaffee 26" an der Jüden­straße will bei der "Kaffeetankstelle für Mehrweg" mitmachen. Etliche Kunden bringen bereits ihren eigenen Becher mit. Im Café-Kännchen wird der Kaffee fertig gemacht und dann berührungslos umgegossen. "Das funktioniert einwandfrei", sagt Denise Sadowski, die das Café vor neun Jahren mit ihrer Schwester Janine übernommen hat. In ihrer "Coffee to go station" benutzen sie bereits heute Becher aus recycelten Rohstoffen, auch die Servietten sind aus recyceltem Material. "Das ist nicht teurer. Und wir haben festgestellt, dass die Nachfrage nach Höherwertigem, das umweltverträglich ist, im Kommen ist", sagt Caféchefin Denise Sadowski. Und weil er nicht mehr will, dass so viel Plastikbecher in den Müll wandern, informiert sich auch Dietmar Haucke in der Klimawerkstatt über die unterschiedlichen Mehrwegbecher: "Für mich als Fußgänger und Radfahrer ist vor allem wichtig, dass der Becher dicht ist."

Klimawerkstatt Spandau, Mönchstraße 8 , Tel. 3979 86 69, E-Mail: info@klimawerkstatt-spandau.de, Öffnungszeiten: Dienstag 15 bis 18 Uhr, Donnerstag 10 bis 12 Uhr

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