Berlin

„Kommen Sie in einem Jahr wieder“

Jelena Tokarewa will Deutsche werden. Auf ihren Termin muss sie zwölf Monate warten

Am Ende hat sie für jede Minute dieses Termins auf einem Berliner Amt genau einen Monat gewartet. Denn vor einem Jahr ist Veranstaltungskauffrau Jelena Tokarewa ins Rathaus Tiergarten gegangen, um nach zweieinhalb Jahrzehnten in Deutschland ihre Einbürgerung zu beantragen. „Kommen Sie in einem Jahr wieder“ , sagte man ihr. „Um 11.20 Uhr“ Viel Vorlauf für ein langersehntes Beratungsgespräch – das letztlich nur zwölf Minuten dauerte.

Aktuellen Zahlen des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg zufolge wurden 2016 insgesamt 6127 Menschen eingebürgert. Im Vergleich zu 1991 (7515) ist das ein Rückgang um fast ein Fünftel. Jelena Tokarewa war ein Jahr später, im August 1992 in die Bundesrepublik gekommen. Verstrickt in die Wirren nationalistischer Auseinandersetzungen in der Heimat, die inzwischen als Republik Moldau firmiert, suchte ihre Familie Asyl in Deutschland. In Hamburg wurde sie in einem zum Flüchtlingsheim umfunktionierten Schiff untergebracht. „Der Umzug in eine eigene Wohnung nahe der Reeperbahn war da ein richtiger Aufstieg“, erinnert sie sich. Damit Jelena und ihre sechs Jahre jüngere Schwester nicht Tag und Nacht Sicht auf die halb nackt im Schaufenster sitzenden Frauen haben würden, suchte ihr Vater Igor bald dringend nach neuer Unterkunft.

Während Jelena Tokarewa jetzt vor einem Backshop neben dem Rathaus an der Turmstraße darauf wartet, dass die letzte Stunde vor dem Einbürgerungstermin vergeht, legt sie den blauen deutschen Ersatzreisepass auf den Tisch. Jenes Dokument, das den bewilligten Asylantrag, eine „unbefristete Aufenthaltserlaubnis“ seit 1999 belegt. So sehr sie das Privileg schätze, in Berlin zu leben, im renommierten Tipi am Kanzleramt zu arbeiten, in einem zweiten Job zukünftig den Eventbereich zu verantworten: Der blaue Ausweis ist für sie Zeugnis, in Deutschland nur zweitklassig zu sein.

„Ich lebe hier seit 25 Jahren – und darf nicht wählen“

Schauen Sie sich um“, sagt die 37-Jährige und weist die Turmstraße hinab: „Hier lebe ich und bin umgeben von anderen Menschen mit Migrationshintergrund, von denen viele den deutschen Pass haben. Dabei lebe ich in diesem Land seit 25 Jahren, kann aber nicht wählen und bin offiziell irgendwie fremd.“ Mit dem Pass habe man ihr an Flughäfen Probleme bereitet und im Postamt von Moabit ein Packet nicht ausgehändigt. „Vorn dreht einer misstrauisch den Ausweis hin und her und hinter einem bekommt es eine lange Reihe wartender Leute mit: Ich habe mich da immer furchtbar geschämt“, sagt sie .

Die Zahl der Einbürgerungsvorgänge pro Angestelltem variiert in den Berliner Bezirksämtern stark. Am meisten haben die vollzeitbeschäftigten Mitarbeiter in Pankow zu tun. Jeder kümmert sich dort um 413 Anträge. Während Mitte aktuell 12,5 Vollzeitstellen zur Verfügung hat und Neukölln zehn, sind in Pankow seit mehreren Jahren nur zwei Mitarbeiterinnen beschäftigt.

In Mitte kommen auf jeden Angestellten 220 Einbürgerungsvorgänge. Spandau hat drei Vollzeitstellen. Sie müssen jeweils 175 Fälle bearbeiten. Die wenigsten Vorgänge pro Person gibt es in Marzahn-Hellersdorf. Dort liegt die Zahl bei 140. Viele Jahre gab es dort nur eine Vollzeitstelle. Durch interne Umsetzung ist 2017 eine weitere hinzugekommen. In Treptow-Köpenick reicht seit fünf Jahren ein einzelner Sachbearbeiter. Er musste sich 2016 um 192 Einbürgerungsvorgänge kümmern.

So wie es keine einheitliche Zahl von Anfragen und Mitarbeitern gibt, sind auch die Wartezeiten in den Bezirksämtern höchst unterschiedlich. Wer die deutsche Staatsangehörigkeit bekommen möchte, kann seinen Einbürgerungsantrag nur in dem Bezirk stellen, in dem er wohnt. Dazu muss er allerdings wie Jelena Tokarewa in die Erstberatung.

Am längsten müssen Bewerber in Mitte darauf warten – wie Jelena Tokarewas in der Regel ein Jahr. Nach Angaben des Bezirksamtes richten sie dabei den Zeitpunkt des Beratungsgesprächs nach dem, was das Personal durchschnittlich bewältigt. In Friedrichshain-Kreuzberg dagegen ist für ein Beratungsgespräch keine Terminvereinbarung nötig. Es wird dann allerdings ein Zeitpunkt verabredet, an dem der ausländische Interessent seinen Antrag abgibt. Die Zeit bis dahin beträgt zwischen zwei und drei Monate.

Charlottenburg-Wilmersdorf bietet die Möglichkeit, spontan zur Sprechstunde zu kommen oder an einem anderen Wochentag nach vorheriger Absprache, dann mit einer Wartezeit bis zu drei Monaten. Die SPD-Abgeordneten Clara West und Karin Korte haben sich einen Überblick über die unterschiedlichen Regelungen in den Bezirken verschafft. Als Sprecherin für Integration war Korte ein ähnlicher Fall wie der Jelena Tokarewas zugetragen worden. „Ein Jahr zu warten – das kann doch nicht wahr sein, dachte ich“, sagt Korte. Die Nachfrage in ihrem Wahlbezirk Neukölln ergab, dass es dort keine Wartezeit sondern eine offene Sprechstunde gibt.

Sicherheitshalber etwas früher ins Wartezimmer

Sie vermutet, der Unterschied ergebe sich weniger aus der Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter sondern aus der Organisation der Abläufe in den Einbürgerungsbehörden. „In Neukölln heißt es etwa, wenn man 20-minütige Termine ansetzt, die aber in der Praxis nach fünf Minuten vorbei sind, potenziert sich die Wartezeit unnötig. Da bietet man lieber gleich offene Sprechstunden an.“ Korte will prüfen, ob Bewerber zukünftig nicht nur im Wohnbezirk sondern stadtweit ihre Anträge stellen können. Dies bieten etwa Bürgerämter für ihre Dienstleistungen an.

Jelena Tokarewa hat sich sicherheitshalber etwas früher ins Wartezimmer gesetzt. Sie ist Nummer 41 523, das hatte man ihr schon 2016 mitgeteilt. Endlich wird sie in Raum 40 gerufen, einen kahlen Raum mit zwei Schreibtischen und Computerbildschirmen. Höfliche Mitarbeiterinnen fragen nach Familienstand („ledig“) und Vorstrafen („nein“). Die Behörde, sagen sie, werde über sie ermitteln. Etwa bei den Landeskriminalämtern, bei Jobcenter und Verfassungsschutz. Tokarewa möge eine notariell beglaubigte Übersetzung ihrer russischsprachigen Geburtsurkunde vorlegen und sich zur „freiheitlich demokatischen Grund-ordnung“ bekennen. Per Unterschrift. 255 Euro werde sie das alles kosten, sagen ihr die Amtsfrauen.

Danach, wieder auf einen Kaffee im Backshop, packt sie noch einmal ihre schmalen langen Zigaretten aus. Überraschungen habe sie beim Termin glücklicherweise nicht erlebt. „Die Unterlagen habe ich schnell zusammen“, sagt sie. Kein Wunder. Bei einem Jahr Vorbereitungszeit.

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